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Israel droht Iran mit Präventivangriff:Israels offene Wunde

Israel will um jeden Preis verhindern, dass Iran sein Atomprogramm vorantreibt. Für Premier Netanjahu ist die "existenzielle Bedrohung" durch die Nazis und durch die Atom-Iraner vergleichbar. Die Antwort darauf aber hat eine entschieden andere zu sein.

Die Welt mag sich sorgen, in Israel ist es erst einmal Zeit zum Feiern. Rechtzeitig zum Purim-Fest ist Premierminister Benjamin Netanjahu in dieser Woche aus Washington zurückgekehrt, wo er einmal mehr seine Kriegsbereitschaft zelebriert hat. Im Weißen Haus ließ er als Präsent und Hintergrundinformation eine fein verzierte Ausgabe des biblischen Buchs Esters zurück, in dem die Purim-Geschichte erzählt wird. "In jeder Generation", so erklärte Netanjahu dazu dem US-Präsidenten Barack Obama, "gab es die, die das jüdische Volk vernichten wollten."

Proben für den Ernstfall: Israelische Sicherheitskräfte simulieren während einer Übung bei Tel Aviv einen Raketenangriff.

(Foto: AFP)

Im Buch Ester waren es die Perser, ausgerechnet, denn dies macht es für Netanjahu zu einer passenden Parabel für den atomaren Iran. Hatte nicht schon vor 2500 Jahren ein Finsterling namens Haman als oberster Beamter des persischen Königs die Tötung aller dort ansässigen Juden geplant? Verhindert wurde dies damals allein durch das Fasten und Beten der Königin Ester. Der Errettung vor dem Genozid, auf die ein Gemetzel an den Feinden folgte, wird seither mit einem fröhlichen Fest gedacht, mit Straßenkarneval, mit Umzügen und mit reichlich Alkohol.

Ein Volk, das solche Feste feiert, ist wahrlich leidgeprüft. Doch Israel hat nicht nur allen Grund, sein Überleben zu begießen. Es hat genauso allen Grund, um seine Existenz zu bangen. Die Verfolgung ist die Grunderfahrung des jüdischen Volkes - bis hin zum Holocaust, der als Kollektivtrauma vererbt wird an die nachfolgenden Generationen. Andere Nationen haben sich ihren Staat erkämpft, die Juden haben ihn sich erlitten. Israel ist 1948 aufgestiegen aus der Asche von Auschwitz, doch die Bedrohung hat es bis heute nicht überwunden angesichts des feindlichen Umfeldes, in dem der Staat bis heute lebt.

Vom Buch Ester bis zum Holocaust reicht also das psychologische Arsenal, mit dem Benjamin Netanjahu heute Politik betreibt. In Washington versäumte der Premier wieder einmal keine Gelegenheit, Iran mit Nazi-Deutschland gleichzusetzen und die Atomanlagen mit den Vernichtungslagern.

So, wie er vor zweieinhalb Jahren vor der UN-Vollversammlung die Baupläne von Auschwitz schwenkte, so hielt er nun in seiner Rede vor der pro-israelischen Lobby-Organisation Aipac die Faksimiles eines Briefwechsels aus dem Jahre 1944 hoch. Er zitierte aus dem Schreiben des Jüdischen Weltkongresses, der die Amerikaner anflehte, Auschwitz zu bombardieren - und aus der Antwort des Kriegsministeriums, das dies ablehnte. Die Begründung: Ein Erfolg sei nicht gewiss, sicher sei dagegen, dass dies "noch stärkere Racheaktionen der Deutschen provozieren würde".

Das Mantra vom "Nie wieder"

Das klingt nicht nur furchtbar und feige, sondern auch vertraut aus den heutigen Debatten über einen Angriff auf die iranischen Nuklearanlagen. Damals war die Weigerung aus Washington ein fataler Fehler - sechsmillionenfach bewiesen. Aber hat dies, wie der Vergleich suggeriert, tatsächlich eine Bedeutung für heutiges Handeln? Denn nüchtern betrachtet ist die Welt von 1944 weit entfernt von der Welt des 21. Jahrhunderts, in der Israel sich als eine Art nahöstliche Supermacht präsentiert, hochgerüstet bis hin zu halb-heimlichen Atomwaffen.

Doch für Netanjahu ist ja auch nur die "existenzielle Bedrohung" durch die Nazis und durch die Atom-Iraner vergleichbar. Die Antwort darauf aber hat eine entschieden andere zu sein. Es ist das Mantra vom "Nie wieder" - verbunden mit dem Anspruch des Anführers, als Retter und vielleicht auch Rächer eine neue Katastrophe abzuwenden.