Die Ratifizierung des Abkommens zu einem Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen hat sich verzögert. Nachdem in Gaza manche Bewohner in der Nacht zum Donnerstag schon gefeiert und in Tel Aviv Krankenhäuser Vorbereitungen für die Rückkehr der Geiseln getroffen hatten, deutete eine Stellungnahme aus dem Büro des israelischen Premierministers bereits am frühen Donnerstagmorgen auf Probleme hin. Die Hamas versuche in einigen Punkten, nachzuverhandeln. Solange „die Unterhändler Israel nicht signalisieren, dass die Hamas alle Punkte des Abkommens akzeptiert“, werde das Sicherheitskabinett nicht zur Ratifizierung des lang erwarteten Deals zusammentreten, teilte ein Sprecher mit.
Offizielle der Hamas bestritten, neue Forderungen nachgeschoben zu haben. Und Opposition und manche Medien in Israel vermuteten, dass Premier Netanjahu eher Überzeugungsarbeit im eigenen Lager leisten muss. Seine rechtsgerichteten Koalitionspartner hatten zuletzt bekräftigt, ein Abkommen mit der Hamas grundlegend abzulehnen. Am Donnerstagabend drohte der rechte Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, ein weiteres Mal mit einem Rückzug aus dem Kabinett, sollte das Abkommen angenommen werden. Er wolle Netanjahus Koalition damit aber nicht zu Fall bringen. Wenn der Kampf gegen die Hamas weitergehe, würde er in seine Position zurückkehren wollen.
Dass ein Abkommen überhaupt wieder in Reichweite kam, schreiben Beobachter auch dem anstehenden Machtwechsel in Washington zu: Ägypten und Katar wollten Trump ihren Wert beweisen und zwangen die Hamas an den Verhandlungstisch, die USA erhöhten gleichzeitig den Druck auf Israels Premier. In der ersten Phase des Abkommens, in der die Hamas mehr als 30 Geiseln freilassen soll, verpflichtet sich Israel zum Rückzug aus dicht besiedelten Gebieten und zur Freilassung von Hunderten palästinensischen Gefangenen. Vom 16. Tag an soll über einen fast vollständigen Rückzug der israelischen Armee aus Gaza verhandelt werden. Nun sollen auch männliche Gefangene freikommen. In einer dritten Phase sollen die Konfliktparteien die Leichen verstorbener Geiseln und Gefangener austauschen und einen Wiederaufbau Gazas beginnen.
Eine sehr, sehr lange Zeit für so einen heiklen Prozess, in der es zu Störaktionen kommen könne, betonte Avi Kalo, der frühere Leiter der Abteilung für vermisste Soldaten beim Armeegeheimdienst, in einer Runde mit Journalisten. „Das macht es sehr kompliziert.“ Er befürchtete nicht nur, dass es zwischen israelischen Soldaten und Hamas-Kämpfern zu Schusswechseln kommen könnte, die wieder eine Eskalation in Gang setzen. Sondern auch, dass die Hamas versuchen könnte, den Prozess zu untergraben, einige Geiseln als eine Art Lebensversicherung zurückhält. Kalo sagte, es fehlten „Informationen dazu, ob die Verhandlungsführer einen Mechanismus etablieren konnten, wie mit mutmaßlichen Verstößen gegen die Waffenruhe umgegangen wird“. Ein solcher könne entscheidend dafür sein, „ob das Abkommen hält“.Zum Feiern war in Israel nur wenigen Menschen zumute. In die Freude auf die vielleicht baldige Heimkehr der Gekidnappten mischten sich Befürchtungen: Schon beim letzten Waffenstillstand im November 2023, als 105 Geiseln von der Hamas übergeben wurden, waren viele in schlechtem Zustand. Nun stelle man sich auch auf „wandelnde Leichen“ ein, wie es ein Regierungsmitarbeiter im Gespräch mit der SZ ausdrückte – und er befürchtete, dass die Zahl der noch lebenden Geiseln geringer ist als bisher erwartet. „Wir werden viele Enttäuschungen erleben.“
Auch auf dem „Platz der Geiseln“ im Zentrum Tel Avivs, an dem das Forum der Familienangehörigen der Entführten seit 15 Monaten Mahnwachen und Solidaritätsabende abhält, war die Stimmung eher gedrückt. Die Organisation der Angehörigen spricht von einem „signifikanten Schritt“, aber auch nur davon, dass er eine Rückkehr der Geiseln „näher bringt“. Bei einer Demonstration einer anderen Gruppe Angehöriger vor Hauptquartier der israelischen Armee dominierte eher der Zorn. „Warum schließen wir erst jetzt einen Deal, dessen Grundzüge bereits im Mai ausgehandelt waren?“, fragte die Cousine eines Entführten. „War das Taktieren das Leben der Geiseln wert, die seither gestorben sind?“
Unter den erklärten Gegnern von Benjamin Netanjahu hat man zudem die Sorge, dass der gar nicht vorhat, nach der 42-tägigen ersten Phase des Abkommens tatsächlich einen weitergehenden Rückzug der Armee aus dem Gazastreifen einzuläuten, um seine rechten Koalitionspartner nicht zu verlieren. Die Partei „Religiöser Zionismus“ machte am Donnerstag ihren Verbleib in Regierung davon abhängig, ob Netanjahu dazu bereit sei, nach der ersten Phase des Abkommens den Krieg wieder aufzunehmen und der Hamas eine vollständige militärische Niederlage zuzufügen.
Der Regierungsmitarbeiter, der guten Einblick in die Verhandlungen hatte, glaubt nicht an ein solches Szenario. „Wenn die Hamas sich an das Abkommen hält, wird sich Netanjahu daran halten. Er kann da nicht raus.“ Die bald ins Amt kommende Trump-Regierung sehe das Abkommen als Grundlage, die durch den Gazakrieg unterbrochene Annäherung von Israel und Saudi-Arabien wiederzubeleben und mit beiden Staaten eine Zukunftslösung für den Gazastreifen zu erarbeiten.
