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Israel erklärt Günter Grass zur Persona non grata:Avi Primor nennt Einreiseverbot hysterisch

Israels ehemaliger Botschafter in Deutschland, Avi Primor, hält das Einreiseverbot gegen Günter Grass für ungerechtfertigt - und greift den israelischen Innenminister Eli Jischai an. Der wiederum findet gar, dass man dem Schriftsteller den Nobelpreis aberkennen solle, und nennt Grass einen "antisemitischen Menschen". Der israelische Historiker Moshe Zimmermann nennt die Reaktion Jerusalems "absurd" - und hält Grass gleichzeitig vor, mit seinem Gedicht der rechtskonservativen Regierung Israels eine Steilvorlage geliefert zu haben.

Israels früherer Botschafter in Deutschland, Avi Primor, hat das Einreiseverbot gegen den Literaturnobelpreisträger Günter Grass kritisiert. Die Maßnahme sei "übertrieben, ein bisschen hysterisch oder populistisch - auf jeden Fall nicht gerechtfertigt", sagte Primor am Sonntagabend in der ARD. Israels Innenminister Eli Jischai betreibe damit Innenpolitik. Grass sei kein Antisemit. Allerdings sei die Aussage des Schriftstellers, Israel wolle Iran auslöschen, lächerlich.

Als "absurd" bezeichnete der israelische Historiker Moshe Zimmermann das Einreiseverbot. In einem Gastbeitrag bei Spiegel Online kritisierte der Jerusalemer Professor zwar Grass' Gedicht als "nicht fundiert". Auch wirft er dem Literaturnobelpreisträger vor, "Bilder und Mythen" zu benutzen, "die antisemitisch angehaucht sind". Zimmermanm schrieb, Grass verwende eine "Sprache, die typisch ist für jemanden, der mit seiner eigenen Vergangenheit vor 1945 zurechtkommen will. Doch, so ärgerlich das sein mag, rechtfertigt es die offizielle israelische Reaktion keineswegs."

Die israelische Regierung hatte den Schriftsteller wegen seines kritischen Gedichts zur Persona non grata erklärt. Das bestätigte ein Sprecher von Innenminister Eli Jischai. Als Persona non grata, also unerwünschte Person, darf Grass nicht mehr nach Israel einreisen.

Auch der israelische Historiker Tom Segev und der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, kritisierten das Einreiseverbot: Segev nannte es im Interview mit Spiegel Online einen "absolut zynischen und albernen Schritt des Innenministeriums". Die Motivation des Ministers zu diesem Schritt sei der Versuch, "seine politische Zukunft zu sichern". Beck hält das Verbot für überzogen und falsch. Handelsblatt Online sagte der Politiker: "Das ist unsouverän und demokratisch nicht klug. Ich hoffe, dass man das noch einmal überdenkt". Gleichzeitig äußerte Beck Verständnis für die Verärgerung in Israel.

Jischai sagte nach Angaben seines Sprechers, das Gedicht von Grass habe darauf abgezielt, "das Feuer des Hasses auf den Staat Israel und das Volk Israel anzufachen". Grass wolle so "die Idee weiterbringen, die er früher mit dem Tragen der SS-Uniform offen unterstützt hat".

Im israelischen Rundfunk sagte Jischai der Nachrichtenagentur dpa zufolge, man müsse dem 84-Jährigen nun eigentlich den Literaturnobelpreis aberkennen. Der von orientalischen Juden abstammende Politiker verglich Grass' Äußerungen mit der antisemitischen Hetze, die letztlich zum Holocaust geführt habe. "Man kann angesichts solcher Worte einfach nicht schweigen", sagte er. Mit deutlicher Abscheu sprach Jischai von Grass als einem "antisemitischen Menschen".

Literaturnobelpreisträger Grass hatte in seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" angeprangert, dass Iran von einem atomaren Präventivschlag durch Israel bedroht sei, der das iranische Volk vernichten könne. Zudem schrieb er, dass Israels Atomwaffen den Weltfrieden gefährde.

