Entführung in den Gazastreifen:Familien der Hamas-Geiseln: "Scholz gibt uns Hoffnung"

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Angehörige von Israelis mit deutschen Pass, die während des Hamas-Angriffs entführt wurden, Gili Roman, Yoni Asher, Efrat Machikawa, Hannan Cohen, Shaked Haran und Ricarda Louk (von rechts) sprechen auf einer Pressekonferenz nach einem Treffen mit dem deutschen Bundeskanzler Scholz in Tel Aviv. (Foto: Ilia Yefimovich/dpa)

Die Angehörigen der von der Hamas verschleppten Deutschen haben sich in Tel Aviv mit Kanzler Scholz getroffen. Sie wollen Druck auf die Bundesregierung ausüben. Ihre wichtigste Forderung: ein Lebenszeichen ihrer Familienmitglieder.

Von Katja Guttmann und Oliver Klasen

Es sind nur bruchstückhafte Informationen, die über die von der Hamas verschleppten Geiseln an die Öffentlichkeit dringen. Es gibt die Worte von Angehörigen, die um das Leben ihrer Liebsten bangen. Es gibt die Statements der westlichen Regierungen, deren Vertreter vermutlich längst nicht alles vor der Kamera sagen, was sie wissen, um das Leben der Geiseln nicht noch mehr zu gefährden, als es ohnehin schon gefährdet ist. Und seit Montag gibt es auch ein Video von einer der Geiseln, verbreitet von der Hamas. Zu sehen ist in dem einminütigen Clip eine junge Frau, 21 Jahre alt, mit französischem und israelischem Pass, ihre Mutter hat sie auf den Aufnahmen wiedererkannt. "Holt mich hier bitte so schnell wie möglich raus", sagt die Frau. Offenkundig ist sie verletzt, man sieht in dem Video, wie ihr jemand eine Wunde am Arm verbindet.

Wo, wann und unter welchen Umständen das Video entstanden ist, ist unklar. Ebenfalls unklar ist, wie viele Menschen genau die Hamas in ihre Gewalt gebracht hat, als sie am 7. Oktober die Grenzanlagen zu Israel durchbrach, in mehrere Siedlungen eindrang und dort ein Massaker verübte, dessen Ausmaß der israelische Präsident Isaac Herzog mit den Worten umschreibt, noch nie seit dem Ende des Holocaust seien an einem Tag so viele Juden ermordet worden.

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Man habe 199 Familien darüber informiert, dass ihre Angehörigen verschleppt worden seien, sagt die israelische Armee. Ein Sprecher der Hamas behauptet, dass bis zu 250 Menschen in den Gazastreifen entführt wurden - Israelis und ausländische Staatsbürger. 200 von ihnen halte die Hamas gefangen, den Rest andere militante Gruppen. 16 der Geiseln, so die bisherigen Informationen der Bundesregierung, sind Deutsche, offenbar haben alle von ihnen auch die israelische Staatsbürgerschaft.

Die Angehörigen dieser Geiseln trafen sich am Dienstag mit Kanzler Olaf Scholz in Tel Aviv. 40 Minuten lang habe sich der Kanzler Zeit genommen, um jede ihrer Geschichten persönlich zu hören, sagte Gili Romann, Bruder der verschleppten Yardan Romann, bei einer anschließenden Pressekonferenz. Er fühle sich durch den Besuch des deutschen Kanzlers sehr gestärkt: "Er ist der Mann der Stunde. Wir glauben an seine Fähigkeit, allen Einfluss Deutschlands zu nutzen, um die Geiseln von der Hamas zu befreien", so der Deutsch-Israeli. Auch der 85-jährige Hannan Cohen hofft auf politischen Druck von deutscher Seite, um seine Schwester wiederzusehen, die vermisst wird. "Was Scholz versprochen hat, gibt uns Hoffnung". Denn auch, dass der Kanzler nach Ägypten weiterfliege zu weiteren Gesprächen dort, sei für ihn ein gutes Zeichen, so Cohen.

Ein Lebenszeichen ist die dringende Forderung

Weil es für die Angehörigen am schlimmsten ist, nichts von den verschleppten Familienmitgliedern zu wissen, forderte die Anwältin Shaked Haran bei der Pressekonferenz ganz konkret: "Wir brauchen unverzüglich Lebenszeichen und Informationen, in welchem Zustand die Geiseln sind". Die Hamas müsse diese Informationen liefern. Das könne auch über das Rote Kreuz oder eben Länder wie Deutschland laufen. Haran vermisst zehn Familienmitglieder, auch eine philippinische Pflegekraft wurde verschleppt, wie Haran der SZ erzählte. Ihre Eltern leben im Kibbuz Be'eri, in dem die Hamas mehr als 100 Menschen tötete.

