Propaganda bleibt eine der schärfsten Klingen im Krieg – so raffiniert oder plump die Slogans sein mögen. Das ist im Krieg zwischen Israel und Iran nicht anders. Die iranischen Revolutionsgarden haben jüngst erklärt, die Streitkräfte der Islamischen Republik hätten „die totale Kontrolle über den Luftraum der besetzten Gebiete gewonnen“. Das richtete sich an die ganz Ahnungslosen unter den Iranern: Am selben Tag waren am Flughafen Ben Gurion erste Maschinen voller Israelis gelandet, die bei Kriegsbeginn weltweit gestrandet waren und die es nach Hause zog. Und zu den besetzten Gebieten zählt aus iranischer Sicht eben ganz Palästina – und damit das heutige Israel. Der Flughafen Ben Gurion nahe Tel Aviv müsste also eine einzige No-fly-Zone sein, über dem Land müssten iranische Jets zirkeln. Was sie nicht tun.
Tag und Nacht schlagen dennoch weiter iranische Raketen ein. Das in Wellen verlaufende Bombardement wirkt inzwischen mehr wie psychologischer Terror denn wie ein wirkungsvolles militärisches Vorgehen. Aber die Angriffe am Donnerstagmorgen haben gezeigt, dass Teheran nach den inzwischen sechs Tagen anhaltenden Luftangriffen der Israelis vielleicht nicht mehr über ausreichende Mittel für wirklich gezielte Schläge verfügt. Dennoch wurde aber großer Schaden angerichtet, eine Klinik in der Stadt Beerscheba getroffen. Mindestens 47 Menschen wurden dabei nach Angaben von Rettungskräften verletzt.
Israel gibt sich siegessicher
Zwar werden die meisten der ballistischen Flugkörper von Israels Luftabwehr abgefangen oder die Raketenwerfer am Boden zerstört, noch bevor Geschosse abgefeuert werden können. Aber das bedeutet nicht, dass die Streitkräfte der Islamischen Republik ungefährlich geworden sind. Dennoch klangen die Verlautbarungen der israelischen Regierung und Armee in den vergangenen Tagen: siegessicher.
Zweifellos hat die israelische Air Force längst die Lufthoheit über Teheran und Teile des Landes – die Islamische Republik hat seit dem Ende der Monarchie 1979 keine zeitgemäße Luftwaffe mehr; die für die Luftabwehr vom Boden in Iran zentralen S-300-Flugabwehrsysteme aus Russland wurden offenbar zerstört. Israelische Jets können also fast risikofrei die Atomanlagen bombardieren, Raketenbasen attackieren, Führer von Armee und Revolutionsgarden angreifen: Wichtige Köpfe des Regimes wurden bereits aufgespürt und getötet.
Daraus zu schließen, die über zwei Jahrzehnte gefürchtete Raketenstreitmacht der Islamischen Republik mit ihren Tausenden Geschossen unterschiedlicher Reichweite sei schlicht überschätzt und nun ungefährlich, wäre aber falsch. „Die iranischen Ballistik-Raketen sind nicht schlecht, sondern die israelische Luftabwehr und Luftwaffe sind zu gut“, sagt der israelische Raketenfachmann Tal Inbar. „Für Iran macht sich nun schmerzlich bemerkbar, dass es – wie Irak oder Syrien – auf die weit billigeren Raketen statt auf eine echte Luftwaffe gesetzt hat“, sagt Inbar.
Iran schickt ballistische Raketen-Schwärme
Je stärker die gegnerische Luftabwehr und je sicherer die Luftherrschaft feindlicher Jets sei, desto wirkungsloser würden ballistische Raketen. Deren Flugbahn wird beim Start weitgehend festgelegt; sie sind nicht – wie Marschflugkörper – auf wechselnden Kursen lenkbar. Iran hat den Schwerpunkt seiner Strategie auf ballistische Waffen gelegt: Es wollte Israel mit Raketenschwärmen überwältigen.
Iran hat diese Wahl notgedrungen getroffen. Über Jahre sanktioniert fand die Islamische Republik – wie auch Syrien – schwer Zugang zum internationalen Rüstungsmarkt. Selbst das heutige Russland hat Teheran nur wenige moderne Kampfflugzeuge geliefert. Die israelische Luftwaffe hingegen verfügt seit Jahrzehnten über moderne US-Flugzeuge und ein von Washington befülltes Bombenarsenal. Zudem hat es seine eigene leistungsfähige Waffenindustrie.
Daher setzte Iran früh auf eigene ballistische Raketen. Diese basierten ursprünglich auf der nordkoreanischen Scud-Rakete, einem Design aus der früheren UdSSR. Inzwischen haben die Iraner längst eine eigene Raketenfamilie entwickelt, darunter Waffen mit großer Reichweite.
