Süddeutsche Zeitung

Israel:Ein einsames Wunder, leicht verwundbar

  • Die Berliner Journalistin und ständige Israel-Besucherin Andrea von Treuenfeld hat ein warmherziges Porträt über den Staat Israel verfasst.
  • Sie beschreibt teils euphorisch, teils ernüchtert, was dieses Land ausmacht, das einerseits aus dem Nichts als Musterdemokratie im totalitären Arabien entstand, sich aber auch als Zuchtmeister der Palästinenser gebärdet.

Für den auswärtigen Langzeitresidenten läuft "Israel-Erfahrung" fast immer in bestimmten Phasen ab, und die Eingangsfrage zu dieser Buchbesprechung könnte lauten: Trifft dies auf die Autorin Andrea von Treuenfeld, Journalistin, Berlinerin sowie ständige Israel-Besucherin, ebenfalls zu?

In den ersten zwei bis drei Jahren quillt "Israel-Euphorie" entlang folgender Stichworte förmlich über: Gründung aus dem Nichts, Holocaustüberlebende, Wüste zum Blühen bringen, Musterdemokratie im finsteren, totalitären Arabien, Holy-Land-Romantik und Jerusalem-Syndrom, Tsahal-Helden gegen Hamas-Terroristen, heimliche Genies und Nobelpreisanwärter auf allen Straßen, Kibbutz als Lebensform, Israël vaincra, "We shall overcome" ...

Ein "distanzierter" Berichterstatter hätte ein solches Buch nicht schreiben können

Dann kommt Ernüchterung. Man erfährt Israel als das, was es auch ist: ein enges, kleines Land voller Menschen, die sich rund um die Uhr buchstäblich auf die Füße treten. Die Welt der hebräischen Flüche und Schimpfwörter, meist arabischen Ursprungs. Israelis als Zuchtmeister der Palästinenser.

Israel als monströse Blechschlange auf den Straßen der Nation. Israel als himmelwärts offenes Gefängnis für alle, die dort leben. Israel als Schlangengrube voller arroganter Spießer, die über die eigene Nabelschau selten hinausfinden. Israel als Spielwiese für Kirchturmpolitiker und Säbelrassler. Ellenbogenmoral im beruflichen Alltag. Israel als Touristenfalle. Israel in Händen von politischen Freibeutern aller Ausrichtungen und Gebetsbücher.

Hier angelangt muss man eine Entscheidung treffen. Entweder kehrt man Israel den Rücken und verlässt das Land auf Nimmerwiedersehen oder man bleibt "trotzdem" und fängt an, das Land und seine "verrückten" Bewohner so anzunehmen, vielleicht sogar zu lieben, wie sie wirklich sind. Mit allen Fehlern, die sie haben. Man entdeckt hinter Israelis plötzlich Russen, Polen, Deutsche, Franzosen, Engländer, Amerikaner, Marokkaner, Tunesier, Jemeniten, Iraner, die trotz Tagesgezeter miteinander auskommen und in Krisenzeiten ohnehin zusammenhalten wie Pech und Schwefel.

Man findet heraus, dass es "das jüdische Volk" tatsächlich gibt und dieses Volk einen Flecken Nahostwildnis, bestehend aus Sümpfen, Steinen und Sand, innerhalb weniger Jahrzehnte in etwas Erstaunliches verwandelt hat: eine moderne Nation des 21. Jahrhunderts, wo die Züge pünktlich fahren, Kliniken von Weltniveau existieren, die Patienten aus fünf Erdteilen anziehen, und auch alles andere fast pannenfrei läuft. Kurzum: ein gesellschaftliches Wunder im Nahen Osten auf einsamer Höhe, doch jederzeit hochgradig verwundbar.

Vom Nahostkonflikt ist nur am Rande die Rede - wohl mit voller Absicht

Wer sich als Europäer dieser Erkenntnis verschließt und nur noch das palästinensische Elend mitbejammert, lügt. Hier angelangt spürt "der Europäer", sofern er sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber aufrichtig bleibt, dass die israelische Welt von heute mit allen Höhen und Tiefen im Wesentlichen auch die Seine ist. Man kann sie nicht hassen, man gehört dazu: jüdisch-christlich, säkular, atheistisch, sozialistisch, kapitalistisch - wie auch immer.

