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Israel droht Iran mit Präventivangriff:Israels offene Wunde

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Israel will um jeden Preis verhindern, dass Iran sein Atomprogramm vorantreibt. Für Premier Netanjahu ist die "existenzielle Bedrohung" durch die Nazis und durch die Atom-Iraner vergleichbar. Die Antwort darauf aber hat eine entschieden andere zu sein.

Peter Münch, Tel Aviv

Die Welt mag sich sorgen, in Israel ist es erst einmal Zeit zum Feiern. Rechtzeitig zum Purim-Fest ist Premierminister Benjamin Netanjahu in dieser Woche aus Washington zurückgekehrt, wo er einmal mehr seine Kriegsbereitschaft zelebriert hat. Im Weißen Haus ließ er als Präsent und Hintergrundinformation eine fein verzierte Ausgabe des biblischen Buchs Esters zurück, in dem die Purim-Geschichte erzählt wird. "In jeder Generation", so erklärte Netanjahu dazu dem US-Präsidenten Barack Obama, "gab es die, die das jüdische Volk vernichten wollten."

Im Buch Ester waren es die Perser, ausgerechnet, denn dies macht es für Netanjahu zu einer passenden Parabel für den atomaren Iran. Hatte nicht schon vor 2500 Jahren ein Finsterling namens Haman als oberster Beamter des persischen Königs die Tötung aller dort ansässigen Juden geplant? Verhindert wurde dies damals allein durch das Fasten und Beten der Königin Ester. Der Errettung vor dem Genozid, auf die ein Gemetzel an den Feinden folgte, wird seither mit einem fröhlichen Fest gedacht, mit Straßenkarneval, mit Umzügen und mit reichlich Alkohol.

Ein Volk, das solche Feste feiert, ist wahrlich leidgeprüft. Doch Israel hat nicht nur allen Grund, sein Überleben zu begießen. Es hat genauso allen Grund, um seine Existenz zu bangen. Die Verfolgung ist die Grunderfahrung des jüdischen Volkes - bis hin zum Holocaust, der als Kollektivtrauma vererbt wird an die nachfolgenden Generationen. Andere Nationen haben sich ihren Staat erkämpft, die Juden haben ihn sich erlitten. Israel ist 1948 aufgestiegen aus der Asche von Auschwitz, doch die Bedrohung hat es bis heute nicht überwunden angesichts des feindlichen Umfeldes, in dem der Staat bis heute lebt.

Vom Buch Ester bis zum Holocaust reicht also das psychologische Arsenal, mit dem Benjamin Netanjahu heute Politik betreibt. In Washington versäumte der Premier wieder einmal keine Gelegenheit, Iran mit Nazi-Deutschland gleichzusetzen und die Atomanlagen mit den Vernichtungslagern.

So, wie er vor zweieinhalb Jahren vor der UN-Vollversammlung die Baupläne von Auschwitz schwenkte, so hielt er nun in seiner Rede vor der pro-israelischen Lobby-Organisation Aipac die Faksimiles eines Briefwechsels aus dem Jahre 1944 hoch. Er zitierte aus dem Schreiben des Jüdischen Weltkongresses, der die Amerikaner anflehte, Auschwitz zu bombardieren - und aus der Antwort des Kriegsministeriums, das dies ablehnte. Die Begründung: Ein Erfolg sei nicht gewiss, sicher sei dagegen, dass dies "noch stärkere Racheaktionen der Deutschen provozieren würde".

Das Mantra vom "Nie wieder"

Das klingt nicht nur furchtbar und feige, sondern auch vertraut aus den heutigen Debatten über einen Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen. Damals war die Weigerung aus Washington ein fataler Fehler - sechsmillionenfach bewiesen. Aber hat dies, wie der Vergleich suggeriert, tatsächlich eine Bedeutung für heutiges Handeln? Denn nüchtern betrachtet ist die Welt von 1944 weit entfernt von der Welt des 21. Jahrhunderts, in der Israel sich als eine Art nahöstliche Supermacht präsentiert, hochgerüstet bis hin zu halb-heimlichen Atomwaffen.

Doch für Netanjahu ist ja auch nur die "existenzielle Bedrohung" durch die Nazis und durch die Atom-Iraner vergleichbar. Die Antwort darauf aber hat eine entschieden andere zu sein. Es ist das Mantra vom "Nie wieder" - verbunden mit dem Anspruch des Anführers, als Retter und vielleicht auch Rächer eine neue Katastrophe abzuwenden.

Israels Antwort auf Auschwitz

Dieses Mantra wird seit Jahrzehnten immer wieder aufs Neue belebt und hat oft genug aufs Schlachtfeld geführt. Es ist, nebenbei bemerkt, auch nicht nur von Politikern aus dem Volk der Opfer zu hören gewesen, sondern zum Beispiel auch von Joschka Fischer, der als deutscher Außenminister Ende der neunziger Jahre Auschwitz als Begründung des Kosovo-Kriegs bemühte.

