Vor dem Hauptquartier der israelischen Armee, einem gewaltigen Bauwerk mitten im Zentrum von Tel Aviv, steht am Donnerstagabend der Verkehr still. Demonstranten versperren den Linienbussen und Autofahrern den Weg. Durch ein Megafon liest eine Frau die Namen aller Geiseln vor, die sich im Gazastreifen noch in der Gewalt der islamistischen Terrororganisation Hamas befinden. Die Menge antwortet auf jeden Namen mit „Achschaw!“ - „Jetzt!“. Sie tragen die Fotos der überwiegend jungen Männer, auf überlebensgroßen Plakaten wie auf kleineren Bildern. Die Gesichter kleben auch längst an jeder Ecke der Stadt. Proteste wie diese hat es in den vergangenen eineinhalb Jahren ständig gegeben. Doch in diesen Tagen steigt die Anspannung der wartenden Familien. Denn die Befreiung der Geiseln wäre eigentlich zum Greifen nah.
Fast zwei Wochen sind verstrichen, seit der Krieg in Gaza offiziell enden sollte. Laut dem Waffenruheabkommen, auf das sich Israel mit der islamistischen Palästinenserorganisation Hamas im Januar geeinigt hatte, hätten in diesen Wochen Israels Truppen den Gazastreifen verlassen sollen. Alle noch lebenden Geiseln wären freigekommen, und die Gespräche hätten um den Wiederaufbau des zerstörten Küstenstreifens gekreist. Doch es kam anders.
Vertreter von Israel und Hamas sprechen derzeit in Doha über andere Ideen, es geht jetzt um eine Übergangslösung: Israelischen Medien zufolge soll der US-Sondergesandte für den Nahen Osten, Steve Witkoff, zuletzt vorgeschlagen haben, erst einmal fünf lebende und eine bestimmte Anzahl toter Geiseln freizugeben – um im Gegenzug den Waffenstillstand bis Mitte April zu verlängern. Auch die Hilfslieferungen in den Gazastreifen, die Israel seit knapp zwei Wochen unterbindet, sollen dem Vorschlag zufolge wieder möglich sein.
Angehörige der Geiseln campen vor dem Hauptquartier der israelischen Armee
Doch einen Durchbruch gibt es noch nicht. Und so warten auf der einen Seite die Menschen in Gaza, denen Israels Regierung nach den Hilfslieferungen nun auch noch die Elektrizität versagt. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz warnte bereits, dass die „Unterbrechung der Stromversorgung der einzigen Wasserentsalzungsanlage in Gaza“ und auch der Lieferstopp die Gefahr berge, „dass der Gazastreifen weiter in eine akute humanitäre Notlage gerät“. Israel sei nach dem humanitären Völkerrecht verpflichtet, die Versorgung der Zivilbevölkerung sicherzustellen.
Auf der anderen Seite warten die Angehörigen der Menschen, die noch immer von der Hamas gefangen gehalten werden. Sie und ihre Unterstützer haben am vergangenen Samstag begonnen, vor dem Hauptquartier der israelischen Armee zu campen. Mehr als hundert Zelte stehen dort nun auf dem Bürgersteig, Anwohner bringen Essen vorbei. Das Fitnessstudio gegenüber lässt sie kostenlos duschen, erzählt einer der Protestierenden. Alle hier wünschen sich die Freilassung der lebenden und toten Geiseln, so wie es seit dem Waffenstillstand im Januar jede Woche geschehen ist. 59 Menschen befinden sich israelischen Angaben zufolge noch in den Händen der Hamas, 24 von ihnen seien den Angaben zufolge wohl noch am Leben.

Das Forum der Angehörigen erklärte, dass sie gerade erst von den kürzlich freigelassenen Geiseln aus erster Hand erfahren hätten, „unter welch entsetzlichen Bedingungen die noch Gefangenen leben. Ihr Leid ist unvorstellbar“. Das Forum fordere „ein sofortiges und umfassendes Abkommen, um die Freilassung aller Geiseln sicherzustellen und diesen Krieg zu beenden“.
Ministerpräsident Netanjahu steht unter Druck, den Krieg in Gaza fortzuführen
Dass es im Januar überhaupt zu einem Abkommen kam, das ist zu einem großen Teil US-Präsident Donald Trump zuzuschreiben. Er hatte darauf gedrängt, dass noch vor seinem Amtsantritt die Kämpfe enden. Seitdem waren seine Beiträge zur Fortsetzung des Deals allerdings widersprüchlich. Zunächst hatte er über einen Wiederaufbau des Gazastreifens gesprochen, für den die dort lebenden Palästinenser den Küstenstreifen verlassen sollten – was auf internationalen Protest stieß.
In der vergangenen Woche ruderte er zurück. Niemand werde aus Gaza „vertrieben“, sagte er. Dann aber gab es einen Medienbericht, nach dem die USA unter anderem beim Sudan angefragt habe, Palästinenser aufzunehmen. Zugleich hatten Vertreter der US-Regierung erstmals direkte Gespräche mit der Hamas geführt. Ein Tabubruch, denn Verhandlungen mit Terrororganisationen schlossen die USA bislang aus. Es habe sich um einen einmaligen Versuch gehandelt, hieß es danach, und dass die Gespräche keine Früchte getragen hätten.
Die Hamas begrüßte Trumps jüngsten Rückzug von seinen Gaza-Plänen. Die Organisation bestand bislang auf einer Umsetzung des im Januar vereinbarten Abkommens, also auf einem permanenten Kriegsende. Aktuell, so berichten es israelische Medien, zeige sich die Hamas bereit, einen US-Staatsbürger freizulassen und die Körper von vier verstorbenen Geiseln, die sowohl die israelische als auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft innehatten.
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu steht innerhalb seiner Regierungskoalition unter Druck, den Krieg in Gaza fortzuführen. Seine rechtsextremen Koalitionspartner wollen den Abzug israelischer Truppen bislang nicht mittragen. Zudem fehlt ein Plan zum künftigen Umgang mit der Hamas. Dass die Organisation weiterhin politische Verantwortung in Gaza trägt, ist für Israel nicht vorstellbar.
Die Arabische Liga hatte eine Übergangsregierung aus Technokraten für Gaza vorgeschlagen sowie massive Hilfen für den Wiederaufbau. Ein Großteil der Gebäude in Gaza sind zerstört. Mehr als 48 000 Menschen sind palästinensischen Angaben zufolge ums Leben gekommen. Der Krieg hatte mit einem Massaker in Israel am 7. Oktober 2023 begonnen, bei dem israelischen Angaben zufolge etwa 1200 Menschen getötet und mehr als 250 Menschen entführt wurden.

