Israel:"Töte den zuerst, der kommt, um dich zu töten"

Israel: Ein israelischer Polizist in Jerusalems Altstadt.

Ein israelischer Polizist in Jerusalems Altstadt.

(Foto: AFP)
  • Seit Oktober wurden in Israel 28 Israelis und vier Ausländer bei Angriffen getötet. In der gleichen Zeit starben mehr als 190 Palästinenser, die meisten von ihnen waren Attentäter, die noch am Tatort erschossen wurden.
  • Der sephardische Chefrabbiner Jitzchak Josef spricht sich nun für tödliche Gegenwehr bei Messerattacken aus.
  • Damit setzt der ultraorthodoxe Chefrabbiner eine Familientradition fort.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Wenn Jitzchak Josef seine Wochenpredigt hält, dann darf er sich stets großer Aufmerksamkeit gewiss sein. Ein israelischer Fernsehsender überträgt live den Sermon des sephardischen Chefrabbiners, dem es als Autorität der orientalischen Juden obliegt, den Gläubigen in allen Lebensfragen den Weg zu weisen. Er hat sich dabei nie gescheut, der verlotterten Welt die Leviten zu lesen, und nun hat er sich auch des derzeit wohl drängendsten Alltagsthemas angenommen: der seit Oktober andauernden Gewaltwelle, ausgelöst durch palästinensische Attentäter. "Wenn ein Terrorist mit einem Messer auf jemanden losgeht", sprach der Chefrabbiner, "dann ist es eine Mitzwah, ihn zu töten." Die Mitzwah ist eine religiöse Vorschrift, und Josef sieht die tödliche Gegenwehr nicht nur gedeckt, sondern geboten durch das jüdische Recht: "Töte den zuerst, der kommt, um dich zu töten", fuhr er fort.

Der fromme Mann hat sich damit mitten hinein begeben in eine Debatte, die das Land heftig umtreibt. Seit Oktober wurden bereits 28 Israelis und vier Ausländer bei Angriffen getötet. In der gleichen Zeit starben mehr als 190 Palästinenser, die meisten von ihnen waren Attentäter, die noch am Tatort erschossen wurden. Im Ausland und auch von israelischen Menschenrechtsgruppen hatte Letzteres manche Kritik an den Sicherheitskräften provoziert, die bisweilen zu schnell ihre tödlichen Schüsse abgefeuert haben könnten. Schließlich hatte sich im Februar sogar Generalstabschef Gadi Eisenkot eingeschaltet und erklärt, "ich möchte nicht sehen, dass ein Soldat sein Magazin auf ein 13-jähriges Mädchen mit einer Schere in der Hand leer schießt". Der General spielte damit auf einen tatsächlichen Vorfall an - und wurde gleich von rechtsgerichteten Politikern verbal unter Beschuss genommen.

Mit der forschen Auslegung der Gebote setzt der Chefrabbiner eine Art Familientradition fort

Nun hat auch der Chefrabbiner den Armeechef zum Weichling erklärt und der Gefolgschaft aufgetragen, "fürchtet euch nicht alle vor den Gerichten oder wenn ein Generalstabschef etwas anderes sagt." Eine Ausnahme vom Tötungsgebot will Jitzchak Josef aber machen, wenn der Angreifer bereits entwaffnet sei. In dem Fall solle man ihn mit lebenslanger Haft bestrafen, alle weiteren Maßnahmen will er "bis zur Ankunft des Messias" verschieben.

Mit dieser forschen Auslegung der religiösen Gebote setzt der ultra-orthodoxe Chefrabbiner auch eine Art Familientradition fort. Sein 2013 verstorbener Vater Ovadia Josef nämlich war der spirituelle Führer der Schas-Partei und ebenfalls ein Freund klarer Kanten. So wünschte er den Palästinensern "die Pest", nannte Premierminister Jitzchak Rabin einen unkoscheren "Kaninchenfresser" und dessen Nachfolger Benjamin Netanjahu eine "blinde Ziege". Der Sohn scheint nun dieser Spur zu folgen.

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