Gaza:Im Land des Hungerns

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"Man kann hier nicht mehr leben": Wartende Kinder vor einer Suppenküche in Chan Yunis. (Foto: -/AFP)

Die israelische Führung wird beschuldigt, die Menschen im Gazastreifen gezielt Not leiden zu lassen. Was steht hinter dem Vorwurf?

Von Bernd Dörries, Kairo

Manchmal gebe es Reis, manchmal eine Linsensuppe, manchmal aber auch gar nichts, sagt Anwar Saleh. Vier Kinder haben er und seine Frau; sie verbringen einen großen Teil des Tages damit, sich in eine Schlange anzustellen. Für frisches Wasser, für Suppe oder vor einem der drei bis fünf Geldautomaten, die im Gazastreifen noch funktionieren. Anwar Saleh steht dort manchmal den ganzen Tag an, um ein paar Schekel abzuheben, die Währung Israels, mit der man im Gazastreifen bezahlt. Und für die man immer weniger bekommt, früher gab es für umgerechnet einen Euro zehn Eier, jetzt sind es nur noch vier, erzählt Saleh am Telefon. Immer wieder in den vergangenen Monaten hat er der Süddeutschen Zeitung von der Versorgungslage in Gaza berichtet. So schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen. "Man kann hier nicht mehr leben", sagt Saleh.

Dreimal bereits ist er mit seiner Familie geflohen, seit der Terrorattacke der Hamas auf Israel und dem Gegenangriff Israels auf den Gazastreifen. Am 13. Oktober hatten die Israelis alle Palästinenser aufgefordert, Gaza-Stadt zu verlassen, wegen der bevorstehenden Angriffe. Seitdem ist Saleh mit seiner Familie auf der Suche nach einem sicheren Ort - und genügend zu essen. Beides gebe es nicht mehr im Gazastreifen, sagt er.

Mancherorts versuchen Menschen, aus Tiermehl Brot zu backen

Hinter der mangelnden Versorgung der Zivilbevölkerung in dem Küstengebiet stehe eine Strategie des "Aushungerns", so lautet der Hauptvorwurf des Chefanklägers am Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag, Karim Khan. Am Montag beantragte er deshalb Haftbefehle gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und gegen Verteidigungsminister Joav Gallant. Israel habe eine "totale Belagerung des Gazastreifens" verhängt, die drei Grenzübergänge geschlossen und auch nach der teilweisen Wiedereröffnung "durch die willkürliche Einschränkung des Transfers lebenswichtiger Güter" zur katastrophalen Versorgungslage im Gazastreifen beigetragen. Israel habe die Wasserleitungen nach Gaza unterbrochen und behindere bis heute die Stromversorgung.

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 1,1 Millionen Menschen von der katastrophalen Ernährungslage betroffen, in manchen Bereichen des Gazastreifens herrsche bereits eine Hungersnot, Dutzende Kleinkinder seien bereits an Unterernährung gestorben. Bewohner berichten, dass im Norden des besetzten Gebietes manche versuchen würden, mit Tiermehl Brot zu backen. Die absichtsvoll herbeigeführte humanitäre Katastrophe im Gazastreifen sei ein Kriegsverbrechen oder eines gegen die Menschlichkeit, sagte Chefankläger Khan. Er habe zahlreiche Interviews mit Opfern geführt und Dokumente gesichert.

Letztlich hat sich die Diskussion um Israels Vorgehen im Gazastreifen in einer ziemlich breiten Öffentlichkeit abgespielt in den vergangenen Monaten. Der israelische Verteidigungsminister Gallant erklärte zwei Tage nach dem Terror der Hamas, dass "keine Elektrizität, keine Lebensmittel, kein Wasser und kein Treibstoff" nach Gaza mehr gelassen würden. Es kam zu einer Totalblockade. Wenige Tage später, am 16. Oktober, forderte US-Außenminister Antony Blinken Israel das erste Mal auf, mehr Hilfe nach Gaza zu lassen. Seitdem sind die Aufrufe zu einem Ritual geworden.

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag rief Israel Ende Januar dazu auf, mehr zur Versorgung der Palästinenser zu tun. Daraufhin sanken die Hilfstransporte auf ein noch niedrigeres Niveau. Kamen im Januar noch 4371 Lastwagen nach Gaza, waren es im Februar nur noch 2874. Bereits vor dem Krieg war Gaza auf die Versorgung von außen angewiesen, damals kamen im Schnitt etwa 500 Lastwagen täglich in das besetzte Gebiet, das bis zum israelischen Angriff auch noch über Landwirtschaft verfügte. Heute seien täglich 300 Lkw am Tag notwendig, um die minimale Versorgung mit Lebensmitteln und Medizin zu gewährleisten. Ein Wert, der seit dem 7. Oktober nach Angaben der Vereinten Nationen nur an drei Tagen erreicht wurde.

Nachdem Israel sich immer wieder geweigert hatte, mehr Hilfe nach Gaza zu lassen, beschlossen die EU und die USA Mitte März die Einrichtung eines Seekorridors. Die ersten Schiffe machten sich von Zypern aus auf den Weg, auf Booten der Hilfsorganisation World Central Kitchen. Am 1. April nahm die israelische Armee einen Konvoi der Helfer unter Beschuss, die an der Verteilung der Hilfsgüter beteiligt waren, sieben Mitarbeiter kamen ums Leben. Nach der internationalen Empörung entschuldigte sich die israelische Regierung und sagte die Einrichtung eines weiteren Grenzübergangs zu. Der öffnete mehrere Wochen später auch. Allerdings sind nun die beiden Grenzübergänge im Süden wieder zu, durch die bisher der allergrößte Teil der Hilfe kam. Der Übergang zum israelischen Kerem Schalom wurde nach einer Attacke der Hamas geschlossen, bei der vier israelische Soldaten ums Leben kamen. In Rafah eroberte Israel die palästinensische Seite der Grenze zu Ägypten, beide Seiten machen sich nun gegenseitig für die Schließung des Übergangs verantwortlich.

Der drohende Haftbefehl für Netanjahu wird die Lage in Gaza womöglich weiter verschlechtern und den Umfang der Hilfslieferungen verringern, obwohl das Gericht mit seinen Ermittlungen eher das Gegenteil im Sinn hat. Israel werde nach dem drohenden Haftbefehl durch ein internationales Gericht noch weniger mit den Vereinten Nationen zusammenarbeiten wollen, die die Hilfe in Gaza verteilen, sagt ein EU-Diplomat in der Region. Und Ägypten zeige derzeit wenig Bereitschaft, Hilfe an einen von Israel kontrollierten Grenzübergang in Rafah zu liefern.

Im Gazastreifen selbst seien die beantragten Haftbefehle gegen Netanjahu und die Hamas-Führer kein großes Thema, sagt der Palästinenser Anwar Saleh. Die Menschen seien mit dem täglichen Überleben beschäftigt. "Und sie haben", fügt er hinzu, "jedes Vertrauen in die internationale Gemeinschaft verloren."

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