Gleich fünf Systeme schützen Israels Luftraum – unverwundbar macht das nicht
Der jüdische Staat hat aber neben seiner Luftwaffe zugleich einen sehr guten Luftabwehrschirm. Er besteht aus drei beziehungsweise fünf israelisch-amerikanischen Systemen: Iron Dome, David’s Sling, Arrow-2 sowie Patriot und THAAD (Terminal High Altitude Area Defense) arbeiteten als ein mehrlagiges System zusammen, so die Raketenexpertin Hilla Haddad Chmelnik, die an der Entwicklung des Iron Dome beteiligt war und Einblick in die Funktionsweise hat.
Die Geschosse der Systemkombination können Feindraketen auf unterschiedlichen Höhen im Anflug zerstören. Die Wirkung staffelt sich zwischen Distanzen von wenigen Kilometern bis zum Schutz vor Waffen mit bis zu 2000 Kilometer Flugweite.
Unverwundbar macht dieses System aber nicht. Das zeigte die Zahl der Einschläge der iranischen Raketen, bei denen in Israel trotz der Abwehr bisher mindestens 24 Menschen starben. Neben Wohnhäusern wurden auch Militäreinrichtungen in und nahe Tel Aviv und eine Raffinerie in Haifa getroffen. Denn je höher die Zahl der anfliegenden Raketen, desto eher sei die Abwehr überfordert, desto mehr feindliche Sprengköpfe könnten den Schutzschirm überwinden, so Raketenexpertin Chmelnik.
Es wäre eine Überwältigung durch schiere Menge. Da die israelische Luftwaffe viele der iranischen Raketenwerfer bereits am Boden zerstören könne, bevor sie in Feuerposition gebracht werden könnten, sinke die Zahl der abgeschossenen iranischen Raketen aber kontinuierlich. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte am Sonntagabend, Israel habe etwa die Hälfte der iranischen Abschussrampen getroffen.
Das muss man nicht zwingend glauben. Zumindest fliegen aber derzeit weniger Raketen. Aber über die iranischen Munitionsvorräte selbst ist wenig bekannt. Zuverlässige Zahlen der Raketenproduktion sind schwer zu bekommen: In der Islamischen Republik unterlag Rüstung strengster Geheimhaltung. Gleichzeitig wurden Zahl und Qualität der Waffen von Propaganda-Experten aus Prinzip hemmungslos übertrieben.
Schwäche kann im Raketen-Poker keine Seite eingestehen
Man sollte gegenüber den Verlautbarungen des israelischen Militärs aber ebenso Vorsicht walten lassen. Auch hier wird das Bild verzerrt. Die Zahl der iranischen Raketen mag sinken. Möglicherweise halten die Iraner sich beim Abschuss ihrer Geschosse aber auch zurück, wollen die Munitionsvorräte der gegnerischen Luftabwehr erschöpfen, um den Luftkrieg länger durchhalten zu können als der Feind: Ein Abnutzungskrieg könnte Teheran vor der völligen Niederlage schützen. Israel hingegen braucht rasche Erfolge. Die Kosten eines Kriegs über die 2000-Kilometer-Distanz sind enorm, die Kampfjets und die Werfer der Luftabwehr brauchen bei so hoher Belastung mehr Wartung.
Schwäche kann im Raketen-Poker keine Seite eingestehen. Israelische Militärexperten wiederholen, dass Israel große Teile der militärischen und nuklearen Infrastruktur des Regimes bereits zerstört habe. Iranische Werfer müssten zu ihrem Schutz tiefer ins Landesinnere geschafft werden, was die Reichweite der Raketen verkürze. Wie schwach Teherans Luftabwehr ist, zeigen erste Berichte israelischer Piloten: Sie seien überrascht gewesen, nicht von Feindflugzeugen angegriffen zu werden und auf wenig Gegenwehr vom Boden zu stoßen.
Ebenso wichtig dürfte sein, wie lange die israelischen Abwehrraketen vorhalten. Die Iraner sollen mindestens 2000 ballistische Raketen haben, etwas mehr als 400 Raketen wurden bisher abgefeuert, mehr als 40 schlugen ein. Israels Führung schweigt über die Munitionsvorräte. Das Wall Street Journal berichtete aber, die Zahl der Geschosse für das Arrow-2-Abwehrsystem sinke rasch.
Das Blatt berief sich auf US-Regierungsquellen. Demnach habe Washington die israelischen Bestände zwar aufgefüllt. „Aber weder die USA noch die Israelis können einfach dasitzen und Tag für Tag Raketen abwehren“, zitiert das Blatt Tom Karako, einen Raketenabwehr-Fachmann vom Zentrum für Internationale Strategische Studien.
„Die Israelis und ihre Freunde müssen in größter Eile alles Notwendige tun“, warnte Karako. Die israelische Armee (IDF) spielte dies sofort herunter. Man bedauere, Fragen zu den Munitionsvorräten nicht kommentieren zu können, antwortete sie dem WSJ. Israels Presse-Offiziere, die auftragsgemäß ebenso oft Propaganda wie Fakten liefern, versicherten: „Die IDF ist auf jedes Szenario vorbereitet.“

