Krieg in NahostKritik an Netanjahus Offensive wächst

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Endlich Wasser: Palästinensische Geflüchtete stehen im Flüchtlingscamp Nuseirat an einem Tankwagen Schlange.
Endlich Wasser: Palästinensische Geflüchtete stehen im Flüchtlingscamp Nuseirat an einem Tankwagen Schlange. EYAD BABA/AFP

Während Berichte über den Tod von neun Kindern einer einzigen palästinensischen Familie Entsetzen auslösen, spricht sich in einer Umfrage die Mehrheit der israelischen Bevölkerung für ein schnelles Ende des Krieges gegen die Hamas aus.

Von Bernd Dörries, Kairo

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Die Kinderärztin Alaa al-Najjar kümmerte sich im Nasser-Krankenhaus gerade selbst um durch Bombenangriffe schwer verletzte Kinder, als ihre eigenen eingeliefert wurden. Eines nach dem anderen, verkohlt und verstümmelt, so berichten es Mitarbeiter des Krankenhauses Journalisten von CNN und BBC. Zehn Kinder hatte Alaa al-Najjar noch am Freitag, jetzt bleibt ihr nur noch eines. Yahya, Rakan, Raslan, Gebran, Eve, Rival, Sayden, Luqman und Sidra verbrannten den Berichten zufolge in ihrer Wohnung, nur Adam überlebte. Er wird nun auch im Nasser-Krankenhaus von Chan Yunis im Süden des Gazastreifens behandelt, in dem seine Mutter arbeitet und auch der Vater Arzt ist. Auch der Vater der Kinder, Hamdi al-Najjar, ist laut dem Bericht der BBC und einer Mitteilung der Gesundheitsbehörde in Gaza schwer verletzt, er soll auf der Intensivstation liegen und in kritischem Zustand sein.

Die israelische Armee gab an, sie habe ein Gebäude mit „Verdächtigen“ ins Visier genommen und die Bewohner der Region zuvor aufgerufen, das Gebiet zu verlassen. Das Militär hat nun angekündigt, den Vorfall zu untersuchen. Ähnliche Ankündigungen blieben in der Vergangenheit oft ohne Ergebnis.

Israel hatte den Waffenstillstand mit der Hamas im März aufgekündigt und vor einer Woche eine neue Offensive begonnen, die nach Angaben von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zur vollständigen Besatzung von Gaza führen könnte.

In Tel Aviv demonstrierten am Samstag Hunderte Menschen für ein sofortiges Kriegsende und die Freilassung der Geiseln, die sich noch in der Gewalt der Hamas befinden. Israel geht davon aus, dass noch 20 von ihnen leben. Viele Teilnehmer kritisierten die Entscheidung Netanjahus, die israelische Delegation von den Verhandlungen in Katar abzuberufen, wo unter Vermittlung des Golfstaates über einen neuen Waffenstillstand gesprochen werden sollte.

„Israel ist auf dem Weg, ein Pariastaat zu werden, wie es Südafrika war, wenn wir uns nicht wieder wie ein vernünftiges Land verhalten“, hatte Oppositionsführer Yair Golan bereits in der vergangenen Woche gesagt, nachdem die Staats- und Regierungschefs von Großbritannien, Kanada und Frankreich Israel mit „konkreten Maßnahmen“ gedroht hatten, falls es die erneute Militäroffensive im Gazastreifen nicht einstellt und die Beschränkungen für Hilfsgüter nicht aufhebt.

400 Lastwagen sollen Gaza erreicht haben. An den Grenzen stauen sich 3000

Nach heftigem internationalen Druck hatte Israel in der vergangenen Woche wieder Hilfsgüter nach Gaza gelassen, zuvor waren alle Grenzübergänge elf Wochen lang geschlossen, litten die 2,2 Millionen Palästinenser unter einer Totalblockade von Lebensmitteln, Benzin und Medikamenten. An den Grenzen zu Gaza haben sich mehr als 3000 Lastwagen angestaut, die UN halten in Lagerhäusern 116 000 Tonnen Lebensmittel bereit und sehen Gaza am Rand einer Hungersnot. Mittlerweile sollen wieder etwa 400 Lkws Gaza erreicht haben, viel zu wenig, sagen internationale Hilfsorganisationen. Vor dem Bruch der Waffenruhe durch Israel waren jeden Tag etwa 600 Lkws nach Gaza gekommen.

Etwa 20 Transporte sollen in den vergangenen Tagen geplündert worden sein. „Die Menschen in Gaza sind ausgehungert worden“, sagte Philippe Lazzarini, der Chef des UN-Palästinenserhilfswerks UNRWA, viele Menschen sähen keine andere Möglichkeit, um an Nahrung zu kommen.

Wie viel Hilfe in den kommenden Tagen nach Gaza kommt, ist unklar, Israel und die USA wollen Lebensmittel und Medikamente künftig durch private US-Sicherheitsfirmen verteilen lassen. Sie wollen so sicherstellen, dass die Hamas keine Güter mehr für ihre eigenen Leute bekommt. Hilfsorganisationen kritisieren, dass sie von der Verteilung ausgeschlossen werden könnten und sich die Hilfszentren vor allem im Süden des Gazastreifens befinden sollen. „Der vorgeschlagene Hilfsplan ist ein Instrument, das die Zwangsumsiedlung der Menschen erleichtert“, sagte UNRWA-Chef Philippe Lazzarini der Financial Times. „Und letztlich wissen wir, dass die Zwangsumsiedlung von Menschen im Kontext eines Krieges ein Kriegsverbrechen darstellen kann.“

Nach einer Meinungsumfrage des israelischen TV-Senders Kanal 12 sprechen sich 69 Prozent der Israelis für ein sofortiges Kriegsende und die Freilassung der Geiseln aus. Eine Erhebung der Penn State University kommt aber gleichzeitig zu dem Ergebnis, dass 82 Prozent der Israelis der Vertreibung der Palästinenser aus Gaza zustimmen. Dies entspricht auch den Vorstellungen von Donald Trump, der aus Gaza eine „Riviera“ mit Luxusimmobilien machen möchte, nur ohne Palästinenser. Netanjahu macht mittlerweile die Umsetzung des „revolutionären“ Umsiedlungsplans von Trump zur Bedingung für die Beendigung des Krieges. US-amerikanische Medien hatten in den vergangenen Wochen darüber berichtet, dass die Regierung mit Ländern wie Libyen, Somalia und dem Sudan über die Aufnahme von Palästinensern gesprochen habe. Bislang gab es nur Ablehnung.

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