Israel droht Iran mit Präventivangriff:Israels Antwort auf Auschwitz

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Dieses Mantra wird seit Jahrzehnten immer wieder aufs Neue belebt und hat oft genug aufs Schlachtfeld geführt. Es ist, nebenbei bemerkt, auch nicht nur von Politikern aus dem Volk der Opfer zu hören gewesen, sondern zum Beispiel auch von Joschka Fischer, der als deutscher Außenminister Ende der neunziger Jahre Auschwitz als Begründung des Kosovo-Kriegs bemühte.

Israel droht Iran mit Präventivangriff: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu zelebriert seine Kriegsbereitschaft gegenüber Iran.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu zelebriert seine Kriegsbereitschaft gegenüber Iran.

(Foto: AP)

Aber natürlich hat es in Israel eine andere Tiefe und eine andere Wirkung. Hier lebt Hitler seit Jahrzehnten in verschiedenen Inkarnationen fort: Für Netanjahu ist es Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad, für Menachem Begin war es einst Palästinenser-Führer Jassir Arafat, und vor dem Sechstagekrieg spielte Ägyptens Staatschef Gamal Abdel Nasser diese Rolle.

Das ist mehr als nur Rhetorik, das drängt zum (militärischen) Handeln. Der israelische Historiker Tom Segev hat gezeigt, wie im Sechstagekrieg von 1967 der Präventivschlag gegen Ägypten nach all den Drohungen Nassers von der Angst Israels vor einem zweiten Holocaust getrieben war. Nach dem schnellen Sieg schrieb damals das Massenblatt Jedioth Achronoth: "Zu unserer Freude und zur Trauer der arabischen Nachbarn wurde der Staat Israel nicht ausgelöscht, und seine Einwohner wurden nicht abgeschlachtet und in die Gaskammern und Öfen geschickt." Israels damaliger Außenminister Abba Eban trat vor die Vereinten Nationen und sagte: "Hätte Israel den Krieg verloren, wären zwei Millionen Leichen zu den sechs Millionen Holocaust-Opfern dazugekommen."

"Geisel der Erinnerung"

Seitdem ist die präventive Gefahrenabwehr immer wieder zu Israels Antwort auf Auschwitz geworden. So war es 1981, als der irakische Atomreaktor Osirak zerbombt wurde. So war es auch ein Jahr später, als Regierungschef Begin beim Einmarsch in den Libanon erklärte: "Glauben Sie mir, die Alternative ist Treblinka, und wir haben beschlossen, dass es kein Treblinka mehr geben wird."

Doch schon damals regte sich in Israel auch Widerstand gegen die Absolutheit solcher Argumentation. "Herr Begin, Adolf Hitler ist vor 37 Jahren gestorben", schrieb der Schriftsteller Amos Oz, "er versteckt sich nicht in Nabatija, Sidon oder Beirut." Heute wirft der Haaretz-Journalist Gideon Levy Premier Netanjahu eine "Verscherbelung" des Holocaust-Gedenkens vor, und Oppositionsführerin Tzipi Livni klagte nach dem Aipac-Auftritt über die "hysterischen" Analogien. "Wir sind nicht im Ghetto", sagte sie, und es gibt keinen Grund für Holocaust-Vergleiche."

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