Dafür ist Grass in Deutschland parteiübergreifend und auch vom israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu angegriffen worden. Der Schriftsteller warf seinen Gegnern daraufhin Intoleranz und "eine gewisse Gleichschaltung der Meinung" vor.

Nach der massiven Kritik präzisierte Grass seine Kritik: "Ja, ich würde den pauschalen Begriff 'Israel' vermeiden", antwortete Grass im SZ-Interview auf die Frage, ob er den Text inzwischen anders schreiben würde.

Zudem würde er nun deutlicher machen, dass er sich in erster Linie gegen die derzeitige israelische Regierung Netanjahu wende. "Die kritisiere ich: Eine Politik, die gegen jede UN-Resolution den Siedlungsbau fortsetzt. Ich kritisiere eine Politik, die Israel mehr und mehr Feinde schafft und das Land mehr und mehr isoliert." Netanjahu sei nach seiner Einschätzung der Mann, der Israel zurzeit am meisten schade, "und das hätte ich in das Gedicht noch hineinbringen sollen", sagte Grass.

Auch Außenminister Liebermann kritisiert Grass

Doch auch diese Worte konnten Israels Innenminister offenbar nicht überzeugen. "Wenn Günter Grass weiter seine verqueren und lügnerischen Werke verbreiten will, sollte er dies von Iran aus tun, dort kann er sicher ein begeistertes Publikum finden", sagte Jischai.

Bei dem Einreiseverbot gegen Grass griff Jischai auf ein Gesetz zurück, dass es der Regierung erlaubt, ehemaligen Nazis die Einreise ins Land zu verweigern. Grass hatte eingestanden, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges in der Waffen-SS gedient zu haben.

Der israelische Außenminister Avigdor Lieberman kritisierte Grass nach Rundfunkangaben ebenfalls scharf. Bei einem Treffen mit dem italienischen Regierungschef Mario Monti habe er gesagt, die Äußerungen des deutschen Schriftstellers seien ein Ausdruck des Zynismus. Intellektuelle wie er seien bereit, "Juden auf dem Altar der Antisemiten zu opfern".

Solche Äußerungen wie von Lieberman, dem Rechtsaußen der israelischen Politik, sind für seinen Landsmann und Historiker Moshe Zimmermann ein Beleg dafür, "wie groß der Bärendienst ist, den Grass der Sache des Friedens erwiesen" habe. Wenn es Grass tatsächlich um die Warnung vor einem atomaren Krieg gehe, so sei sie "vollkommen nach hinten" losgegangen. "Grass hat die nationalistische israelische Rechte bedient, indem er Israel, nicht Iran, als potentiellen Auslöser eines GAUs attackierte", schrieb Zimmermann bei Spon, "und er hat der Regierung zudem noch geholfen von der Palästina-Frage abzulenken, indem er ihr die Möglichkeit gegeben hat, sich nur noch als Opfer zu zeigen, als Opfer Irans und Opfer von Günter Grass."

Iranischer Minister lobt Grass

Auch in Deutschland und anderswo ging die Kritik an dem 84-Jährigen Schriftsteller weiter: Schriftstellerkollege Rolf Hochhuth schrieb von Scham, Daniel Jonah Goldhagen warf Grass vor, er bediene Klischees und Vorurteile.

Der Schriftsteller Wolf Biermann verteidigte Grass "im Namen der Meinungsfreiheit", sein Israel-Gedicht aber bezeichnete er als "literarische Todsünde". In der Welt am Sonntag schrieb der Liedermacher, "wenn dem Künstler keine originellen Ideen mehr kommen, versucht mancher sich an einem künstlichen Tabubruch wie Grass".

Von den traditionellen Ostermärschen in Deutschland erhielt Grass Unterstützung.

Aber es gab auch Zuspruch, das der Literaturnobelpreisträger eher mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis nehmen dürfte: Iran lobte Grass in höchsten Tonen.

Vizekultusminister Dschawad Schamghadri schrieb dem 84-Jährigen einen Brief, der von der Nachrichtenagentur Mehr veröffentlicht wurde: "Dieses Gedicht", so der Minister an Grass, "wird zweifellos dazu beitragen, dass auch das schlafende Gewissen des Westens nun aufweckt wird".