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Krieg in Nahost:"Das ist erst der Anfang"

Streaks of light are seen as Israel's Iron Dome anti-missile system intercepts rockets launched from the Gaza Strip towards Israel, as seen from Ashkelon

Leuchtstreifen der israelischen Abwehrraketen erhellen den Nachthimmel über der israelischen Stadt Aschkelon.

(Foto: AMIR COHEN/REUTERS)

Israels Führung droht weitere, massive Militärschläge gegen die Attacken der Hamas an - auch eine Invasion des Gazastreifens mit Bodentruppen. Doch das wäre nicht ohne Risiko.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Als ob die Bomben und Raketen nicht genug wären, als ob ein Krieg nicht reicht. Seit Tagen toben die Kämpfe zwischen der israelischen Armee und der palästinensischen Hamas rund um den Gazastreifen. Die Gefechte sind gewaltig, der Blutzoll ist hoch. Und nun breiten sich im Windschatten dieser Schlachten auch noch heftige Auseinandersetzungen innerhalb Israels zwischen jüdischen und arabischen Staatsbürgern aus.

In Richtung Gaza droht Premierminister Benjamin Netanjahu lautstark: "Das ist erst der Anfang." In der Stadt Lod warnt der verzweifelte Bürgermeister Jair Revivo vor einem "kolossalen Bürgerkrieg in ganz Israel". Die Führung in Jerusalem kämpft nun gleichsam an zwei Fronten.

In der militärischen Auseinandersetzung hat Israel in den ersten Tagen dieses vierten Gazakriegs einige böse Überraschungen erlebt. Mehr als 1700 Raketen haben Hamas und Islamischer Dschihad bereits abgefeuert - ein deutlicher Beleg dafür, dass sie ihre Kapazitäten seit dem vorangegangenen Krieg 2014 deutlich aufgestockt haben. Als Erfolg feiern sie die gewaltigen Salven auf Tel Aviv und Umgebung, ein Dutzend Raketen in Richtung Dimona, wo Israels Atomzentrum liegt, sowie die Unterbrechung des Flugverkehrs nach Israel.

Sieben Menschen sind in Israel bereits gestorben. Ein fünfjähriger Junge aus Sderot ist darunter, in dessen Elternhaus eine Rakete einschlug. Auch ein junger Soldat, der kurz vor dem Ende seines Militärdienstes stand und dessen gepanzerter Jeep im Grenzgebiet von einer Panzerabwehrrakete getroffen wurde. Zudem noch ein Vater mit einer 16-jährigen Tochter, die im Auto starben - beide israelische Araber. Die Raketen der Hamas machen keine Unterschiede.

Der in Katar residierende Hamas-Chef Ismael Hanijah verkündet bereits eine "neue Balance der Macht" mit Israel. Bislang 103 Tote und mehr als 400 Verletzte im Gazastreifen trüben seine Jubelstimmung offenbar nicht. Dass er in dieser asymmetrischen Auseinandersetzung am Ende nicht gewinnen kann, weiß er aus Erfahrung. Doch die meisten seiner Ziele hat er gleich zu Beginn erreicht. Sein Erfolg ist die Angst in Israel und die fast ungeteilte Unterstützung im Lager der Palästinenser.

Von Waffenruhe will Israel nichts hören

Vor diesem Hintergrund klingen Berichte plausibel, die Hamas habe über russische Vermittlung den Israelis bereits ein Angebot zur Waffenruhe "auf gegenseitiger Basis" unterbreitet. Doch in Israel will man davon explizit nichts hören. Verteidigungsminister Benny Gantz genehmigte die Mobilisierung weiterer 9000 Reservisten und stellte mit Blick auf den steigenden Druck klar: "Wir werden uns keine Moralpredigten anhören." Netanjahu nannte als Priorität, dass "die Hamas einen hohen Preis bezahlt". Armeechef Aviv Kochavi legte noch eins drauf und erklärte: "höher als jemals zuvor".

