Israel und Iran:Welchen Schaden die Raketen der Hisbollah anrichten, selbst wenn sie nichts treffen

Israelische Artillerie feuert Granaten auf Ziele in Südlibanon. Es sind Vergeltungsangriffe für Raketen, die zuvor die mit Iran verbündete Schiiten-Miliz Hisbollah nach eigenen Angaben auf Israel abgeschossen hatte.

Israelische Artillerie feuert Granaten auf Ziele in Südlibanon. Es sind Vergeltungsangriffe für Raketen, die zuvor die mit Iran verbündete Schiiten-Miliz Hisbollah nach eigenen Angaben auf Israel abgeschossen hatte.

(Foto: Jalaa Marey/AFP)

Die libanesische Hisbollah bekennt sich zu einem Raketenbeschuss auf Israel. Das könnte auch den Konflikt zwischen Israel und Iran weiter verschärfen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

An Israels Nordgrenze bahnt sich eine gefährliche Eskalation an: Am Freitag wurden aus Libanon zum zweiten Mal in dieser Woche Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert. Diesmal war es gleich eine Salve von 19 Raketen. Sie richteten zwar keinen direkten Schaden an, aber die Lage nahm im Nachhinein deutlich an Dramatik zu durch eine Bekenner-Erklärung: Anders als in vorherigen Fällen übernahm die schiitische Hisbollah-Miliz die Verantwortung für diesen Beschuss.

Im schlimmsten Fall kann dies eine Kettenreaktion gegenseitiger Vergeltung zwischen den beiden Kontrahenten in Gang setzen, die zuletzt im Sommer 2006 einen zerstörungsreichen einmonatigen Krieg mit insgesamt 1400 Toten gegeneinander geführt hatten.

Nach längerer Zeit der Ruhe waren in den vergangenen Monaten insgesamt schon fünf Mal Raketen aus Libanon in Israel eingeschlagen. Die ersten drei Vorfälle fielen in die Zeit des Gazakriegs im Mai und weckten in Israel Ängste vor einem Zweifrontenkrieg im Norden und Süden des Landes. Bislang machte Israel für den Beschuss im Norden ausdrücklich stets "palästinensische Terrorgruppen" verantwortlich - wissend allerdings, dass keine dieser Gruppen ohne Duldung oder Genehmigung der Hisbollah in Südlibanon operieren könnte.

Nachdem der Beschuss zunächst stets nur mit Artilleriefeuer beantwortet worden war, flog Israels Luftwaffe nach Raketeneinschlägen am Mittwoch erstmals seit 2014 weder Luftangriffe auf libanesisches Gebiet. Dies sollte offenkundig der Abschreckung dienen, ohne größere Schäden anzurichten.

Die Hisbollah ist Erfüllungsgehilfe Irans

Libanons Präsident Michel Aoun, der politisch mit der Hisbollah verbündet ist, sprach hinterher von einer "Aggression" und warf Israel eine Verletzung der UN-Sicherheitsratsresolution vor, die 2006 den Krieg beendet hatte. Die Hisbollah erklärte am Freitag, ihre Raketensalve sei eine Reaktion auf Israels Luftangriffe gewesen. Sie betonte dabei allerdings, nur "freie Flächen" beschossen zu haben. Dennoch war ungefähr die Hälfte dieser Raketen vom israelischen Iron-Dome-Abwehrsystem abgefangen worden. Dies wird normalerweise nur aktiviert, wenn unmittelbare Gefahr für bewohntes Gebiet besteht.

Der Schlagabtausch kommt zu einer heiklen Zeit mit vielerorts angespannten Fronten. In Libanon selber leidet die Bevölkerung unter einer schweren politischen und wirtschaftlichen Krise. Die dabei unter Druck stehende Hisbollah, die sich gern als Verteidiger Libanons präsentiert und über ein prallgefülltes Raketenarsenal verfügt, könnte daher bei einer Auseinandersetzung mit Israel auf Ablenkung hoffen. Allerdings ginge sie dabei auch ein enormes Risiko ein.

In erster Linie aber muss die von Iran abhängige Hisbollah als Erfüllungsgehilfe der Teheraner Politik gesehen werden. Die Raketen-Provokation an Israels Nordgrenze könnte daher als Warnung Irans verstanden werden, nachdem Israel mit Vergeltung wegen eines mutmaßlichen Drohnenangriffs mit zwei Toten auf ein Schiff vor der Küste von Oman gedroht hatte.

Vor diesem komplizierten Hintergrund könnte die Lage also leicht außer Kontrolle geraten. Ein israelischer Armeesprecher erklärte am Freitag zwar, "Israel habe keine Absicht, einen Krieg zu führen", warnte aber zugleich vor weiteren Provokationen an der Nordgrenze. Die israelische Führung mit Premier Naftali Bennett, Verteidigungsminister Benny Gantz und den Spitzen der Armee kam am Freitag zu Beratungen über das weitere Vorgehen zusammen. Die im Grenzgebiet operierende UN-Friedensmission Unifil rief beide Seiten mit deutlichen Worten auf, das Feuer einzustellen.

© SZ/pkr
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