Israel hat auf die internationale Empörung über die sich zuspitzende Hungerkrise im Gazastreifen reagiert und zu Wochenbeginn wieder Hilfslieferungen in das Küstengebiet gelassen, jedenfalls in größerem Umfang als bisher. Um das zu ermöglichen, hatte die israelische Armee auch am Montag eine zehnstündige Waffenruhe in drei dicht besiedelten Zonen zugesichert, wie sie bereits am Sonntag gegolten hatte.
Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen kritisierten aber den von der israelischen Regierung zugelassenen Umfang der Lieferungen als völlig unzureichend. Der Hilfskoordinator der UN, Tom Fletcher, nannte die bisherige Hilfe einen „Tropfen auf den heißen Stein“. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO vom Wochenende sind in diesem Monat bereits 63 Menschen im Gazastreifen an den Hungerfolgen gestorben, unter ihnen 24 Kinder. Laut dem von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministerium in Gaza sind allerdings allein von Sonntag auf Montag weitere 14 Menschen verhungert. 90 000 Frauen und Kinder müssten laut dem UN-Hilfswerk World Food Programme wegen akuter Unterernährung dringend behandelt werden. Zwei israelische Menschenrechtsorganisationen warfen ihrer eigenen Regierung am Montag wegen der „verheerenden“ Situation im Gazastreifen Völkermord an der palästinensischen Bevölkerung vor.
120 Lkws kamen am Sonntag an – mindestens 600 wären nötig
Nach israelischen Militärangaben wurden am Sonntag 120 Lkws über die Grenze nach Gaza gelassen, weitere 180 seien unterwegs. Sie könnten auf sogenannten „humanitären Korridoren“ zwischen sechs und 23 Uhr unterwegs sein. Militärmaschinen aus Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten durften am Sonntag 25 Tonnen Hilfsgüter per Fallschirm über dem Gazastreifen absetzen.
Die israelische Armee nannte die tägliche Waffenruhe, die bis auf Weiteres in Gaza-Stadt und in Deir al-Balah und Al-Mawasi direkt an der Mittelmeerküste gelten soll, eine „taktische Pause“. Allerdings hat die israelische Luftwaffe trotzdem erneut Angriffe geflogen. Dabei kamen nach palästinensischen Angaben am Sonntag mindestens fünf, im Laufe des Montags weitere 16 Zivilisten ums Leben.
Zwischen Januar und März hatte Israel zwischen 600 und 700 Lkw-Ladungen mit Hilfslieferungen in den Gazastreifen gelassen – die Menge, die nach UN-Einschätzung das Mindestmaß zur Versorgung der gut zwei Millionen Menschen im Gazastreifen ist. Beginnend im März aber hatte die israelische Regierung für elf Wochen die Versorgung komplett unterbrochen und seither im Schnitt nur noch 70 Lkws über die Grenze gelassen, ein Zehntel der benötigten Nahrungsmittel.
„Die Welt muss die Verbrechen, die Israel verübt, jetzt stoppen.“
Wegen der Blockade hat sich die israelische Regierung international zunehmend isoliert. Ihr wird vorgeworfen, Hunger als Waffe einzusetzen, ein Kriegsverbrechen nach internationalem humanitärem Recht. Regierungschef Benjamin Netanjahu hat die Vorwürfe als „glatte Lüge“ zurückgewiesen. Die EU droht Israel bereits seit Wochen mit der Aussetzung von Handelserleichterungen. Am Sonntag hatte Bundeskanzler Friedrich Merz in einem Telefonat mit Premier Netanjahu die Einhaltung humanitärer Grundsätze im Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen angemahnt.
Israelische Medien berichteten, dass sich die Regierung mit der Zulassung der Hilfe dem Druck der US-Regierung gebeugt habe. Auch die Waffenruhe sei erst auf amerikanisches Drängen hin zustande gekommen. Präsident Donald Trump hatte in jüngster Zeit zwar stets ein Ende der Kämpfe in Gaza angemahnt, Premier Netanjahu öffentlich aber nie unter Druck gesetzt. Auch am Wochenende während seines Aufenthalts in Schottland äußerte er sich nicht eindeutig. „Das Ganze ist ein einziges Chaos“, sagte er, angesprochen auf die Hungerkrise in Gaza. Zugleich betonte er aber, dass die USA bereits „zig Millionen“ für Hilfslieferungen geschickt hätten.
Die Kriegsführung in Gaza spaltet zunehmend auch die israelische Bevölkerung. Während Vertreter rechtsextremer Parteien die Wiederaufnahme vermehrter Hilfslieferungen einen „Fehler“ nannten, sprechen die Menschenrechtsorganisation B’Tselem und „Ärzte für Menschenrechte“ in einem am Montag veröffentlichten Report von einem „genozidalen Regime“, das darauf abziele, „die palästinensische Gesellschaft in Gaza zu zerstören“. B’Tselem-Direktorin Yuli Novak sagte bei der Vorstellung des Berichts: „Israel begeht Völkermord an den Palästinensern.“ Die internationale Gemeinschaft mache sich zum Komplizen, wenn sie nicht eingreife: „Die Welt muss die Verbrechen, die Israel verübt, jetzt stoppen.“
Armee-Sprecher Effie Defrin hatte zuvor bereits derartige Vorwürfe kategorisch bestritten: „Es gibt keinen Hunger in Gaza.“ Die Streitkräfte hielten sich an internationales Kriegsrecht und beobachteten täglich die Ernährungssituation der Bevölkerung.

