Nahostkonflikt Israels Armee: Grenze notfalls "mit tödlichen Mitteln" verteidigen

In den vergangenen neun Wochen hat es bei den Auseinandersetzungen palästinensischen Angaben zufolge bereits 125 Todesopfer gegeben.

(Foto: dpa)
  • Neun Wochen dauern die teils blutigen Auseinandersetzungen an der Grenze zum Gazastreifen an.
  • Am heutigen Naksa-Tag, dem Tag des Rückschlags, wie ihn die Palästinenser nennen, wird erneut mit Protesten und Auseinandersetzungen gerechnet.
  • Die israelische Armee hat sich auf den Tag vorbereitet. Armeesprecher Jonathan Conricus kündigt an, die Grenze, wenn es notwendig sei, auch mit tödlichen Mitteln zu verteidigen.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Am heutigen Dienstag wird mit weiteren blutigen Auseinandersetzungen an der Grenze zum Gazastreifen gerechnet, die nunmehr die neunte Woche andauern und laut palästinensischen Angaben bisher 125 Todesopfer gefordert haben. Für die Palästinenser ist heute der Naksa-Tag, der Tag des Rückschlags. So wird der Jahrestag des Beginns des Sechstagekriegs bezeichnet, bei dem Israel 1967 das Westjordanland mit Ostjerusalem, den Gazastreifen, die Golanhöhen und die Sinai-Halbinsel erobert hat.

Die Vorbereitungen der israelischen Armee beschreibt deren Sprecher Jonathan Conricus im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung so: "Hamas und andere terroristische Organisationen haben ein Interesse daran, die Situation eskalieren zu lassen. Wir sind auf verschiedene Szenarien vorbereitet." Die Mission der Streitkräfte sei, israelische Zivilisten zu verteidigen und Grenzverletzungen zu verhindern. "Wir werden alles tun, was immer zu tun ist, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn das ohne tödliche Maßnahmen möglich ist, dann tun wir das. Wenn es notwendig ist, dafür zu tödlichen Mitteln zu greifen, dann werden wir das machen. Es gibt keine Grauzone."

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Am Montag hatte der ehemalige Chef des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet (Shabak), Avi Dichter, mit der Bemerkung Aufsehen erregt, dass Israel mit Truppen in den Gazastreifen einmarschieren könnte, um den Angriffen mit Mörsergranaten und Raketen ein Ende zu bereiten. Am vergangenen Dienstag und Mittwoch waren mehr als hundert davon vom Gazastreifen aus auf israelisches Gebiet abgefeuert worden. Luftschläge alleine seien kein effektives Abschreckmittel, meinte der nunmehrige Vorsitzende des Außen- und Verteidigungsausschusses, der wie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu dem Likud-Block angehört.

Am Naksa-Tag gibt es seit Jahren Proteste von den Palästinensern, um an ihre Flucht und Vertreibung im Zuge der Sechs-Tage-Krieges zu erinnern. Schon in den Jahren davor kam es an diesem Tag zu Auseinandersetzungen zwischen israelischen Sicherheitskräften und Palästinensern, nicht nur in Israel und den palästinensischen Gebieten. 2011 wurden 30 Palästinenser getötet, die von Syrien aus auf die von Israel annektierten Golanhöhen zu stürmen versucht haben.

Der Naksa-Tag ist genau wie der Nakba-Tag (Tag der Katastrophe) und der sogenannte Tag des Bodens ein traditioneller Gedenktag der Palästinenser. Aus Protest gegen Landenteignungen von vornehmlich arabischen Israelis fand am 30. März 1976 ein Generalstreik statt. Am Tag des Bodens, dem 30. März, begannen 2018 die Proteste an der Grenze zum Gazastreifen, die als "Marsch der Rückkehr" deklariert wurden. An diesem Tag wurden 17 Menschen erschossen. Der bisher blutigste Tag war der Nakba-Tag, der 14. Mai, als am Eröffnungstag der US-Botschaft in Jerusalem und der Feier des 70. Jahrestags der Staatsgründung Israels, an der Grenze mehr als 60 Menschen getötet wurden.

Beträchtliche Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen und in einem Nationalpark haben in den vergangenen Wochen auf der israelischen Seite entlang des Gazastreifens Feuer bewirkt, die durch Drachen mit brennbarer Flüssigkeit ausgelöst wurden. Nach Angaben der israelischen Armee sollen rund 600 dieser Lenkdrachen, die vom Gazastreifen aus gestartet sind, auf der anderen Seite des Grenzzauns gelandet sein. Israel will nun mit einem Teil der Steuereinnahmen, die es für die palästinensische Autonomiebehörde erhebt, Entschädigungszahlungen für Betroffene leisten.

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