Süddeutsche Zeitung

Israel:Gekommen, um zu bleiben

Israels Ex-Premier Netanjahu und seine Familie leben auch nach der Abwahl noch in der offiziellen Residenz.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Ein Umzugswagen ist schon vorgefahren, auch Möbelpacker stehen mit riesigen Kisten bereit. In zwölf Jahren sammelt sich ja allerhand an. Aber sie werden nicht eingelassen, bewaffnete Sicherheitskräfte stellen sich ihnen in den Weg. Denn der Hausherr hat sie nicht bestellt. Ob in jenem Gebäude in der Balfourstraße im Jerusalemer Stadtteil Rehavia überhaupt gepackt wird, darüber wird im ganzen Land gerätselt. Bisher hat Israels Langzeitpremier Benjamin Netanjahu die offizielle Residenz noch nicht geräumt, in der er mit seiner Frau Sara und dem ältesten Sohn Yair wohnt.

An jenem Sonntag vor zwei Wochen, als die neue Regierung vereidigt wurde, traf bei einem Lieferservice eine Bestellung ein: Im Wert von 6000 Schekel, umgerechnet 1544 Euro, wurden Softdrinks geordert. Dass Netanjahu mit seiner Familie an diesem Tag nicht mit Champagner auf die neue Regierung anstoßen würde, das konnte man erwarten. Aber Softdrinks? Zumal der exquisite Geschmack der First Lady Sara aktenkundig ist.

Rosé-Champagner soll sie bei einem Geschäftsmann im Gegenzug für politische Gefälligkeiten ihres Mannes geordert haben, so steht es in Gerichtsakten. Wegen der Annahme von teuren Geschenken wie eben Champagner, Zigarren und Schmuck - und wegen anderer Vorwürfe - muss sich Netanjahu seit mehr als einem Jahr in einem Korruptionsprozess verantworten.

Und der Lieferservice fuhr oft vor in der Balfourstraße. Sara Netanjahu orderte binnen drei Jahren Speisen aus Luxusrestaurants im Wert von 86 000 Euro - auf Kosten der Steuerzahler, wobei die auch schon für eine Köchin aufkommen. Dabei hat die frühere Stewardess durchaus ein Gespür dafür, wie man im Haushalt sparen kann. Von Bediensteten ließ sie sich das Pfand für rund 80 000 Flaschen aushändigen, die auf Staatskosten gekauft worden waren.

Im Zuge des Gerichtsprozesses gegen Sara Netanjahu wurde auch bekannt, dass sie immer mal Schmutzwäsche mit ins Ausland genommen hat. In der Regel waren es vier oder fünf, einmal sogar acht Koffer, die bei Dienstreisen eingepackt wurden, um in ausländischen Luxushotels gereinigt zu werden. Die First Lady rieche das Hotel-Waschmittel so gerne, so die Begründung.

Auch Sohn Jair genoss das Leben in Saus und Braus: 2015 wurde bekannt, dass er sich mit zwei Freunden durch Striptease-Lokale in Tel Aviv bewegt hatte - im Dienstwagen mit Chauffeur und Bodyguard.

Und auf diese Annehmlichkeiten soll Familie Netanjahu nun verzichten? Als bekannt wurde, dass Netanjahu auch nach der Amtseinführung der neuen Regierung weiterhin offizielle Gäste empfängt, etwa die ehemalige amerikanische UN-Botschafterin Nikki Haley, reichte es seinem Nachfolger. Bennett setzte der Familie Netanjahu für dieses Wochenende eine Frist für den Auszug, die dann aber auf den 10. Juli verlängert wurde. Der Umzugswagen - organisiert von "Bibi go home"-Aktivisten - steht ja schon bereit.

Immerhin haben die Netanjahus ihre Privatresidenz in Cesarea schon so ausgestattet, dass man dort gut leben können sollte - natürlich auf Kosten der Steuerzahler.

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