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Purim:Israel soll gegen die Gefahr fasten

Die Bevölkerung will sich das Purim-Fest nicht verderben lassen - trotz angespannter Sicherheitslage. Eine Gruppe Rabbiner fordert vorab zu "spiritueller Antwort" auf.

Von Peter Münch

Israel feiert in dieser Woche das Purim-Fest, das gemeinhin als jüdischer Karneval bezeichnet wird. Die Kinder freuen sich auf Verkleidungen, die Erwachsenen auf exzessives Feiern - und das nicht nur im partysüchtigen Tel Aviv, sondern auch im frommen Jerusalem.

Ein Trinkgelage an Purim wird gerade von den sittenstrengen Ultra-Orthodoxen als heilige Pflicht zelebriert. Es herrscht also im Land ein fröhlicher Ausnahmezustand. Doch in diesem Jahr hängen düstere Wolken über den Freudentagen.

Der Humor treibt bizarre Blüten

Denn ein ganz anderer, ernster Ausnahmezustand herrscht bereits seit Oktober durch die ständigen Messer- und Schusswaffenattacken, die mittlerweile als Indikatoren für eine neue palästinensische Intifada gelten. Klar ist deshalb, dass die Polizei für die Straßenfeiern an Purim ihre Präsenz verstärkt.

Ausdrücklich gewarnt wird zudem vor Feuerwerkskörpern und Böllern, die bei der allgemeinen Terrorangst schnell zur Massenpanik führen könnten. Neben den Sicherheitskräften haben auch die Besitzer der saisonalen Purim-Shops lernen müssen, sich auf die aktuelle Lage einzustellen. Aus den Hochburgen wird berichtet, dass in diesem Jahr weit weniger Spielzeugwaffen verkauft werden als sonst.

Auch verkleidet als palästinensischer Kämpfer mit Keffiyeh und Kalaschnikow mag in diesem Jahr wohl keiner auf die Straße gehen. Dann doch lieber Spiderman - oder gleich uniformiert als Polizist oder Soldat, was allerdings auch zu Verwechslungen führen könnte. Unverwechselbar ist dagegen ein neues Kostüm, von dem ein Tel Aviver Ladenbesitzer sagt, es verkaufe sich "wie verrückt": der orangefarbene Dress der IS-Gefangenen, verziert mit einem blutigen Kragen.

So treibt der Humor bizarre Blüten, doch all das gehört zum Selbstverständnis, sich auch in den prekärsten Situationen nicht unterkriegen zu lassen. An Purim wegen der angespannten Sicherheitslage kürzer zu treten, würde niemandem einfallen. Schließlich erinnert auch dieses Freudenfest an eine Zeit der Bedrängnis in der persischen Diaspora - und an die Errettung.

Dort hatte im fünften vorchristlichen Jahrhundert ein hoher Beamter namens Haman den Plan, alle Juden an einem Tag zu ermorden. Verhindert wurde dies von Königin Ester durch Fasten und Gebet.

Auf Esters Vorbild beruft sich nun auch eine Gruppe von Rabbinern, die vor dem Purim-Fest die Gläubigen zu einem dreitägigen Fasten aufgefordert haben. Dies soll eine "spirituelle Antwort" sein sowohl auf die Sicherheitssituation als auch auf die sozialen Schieflagen in Israel. "Extreme Situationen erfordern extreme Reaktionen" heißt es in ihrem Aufruf, dem angeblich Zehn-, wenn nicht gar Hunderttausende folgen wollten.

Am Mittwochabend, wenn offiziell das Purim-Fest beginnt, soll dann wieder getrunken und geschlemmt werden. Besonders beliebt sind dabei die sogenannten Haman-Taschen, ein dreieckiges Gebäck, das darauf anspielt, dass dem Schurken Haman bei seiner Hinrichtung die Ohren abgeschnitten wurden. Delikat schmecken die Teigtaschen gefüllt mit Mohn, Pflaumenmus oder Schokolade.

Doch selbst dazu gab es in diesem Jahr eine Warnung vorab: Kleine Portionen seien dringend empfohlen, sagte ein Ernährungs-Professor der Universität von Beerscheva - der Kalorien wegen.

© SZ vom 23.03.2016
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