Aber natürlich hat es in Israel eine andere Tiefe und eine andere Wirkung. Hier lebt Hitler seit Jahrzehnten in verschiedenen Inkarnationen fort: Für Netanjahu ist es Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad, für Menachem Begin war es einst Palästinenser-Führer Jassir Arafat, und vor dem Sechstagekrieg spielte Ägyptens Staatschef Gamal Abdel Nasser diese Rolle.

Das ist mehr als nur Rhetorik, das drängt zum (militärischen) Handeln. Der israelische Historiker Tom Segev hat gezeigt, wie im Sechstagekrieg von 1967 der Präventivschlag gegen Ägypten nach all den Drohungen Nassers von der Angst Israels vor einem zweiten Holocaust getrieben war. Nach dem schnellen Sieg schrieb damals das Massenblatt Jedioth Achronoth: "Zu unserer Freude und zur Trauer der arabischen Nachbarn wurde der Staat Israel nicht ausgelöscht, und seine Einwohner wurden nicht abgeschlachtet und in die Gaskammern und Öfen geschickt." Israels damaliger Außenminister Abba Eban trat vor die Vereinten Nationen und sagte: "Hätte Israel den Krieg verloren, wären zwei Millionen Leichen zu den sechs Millionen Holocaust-Opfern dazugekommen."

"Geisel der Erinnerung"

Seitdem ist die präventive Gefahrenabwehr immer wieder zu Israels Antwort auf Auschwitz geworden. So war es 1981, als der irakische Atomreaktor Osirak zerbombt wurde. So war es auch ein Jahr später, als Regierungschef Begin beim Einmarsch in den Libanon erklärte: "Glauben Sie mir, die Alternative ist Treblinka, und wir haben beschlossen, dass es kein Treblinka mehr geben wird."

Doch schon damals regte sich in Israel auch Widerstand gegen die Absolutheit solcher Argumentation. "Herr Begin, Adolf Hitler ist vor 37 Jahren gestorben", schrieb der Schriftsteller Amos Oz, "er versteckt sich nicht in Nabatija, Sidon oder Beirut." Heute wirft der Haaretz-Journalist Gideon Levy Premier Netanjahu eine "Verscherbelung" des Holocaust-Gedenkens vor, und Oppositionsführerin Tzipi Livni klagte nach dem Aipac-Auftritt über die "hysterischen" Analogien. "Wir sind nicht im Ghetto", sagte sie, und es gibt keinen Grund für Holocaust-Vergleiche."

Der Kern israelischer Staatsräson

Zweifellos ist der Vergleich längst in den Niederungen der Tagespolitik angelangt. Er erfüllt einen Zweck, denn im permanenten Bedrohungszustand erscheint jeder Angriff als notwendiges Mittel zur Selbstverteidigung. Avram Burg, Politiker und Publizist, nennt in seinem Buch "Hitler besiegen" den Holocaust als "Entschuldigung und Triebkraft für jegliches Handeln" in Israel. Er fordert, nicht mehr auf ewig eine "Geisel der Erinnerung" zu sein. Doch wollen - und können - die Politiker in Israel das?

Schließlich ist die Verhinderung eines neuen Holocausts der Kern israelischer Staatsräson. Der eigene Staat ist das Versprechen, dass das jüdische Volk nie mehr schutzlos dasteht. Aus dem Trauma der Ohnmacht ist der Drang nach Übermacht, nach Kontrolle und Überlegenheit erwachsen. Doch der zum Goliath gewordene David hat nicht vergessen, dass Schwäche sein Land an die Schwelle zum Untergang bringt.

In Israels permanenten Demonstrationen der Stärke liegt also auch eine Erlösungssehnsucht von den alten Ängsten. Doch dazu wird es wohl kaum je kommen können, und ganz bestimmt solange nicht, wie Israels Feinde die Ängste schüren mit Vernichtungstiraden nach Teheraner Art. Denn dies zielt direkt ab auf die offene Wunde - und macht es Politikern wie Netanjahu leicht, das Holocaust-Trauma für seinen harten Kurs gegen Iran heranzuziehen. Das mag eine gezielte Instrumentalisierung sein, doch die Ängste dahinter sind real.

Real ist allerdings auch die Gefahr, die davon ausgeht. Denn wer mit dem Holocaust argumentiert, läuft Gefahr, sich selbst jeden realpolitischen Spielraum zu nehmen. Eine diplomatische Lösung erscheint dann als absurd, logisch ist nur ein Erstschlag.

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SZ vom 10.03.2012/fran
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