In der Nacht zum Donnerstag hat Israels Sicherheitskabinett deshalb eine Ausweitung des Militäreinsatzes beschlossen. Ein namentlich nicht genanntes Kabinettsmitglied wird auf der Nachrichtenwebseite ynet mit der weitreichenden Drohung zitiert: "Wenn wir alle unsere Ziele getroffen haben und die andere Seite immer noch nicht aufgibt, dann werden wir eine Bodenoperation starten." Dies jedoch würde Israels Risiko eigener Verluste enorm erhöhen und die Armee vor ein bekanntes Dilemma stellen: Wer reingeht, der muss auch wissen, wie er wieder rauskommt.

Plan A sieht bislang vor, weiterhin aus der Luft zu attackieren. Vorrangiges Ziel sind dabei die Kommandeure des bewaffneten Arms der Hamas, auf die mithilfe des in Gaza gut vernetzten Inlandsgeheimdienstes Schin Bet Jagd gemacht wird. Als Ausweis des Erfolgs veröffentlichte die Armee eine Bildergalerie bereits getöteter Hamas-Größen, von denen einige dem engsten Umfeld des militärischen Anführers Mohammed Deif zugerechnet werden.

Daneben geht es der israelischen Führung erklärtermaßen darum, "Symbole der Hamas-Herrschaft" zu treffen. Unter den bislang mehr als 500 Angriffszielen waren deshalb drei Hochhäuser in Gaza-Stadt, in denen Hamas-Büros untergebracht waren, das Finanzministerium sowie ein Bankgebäude. Vorrangig ins Visier genommen werden zudem Raketenlager und Waffenfabriken, um die Möglichkeiten der Hamas nachhaltig einzuschränken.

Nach einer anfänglichen Schockstarre haben inzwischen auch die ersten internationalen Bemühungen zur Eindämmung des Konflikts begonnen. Als Ruhestifter versuchen sich die Vereinten Nationen, Frankreich, Ägypten und Katar. Einschalten wollen sich zudem die USA, die sich allerdings nur widerwillig des neu entflammten israelisch-palästinensischen Konflikts annehmen.

Arabische und jüdische Israelis liefern sich Straßenschlachten

Präsident Joe Biden hatte das Thema weiter hinten auf seiner Agenda platziert und in den ersten vier Monaten seiner Amtszeit nicht einmal einen Botschafter für Israel ernannt. Der Krieg jedoch schafft Dringlichkeit. Biden telefonierte mit Netanjahu, versicherte ihn der felsenfesten amerikanischen Unterstützung und sandte als Vermittler aus dem Außenministerium Hady Amr in die Region, einen Nahostexperten mit libanesischen Wurzeln.

Doch in Israel kommt es nun zugleich darauf an, auch den zweiten Brandherd zu löschen, der sich seit Montag innerhalb des Landes ausbreitet. In zahlreichen Städten mit gemischter jüdischer und arabischer Bevölkerung kommt es zu Straßenschlachten, Brandstiftungen, Plünderungen, Schießereien und Lynchjustiz. Schockierende Videoaufnahmen zeigen, wie in Bat Yam ein arabischer Fahrer von einem jüdisch-nationalistischen Schlägertrupp aus dem Auto gezerrt und brutal verprügelt wird. Eine ähnlich grausame Szene spielte sich unter umgekehrten Vorzeichen in Akko ab, wo ein jüdischer Einwohner von einem arabischen Mob krankenhausreif geschlagen wurde.

In Akko ging auch das über Israels Grenzen hinaus bekannte Fischrestaurant Uri Buri in Flammen auf. Der jüdische Besitzer Uri Jeremias hatte es als Modell für Koexistenz mit einer gemischten jüdisch-arabischen Belegschaft geführt. Nach dem Brand, den er noch selber zu löschen versuchte, beklagte er zwar den großen Schaden. "Aber ich bin nicht wütend", sagte er im Radio. "Es gibt genug gute Leute in Akko, die gekommen sind und mir geholfen haben."

Ein kleines Zeichen der Hoffnung auf friedliche Koexistenz ist dies. Doch noch flammt trotz zahlreicher Appelle von Politikern beider Seiten, trotz Polizeiverstärkung, trotz Ausgangssperren die Gewalt an vielen Orten Israels auf. Und auch im Konflikt um Gaza ist noch lange keine Ruhe in Sicht.

© SZ/vgr
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