Blick ins Buch

Andrea von Treuenfeld hat die Entscheidung getroffen. Sie hält den Israelis und deren Land die Stange, durch dick und dünn. Vielleicht nicht nur, weil sie Deutsche ist, es kommt aus ihrem Innern, der Leser fühlt es. Ein "distanzierter" Israel-Berichterstatter hätte dieses Buch nicht schreiben können. Treuenfelds Vorgehensweise ist originell und warmherzig.

Die Autorin greift sich Ereignisse, international bekannte wie auch unbekannte, israelische Persönlichkeiten im Rampenlicht der Politbühne wie auch im Schatten eher anonymen Geschehens, die Israel geprägt und formatiert haben, und stellt sie auf ein oder zwei Seiten vor, da und dort illustriert durch passende Fotos. Das Ganze kommt in chronologischer Reihenfolge und deckt den Zeitraum von 1948, "Staatsgründung", bis 2018, "Israel heute", ab. Die Sprache ist leserfreundlich und allgemein verständlich. Ein Buch zum Lesen? Ja.

Kritisch sei angemerkt, dass einige herausragende Elemente der israelischen Wirklichkeit 2018 in diesem Buch unterbelichtet bleiben. In Israel leben heute gut 1,5 Millionen Staatsbürger sowjetisch-russischer Herkunft und geben dem Land einen sicht- und hörbaren Drive. Andrea von Treuenfeld widmet diesem Phänomen gerade mal eine Seite "sowjetische Juden", bezogen auf das Jahr 1989.

Und der im Lande immer noch spürbare Riss zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden hätte ebenfalls intensivere Beachtung verdient. Auch hier gibt es nur eine Buchseite "nordafrikanische Einwanderer", aus dem Jahr 1955. Schließlich werden Persönlichkeiten vorgestellt, wie zum Beispiel die Ex-Wienerin Alice Schwarz-Gardos (1915- 2007), die bis zu ihrem Lebensende jahrzehntelang Leiterin der deutschsprachigen Tel-Aviver Tageszeitung Israel Nachrichten gewesen war.

Diese Menschen, die eigentlichen "Artisten" des modernen Israels, hätten da und dort eindringlichere, "farbigere" Porträts verdient. Doch zugestanden: man kann auf gerade mal 220 Seiten nicht alles sagen und muss verengend argumentieren.

Natürlich bleibt der Nahostkonflikt im Raum, also das klare Unrecht, welches den Palästinensern im Zuge der Gründung Israels zugefügt worden war und weiterhin zugefügt wird. "Israelophile" Gefühle schließen messerscharfes Bewusstsein für dieses Unrecht nicht aus. Am ausgeprägtesten ist solches Bewusstsein bei vielen Israelis selbst. In Andrea von Treuenfelds Israel-Buch ist davon nur am Rande die Rede. Vielleicht gut so, denn dies ist nicht das Thema ihres Buches.

Zu vermuten bleibt indessen, dass die Autorin sich solcher Krux voll bewusst ist, den Nahostkonflikt in seiner ganzen Schärfe und historischen Bedeutung sieht (auch für Europa!) und dennoch im Ernstfall zu den Israelis halten würde. Die Israelis sind ein Teil von uns, von Europa, vom sogenannten "Westen", und da gilt, angelsächsisch-pragmatisch, die Einschätzung: "Wrong or right, my country." Die Israelis wissen es und setzen darauf, und deshalb müsste man ihnen vielleicht sogar böse sein. Doch wie gesagt, es geht nicht. Es wäre Sägen am Ast, auf dem wir alle zusammen sitzen.

Wolfgang Freund ist deutsch-französischer Sozialwissenschaftler (Schwerpunkt "Mittelmeerkulturen"). Zahlreiche Publikationen auf Deutsch, Französisch und Englisch. Lebt heute in Südfrankreich.

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Quelle:
SZ vom 11.06.2018
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