Krieg gegen die Hamas:Israel kämpft um die öffentliche Gunst

Krieg gegen die Hamas: Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde sind Patienten und Personal im Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt eingeschlossen (Bild von vergangenem Freitag).

Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde sind Patienten und Personal im Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt eingeschlossen (Bild von vergangenem Freitag).

(Foto: Khader Al Zanoun/AFP)

Während sich die Gefechte im Gazastreifen auf das Schifa-Krankenhaus konzentrieren, muss sich Premier Netanjahu wachsendem Druck aus aller Welt stellen. Er zeigt sich unbeeindruckt.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Kämpfe um Gaza-Stadt toben mit gnadenloser Härte. Am Wochenende ist auch die Umgebung des Schifa-Krankenhauses zum unmittelbaren Kriegsgebiet geworden. Hunderte Patienten werden im größten Hospital des palästinensischen Küstenstreifens versorgt, zudem hatten sich Tausende Schutzsuchende auf das Gelände geflüchtet. In Tunneln unter der Klinik vermutet Israels Armee allerdings ein Hauptquartier der Hamas. Ein Angriff auf das Gelände könnte die Hamas also entscheidend schwächen - allerdings würde er Israel auch heftiger internationaler Kritik aussetzen. Rund um das Schifa-Krankenhaus wird deshalb nicht nur auf Leben und Tod gekämpft, sondern auch um die öffentliche Meinung.

Krankenhäuser gehören nach humanitärem Völkerrecht zu zivilen Einrichtungen, die im Krieg nicht beschossen werden dürfen. Das Vordringen der israelischen Armee hat also sofort Alarm ausgelöst: "Es gibt laufend Luftangriffe", berichtete am Sonntag ein Arzt aus dem Krankenhaus im Fernsehsender Al Jazeera. Der Klinikdirektor Mohammed Abu Salmija sagte der Nachrichtenagentur AP, die israelischen Truppen "schießen auf jeden draußen und im Innern des Hospitals". Aus dem Gesundheitsministerium in Gaza hieß es, die Klinik sei vollständig belagert, Patienten und Personal seien eingeschlossen. Die Weltgesundheitsorganisation meldet, man habe den Kontakt zu den Mitarbeitern des Schifa-Krankenhauses verloren.

Israels Armeesprecher Daniel Hagari dagegen verbreitete eine ganz andere Version der Ereignisse. Er sprach von "Lügen" und "falschen Berichten", gezielt gestreut von der Hamas mit dem Ziel, die Menschen von einer Flucht abzuschrecken, um sie weiter als lebende Schutzschilde missbrauchen zu können. Die Klinik werde nicht belagert, sondern es gebe "an der Ostseite des Krankenhauses einen sicheren Weg" für alle, die das Gelände verlassen wollten. Hagari kündigte an, dass Israels Armee auch bereit sei zu helfen, Babys aus dem Schifa-Krankenhaus in eine andere, sichere Klinik zu bringen. "Wir bekämpfen nur Terroristen, die es darauf abgesehen haben, den Kampf direkt neben dem Krankenhaus zu führen."

Tatsächlich gilt ein Krankenhaus nach dem Völkerrecht nicht mehr als ziviles Objekt, wenn eine Kriegspartei dort ein Waffenlager anlegt oder Raketen abschießt. Verlangt wird allerdings, dass im Falle eines Angriffs die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden müsse. Das ist ein dehnbarer Begriff. Israels hat schon vor einiger Zeit Fotos und weiteres Material präsentiert, mit deren Hilfe belegt werden soll, dass der Untergrund der Klinik als Kommandozentrale genutzt werde.

Immer mehr Kritik an der Kriegsführung

Mehr als fünf Wochen nach dem Massaker der Hamas mit 1200 Toten wird ohnehin die Kritik an Israels Kriegsführung lauter. Im Gazastreifen steigt die Zahl der Opfer schnell. Nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums wurden mehr als 11 000 Palästinenser getötet, zwei Drittel davon Frauen und Kinder. Die UN übernehmen diese Zahlen.

US-Außenminister Antony Blinken rief Israel nun dazu auf, mehr zum Schutz von Zivilisten zu tun. "Viel zu viele Palästinenser wurden getötet, viel zu viele haben gelitten", erklärte er. Wesentlich deutlicher noch wurde Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. "Es werden Babys, Frauen und alte Menschen bombardiert und getötet. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, Zivilisten anzugreifen", sagte er in einem BBC-Interview - und forderte eine Waffenruhe.

In Israel will man von solch einer Forderung nichts wissen. Als Ziel wurde die Vernichtung der Hamas ausgegeben, und das kann nach Einschätzung der Armee Monate, vielleicht sogar Jahre dauern. Aber die Kritik, die nun auch aus dem Kreis der Verbündeten kommt, führt Israels Führung vor Augen, dass die bislang zugesagte Unterstützung kaum auf Dauer gesichert sein kann. In den israelischen Medien wird deshalb bereits darüber spekuliert, wie lange dieser Krieg bei wachsendem Druck, vor allem aus Washington, geführt werden kann.

Premierminister Benjamin Netanjahu kämpft mit markigen Worten gegen jede Kritik an. Macron warf er einen "schweren Fehler vor, faktisch und moralisch". Die Verantwortung für das Leid der Zivilisten in Gaza liege "bei der Hamas, nicht bei Israel", erklärte er. Mit Genugtuung wurde dann in Israel registriert, dass Macron am Sonntag bei Präsident Isaac Herzog anrief, um zu versichern, er habe Israel nicht eines absichtlichen Bombardements von Zivilisten beschuldigen wollen.

Zudem versucht Netanjahu weiter, eine gemeinsame Front aufrechtzuerhalten. "Unser Kampf ist euer Kampf", sagte er. Vereint müsse man sich dem von Iran gesteuerten Terror entgegenstellen. Doch auch ohne internationale Unterstützung, so erklärte er, werde man sich nicht vom Kurs abbringen lassen "Wenn nötig, steht Israel fest auch gegen die ganze Welt."

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