Die Ungewissheit ist auch schlimm für Ricarda Louk, die über einer Woche lang nichts mehr von ihrer 22-jährigen Tochter Shani gehört hat, die schwer verletzt in einem Krankenhaus in Gaza liegen soll. Sie kämpft während ihrer Rede mit den Tränen: "Nichts zu wissen, macht uns verrückt". Alle sieben Angehörige, die bei der Pressekonferenz sprachen, wollen am Sonntag an einer Kundgebung für die Freilassung der Hamas-Geiseln in Berlin teilnehmen, kündigten sie an.

Der Bundeskanzler war nach Tel Aviv geflogen, um Israels Regierung seine Solidarität zu versichern. Er traf Premierminister Benjamin Netanjahu, er traf Staatspräsident Herzog, und dann, kurz bevor der Kanzler am Abend weiter nach Ägypten flog, kam der wohl schwerste Teil seines Besuchs: Er musste erklären, was die Bundesregierung tut, um die Geiseln freizubekommen.

Denn einen direkten Kontakt zu den Geiseln gibt es, nach allem, was die Bundesregierung sagt, nicht. Deutschland nutze indirekte Gesprächskanäle, man stehe in engem Kontakt zu den Regierungen in Katar, Ägypten und der Türkei - alles Länder, die einen gewissen Einfluss auf die Hamas haben könnten.

"Diese Gespräche sind wahnsinnig komplex und wahnsinnig schwierig. Da arbeiten wir Tag und Nacht dran", sagt die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock. Sie war bereits am Freitag nach Israel gereist, auch in den Süden des Landes, dort, wo die Hamas wütete und 1400 Menschen ihr Leben verloren. "Wir haben das Schlimmste gesehen, was man sich vorstellen kann", sagte sie, nachdem ihr ihr Kollege Eli Cohen Bilder gezeigt hatte, die die israelische Armee aufgenommen hatte.

So wie Scholz nun hat sich auch Baerbock am Freitag mit den Angehörigen der Geiseln getroffen. Direkt neben ihr saß bei dem Termin Yoni Asher, der seit zehn Tagen seine Frau, seine beiden Töchter, seine Mutter und deren Mann vermisst. Es gibt ein Bild, das zeigt, wie die Außenministerin ihm den Arm auf die Schulter legt. Gegen 10.30 Uhr am 7. Oktober erhielt er den letzten Anruf von seiner Frau, im Hintergrund waren Schüsse zu hören. Später sah er sie und seine beiden Töchter in einem Video, das im Netz kursiert, zusammengepfercht auf der Ladefläche eines Wagens liegen. Er vermutet sie im Gazastreifen.

Selbst für Spezialeinheiten ist es schwer, die Geiseln zu befreien

Wo genau, ist selbst für die israelische Armee kaum herauszufinden. Sie vermutet, dass die Terroristen die Geiseln über das Gebiet verteilt haben. Israelische Cyberexperten analysieren mit Hilfe von künstlicher Intelligenz die Videos, die die Hamas von dem Überfall ins Netz gestellt hat, um Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort der Geiseln zu ziehen.

Vorsichtig optimistisch, was die Verhandlungen zur Freilassung der Geiseln angeht, äußert sich der französische Präsident Emmanuel Macron. Er wolle keine falschen Hoffnungen wecken und die Gespräche nicht gefährden, "aber sie kommen voran, wir verfolgen die Verhandlungen stündlich". Man habe Kontakte zu "mehreren befreundeten Mächten", die mit der Hamas in Kontakt stünden, "um die Freilassung aller Geiseln" zu erreichen. 21 französische Staatsbürger sind von der Hamas verschleppt worden, darunter auch die Frau aus dem eingangs erwähnten Video.

Die Hamas behauptet, einige Geiseln seien durch die Luftangriffe der israelischen Armee auf den Gazastreifen bereits zu Tode gekommen. Ob das stimmt, ist unklar. Möglicherweise werden die Entführten in dem weit verzweigten Tunnelsystem versteckt. Dann dürfte es sehr schwer sein, sie zu befreien, selbst mit Spezialeinheiten, über die Israel verfügt. Vorerst bleibt also für die Angehörigen der Geiseln kaum mehr als die Hoffnung, dass die Gefangenen für die Hamas lebendig wertvoller sind als tot.

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