Süddeutsche Zeitung

Gaza-Krieg:110 Tote - und keiner will schuld sein

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Nach der Katastrophe bei der Verteilung von Hilfsgütern im Norden des Gazastreifens weisen sich Israel und die Palästinenser gegenseitig die Verantwortung zu. Das belastet die Verhandlungen über eine Feuerpause.

Von Tomas Avenarius, Tel Aviv

Der Tod von mindestens 110 Palästinensern bei der Verteilung von Hilfsgütern im Gazastreifen löst international schwere Kritik an Israel aus und wird von Forderungen nach einer sofortigen Waffenruhe begleitet. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach von gezielten Schüssen auf palästinensische Zivilisten, die Türkei und Katar nannten die Vorgänge "ein Massaker", der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sprach von "einem weiteren Blutbad" in Gaza. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock forderte lückenlose Aufklärung und eine humanitäre Feuerpause, auch die UN und die USA verlangten eine solche Untersuchung von Israel. Die USA planen zudem Hilfslieferungen aus der Luft für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen, das kündigte US-Präsident Joe Biden am Freitagabend an.

Möglich ist nun, dass der Vorfall die seit Längerem laufenden und extrem schwierigen Gespräche über eine sechswöchige Feuerpause und den Austausch von israelischen Geiseln gegen palästinensische Gefangene belastet: Es könnte sogar zum Abbruch der Verhandlungen kommen. Dass der blutige Zwischenfall sich wenige Tage vor Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan ereignete, dürfte die Stimmung im umkämpften Gazastreifen und im israelisch besetzten Westjordanland zusätzlich verschärfen und der islamistischen Hamas in die Hände spielen.

Fakt ist: Die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung lässt sich in einem laufenden Krieg schwer erfüllen. Nüchtern betrachtet ist der Vorfall am frühen Donnerstagmorgen für Außenstehende kaum zu beurteilen. Ein Konvoi aus 30 Lastwagen mit Lebensmitteln war von der ägyptischen Grenze in den Gazastreifen gefahren. Im Norden des Küstenstreifens, der weitgehend zerstört ist, wurde der Konvoi von Hunderten Palästinensern umringt, die Hilfsgüter empfangen wollten.

Warum und vor allem ab wann die israelischen Soldaten dann geschossen haben, ist unklar. Während palästinensische Vertreter und die Hamas von einem Massaker der israelischen Streitkräfte (IDF) sprechen, stellen Sprecher der Regierung in Jerusalem und der IDF selbst die Vorgänge als Folge einer Massenpanik dar. In der Nähe stehende Soldaten, die den Konvoi bei der Verteilung der Lebensmittel sichern sollten, hätten zur Selbstverteidigung geschossen. Der israelischen Darstellung zufolge sind die meisten Toten Opfer einer Art Stampede: Die um ihr Leben fürchtenden Lkw-Fahrer hätten die gegen die Fahrzeuge anstürmenden und die Ladeflächen besteigenden Menschen aus Angst überrollt. Laut IDF haben die Soldaten erst gefeuert, als sich die Menschenmenge auch auf sie zubewegt habe. Man habe nur auf die Beine gezielt.

Die palästinensische Darstellung widerspricht dem komplett. Die Massenpanik bei der Lebensmittelverteilung sei durch die israelischen Soldaten ausgelöst worden. Die Lastwagenfahrer seien nach den ersten Schüssen verängstigt losgefahren, hätten Menschen überrollt. Palästinensische Ärzte und Krankenpfleger erklärten gegenüber Medien, dass viele der Opfer Schussverletzungen aufwiesen. Einige hätten Kopfschüsse. Die islamistische Hamas sprach von einem Massaker der IDF und drohte, die Gespräche über den Austausch israelischer Geiseln gegen palästinensische Gefangene abzubrechen.

So steht Behauptung gegen Behauptung: Aussagekräftige Bilder von den Vorfällen im Morgengrauen gibt es wenige. Ein von Israels Regierung veröffentlichtes Drohnenvideo zeigt Hunderte Menschen, die sich wild durcheinander um die Lkws herum bewegen und dann wegstürmen. Ob und ab wann und warum und von wem geschossen wird, ist nicht zu erkennen. Offenbar ist das Video geschnitten und gekürzt worden. Unklar ist zudem, ob es einen einzigen oder eine Kette von Zwischenfällen gab. Die israelische Jerusalem Post berichtet von drei Ereignissen: Einmal bei der Massenpanik bei Ankunft des Konvois, dabei seien anstürmende Menschen überfahren worden. Später seien die Lkws von bewaffneten Plünderern beschossen worden, es habe erneut Tote gegeben. Zuletzt sei die Menschenmenge auf eine in der Nähe stehende IDF-Einheit zugelaufen. Die Soldaten hätten Warnschüsse abgefeuert und dann auf die Beine der Menschen gezielt. Dabei seien etwa zehn Personen getötet worden.

Auch andere israelische Medien stellen die Vorgänge als ebenso chaotisch wie unbeabsichtigt dar. Die regierungskritische Zeitung Haaretz analysiert aber, dass der Zwischenfall zeige, wie Israel seine Chance auf den Sieg im Gaza-Krieg verspiele. Im Norden, wo die Armee die Hamas-Machthaber vertrieben hatte, herrschten anarchische Zustände, die die IDF nicht in den Griff bekämen. Im Süden sei das Leben noch etwas geregelter, weil die Hamas dort Teile der Macht noch in der Hand halte. Auch dort soll die Hamas nun zerschlagen werden: "Aber ohne diese Organisation wird das Chaos noch größer", schreibt das liberale Blatt. Je chaotischer die Zustände würden, desto schärfer würden die internationalen Proteste. Dies könne Israel am Ende zwingen, den Krieg abzubrechen. So würde es den Sieg über die Hamas verspielen.

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