Nahostkrieg„Es gibt keine Worte dafür“

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Tag des Schocks: Eine Frau trauert in Tel Aviv.
Tag des Schocks: Eine Frau trauert in Tel Aviv. Amir Levy/Getty Images

Die Hamas übergibt die Leichen von vier Geiseln. Für Israel ein besonders traumatischer Moment, der den Horror des 7. Oktober wieder hervorruft. Für die Hamas die Gelegenheit zu einer neuerlichen Propagandashow.

Von Peter Münch, Berlin

Es ist ein Tag der Trauer in Israel, ein Tag des Schocks, ein Tag der Wut. All diese Emotionen werden ausgelöst von vier Särgen, die am Donnerstag aus dem Gazastreifen überführt wurden. Die Leichen von vier Geiseln liegen darin, in deren Schicksal sich die ganze Grausamkeit dieses Konflikts spiegelt. Oded Lifshitz ist einer von ihnen, 83 Jahre ist er alt geworden, er hatte sein Leben der Suche nach Frieden verschrieben. Und in den anderen drei Särgen liegen den Berichten zufolge Schiri Bibas und ihre beiden Kinder Ariel und Kfir. Eine Mutter mit zwei kleinen Söhnen, vier Jahre alt der eine zum Zeitpunkt der Entführung, ein Baby von neun Monaten der andere.

Israel blickt an diesem Tag wieder in den Abgrund des 7. Oktober. Die Hamas dagegen lässt es sich nicht nehmen, auch dieses Kapitel des vereinbarten Austauschs von israelischen Geiseln gegen palästinensische Häftlinge als Propagandashow zu inszenieren. Wie in den Wochen zuvor schon, als insgesamt 24 Geiseln lebend an das Rote Kreuz übergeben worden waren, wurde auch für die Toten eine Bühne aufgebaut in Chan Junis, eine jubelnde Menge zusammengetrommelt, laute Musik gespielt. Hinter den vier schwarzen Särgen zeigen Fernsehaufnahmen als Bühnenbild den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu als Vampir. Dazu ein Schriftzug, der ihm die Schuld am Tod der Geiseln gibt. Sie seien „mit Raketen zionistischer Kampfjets getötet“ worden.

Das Land hat jeden Schritt im Drama um diese Familie verfolgt

Die genaue Todesursache muss nun in einem forensischen Institut nahe Tel Aviv geklärt werden, wo zunächst auch die Identität der Leichen überprüft werden sollte. Am frühen Donnerstagabend wurde offiziell bestätigt, dass einer der Toten Lifshitz ist. Jeden Schritt verfolgt das Land mit Schrecken in diesem Drama um die Familie Bibas, das nun endgültig zur Tragödie geraten ist. Am 7. Oktober waren die vier aus dem Kibbuz Nir Oz verschleppt worden – der Vater Jarden getrennt von seiner Frau Schiri und den Söhnen.  Jarden Bibas war am 1. Februar zusammen mit zwei weiteren Männern freigelassen worden.  „Mein Licht ist immer noch dort“, sagte er nach der Rückkehr aus Gaza. „Solange sie dort sind, ist hier alles düster.“

Schiri Bibas und die Kinder blieben verschollen – und waren zugleich allgegenwärtig in Israel. Direkt nach dem 7. Oktober schon war ein Video von ihrer Entführung immer und immer wieder zu sehen gewesen. Es ist der Stoff, aus dem die israelischen Albträume sind. Man sieht Bewaffnete, die eine verzweifelte Mutter verschleppen, die beiden kleinen Söhne hält sie in eine Decke gehüllt auf den Armen. Fotos von den Bibas-Kindern mit den auffällig rotorangefarbenen Haaren waren danach auf allen Demonstrationen zu sehen, auf Hauswänden und Laternenpfählen. Orange wurde in Israel zur Farbe der Kampagne für die Freilassung aller Geiseln.

Auch die Hamas nutzte diese Anteilnahme am Schicksal der Familie Bibas für ihren Psychokrieg. Als beim ersten Austausch von Geiseln gegen Gefangene Ende November 2023 ganz Israel auf die Freilassung der Mutter mit ihren kleinen Söhnen hoffte, verkündeten die Entführer aus Gaza, Schiri Bibas und ihre Kinder seien durch israelisches Bombardement zu Tode gekommen. Veröffentlicht wurde zugleich ein Video, das den schluchzenden Jarden Bibas zeigte, als ihm diese Todesnachricht überbracht wurde. Von israelischen Stellen aber wurde – anders als in zahlreichen ähnlichen Fällen – bis zuletzt der Tod von Schiri, Ariel und Kfir Bibas nicht offiziell bestätigt. Von „grausamer Propaganda“ der Hamas war zunächst die Rede, später allerdings immer häufiger von „großer Sorge“.

Von Netanjahu war noch kein Wort der Entschuldigung zu hören

Die Gefühlslage am Donnerstag versuchte dann Staatspräsident Isaac Herzog in Worte zu fassen – mit der Einleitung: „Es gibt keine Worte dafür.“ Er sprach dann von „Qual und Schmerz“, davon, dass „die Herzen einer ganzen Nation gebrochen“ seien. Und er bat „um Vergebung dafür, dass wir euch an diesem schrecklichen Tag nicht beschützt haben und dass wir euch nicht sicher nach Hause gebracht haben“.

Noch nie entschuldigt für das Versagen des Staats am 7. Oktober hat sich bislang Regierungschef Netanjahu, und auch nun beließ er es dabei, die Nation bereits am Abend zuvor per Videobotschaft auf einen „schweren Tag“ einzustimmen. Zugleich betonte er die Bereitschaft, den Kampf gegen die Hamas bis zu deren Ende weiterzuführen. „Es sollte der ganzen Welt das Herz zerreißen, weil hier zu sehen ist, mit wem wir es zu tun haben, mit welchen Monstern.“ Aus dem linken politischen Lager aber wurde Netanjahu am Donnerstag eine Mitschuld am Tod der Geiseln vorgeworfen, weil er einen Deal zu ihrer Befreiung lange aus Angst ums eigene politische Überleben hinausgezögert habe. „Sie sterben, und er rettet sich selbst“, schimpfte Jair Golan von der Partei Die Demokraten. Er forderte: „Wir müssen sie alle zurückbringen – jetzt.“

Ob das gelingt, ist weiter unklar. Rund 70 Geiseln sind immer noch in den Händen der Hamas, und vereinbart ist bislang nur, dass am nächsten Samstag im Zuge des bestehenden Abkommens noch einmal sechs lebende Geiseln freikommen sollen. Nächste Woche ist die Übergabe von weiteren vier Leichen geplant. Danach läuft die erste Phase der Vereinbarung ab, ohne dass bislang schon über eine Fortsetzung des Austauschs und damit auch über ein Kriegsende verhandelt worden wäre.

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