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Coronavirus:Neue Verhaltensregeln in Israel lösen Unsicherheit aus

An Israeli man wearing a mask chats with paramedics wearing protective suits near a dedicated polling station where Israelis under quarantine from the coronavirus can vote in Israel's national election, in Haifa, Israel

Humor in Zeiten gesellschaftlicher Angst: Ein Mann in Israel trägt einen bedruckten Mundschutz.

(Foto: Ammar Awad/Reuters)
  • Seit Mittwoch gelten in Israel neue Verhaltensregeln und Reisebeschränkungen. Staatsbürger aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich und Spanien dürfen nicht mehr einreisen.
  • Israelis, die aus betroffenen Gebieten zurückkehren, müssen sich für vierzehn Tage in häusliche Quarantäne begeben.
  • Die neuen Bestimmungen sorgen für Verwirrung, eine Hilfshotline registriert innerhalb weniger Stunden 39 000 Anrufe.
  • Unklar ist zum Beispiel, wie sich in Israel lebende Ausländer verhalten sollen.

Als Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Gesundheitsminister Yaakov Litzman am späten Mittwochnachmittag wegen der Corona-Gefahr neue Verhaltensregeln und Bestimmungen nach der Einreise aus fünf europäischen Ländern veröffentlicht hatten, standen die Telefone bei der Hilfsorganisation Magen David Adom nicht mehr still. Binnen weniger Stunden wurden 39 000 Anrufe bei der eigens eingerichteten Hotline registriert - ein Anstieg um 700 Prozent. Aufgrund der vielen Anfragen brach auch die Webseite zusammen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums müssen aufgrund der Anordnungen rund 70 000 Israelis unter Quarantäne. Der TV-Sender Channel 12 kalkulierte, dass 100 000 Menschen von den Maßnahmen betroffen seien.

Weil einige der verkündeten Maßnahmen nicht klar oder widersprüchlich waren, löste das Chaos und Unsicherheit aus. In den veröffentlichten Regelungen hieß es, Israelis, die aus einem dieser Staaten zurückkehren, müssten sich für vierzehn Tage in häusliche Quarantäne begeben - rückwirkend ab dem Tag der Einreise. Wer also bereits vor einer Woche zurückgekehrt war, muss noch eine weitere Woche zu Hause bleiben. Staatsbürger aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Frankreich und Spanien dürfen nicht mehr einreisen. "Es sei denn, sie sind bereit und haben die Möglichkeit dazu, sich in eine 14-tägige Quarantäne zu begeben", heißt es in dem Erlass des Gesundheitsministeriums.

Offen ist, was der Erlass für in Israel lebende Ausländer bedeutet

Weil aber etwa der Zeitpunkt des Inkrafttretens offengelassen wurde, herrschte bei vielen Reisenden Unsicherheit. Zuerst hieß es, diese Maßnahmen sollten "in den kommenden Tagen" umgesetzt werden. Später wurde nachgebessert: Für Ausländer sollten die verschärften Einreisebestimmungen ab Freitag, acht Uhr israelischer Zeit, gelten. Israelis müssten sofort in Quarantäne, hieß es.

Am Donnerstag wurde dann Richtlinien veröffentlicht, dass Touristen aus diesen Ländern, die bereits im Land seien, ihre Reise wie geplant fortsetzen könnten - außer sie fühlten sich gesundheitlich unwohl. Offen blieb aber, ob Ausländer, die in Israel leben, nun wie die Israelis behandelt werden oder wie die Touristen.

Viele von denen, die sich zu Besuch in Israel aufhielten, versuchten, möglichst rasch Flüge zu bekommen und noch am Mittwoch oder Donnerstag auszureisen. Als sich am Mittwochabend in einem Flugzeug, das Richtung Wien abfliegen sollte, die Quarantäne-Maßnahmen für Israelis herumsprachen, stiegen einige wieder aus. Andere wiederum bekamen über die Schule ihres Kindes vom Gesundheitsministerium mitgeteilt, dass die ganze Familie unter Quarantäne gestellt wurde.

Am Mittwochabend landeten 19 Flugzeuge aus den fünf europäischen Ländern. Die israelischen Passagiere hatten großteils noch gar nicht gewusst, dass sie gleich nach der Ankunft in Quarantäne mussten. An diesem Abend und auch für die kommenden Tage wurden Konzerte und Sportveranstaltungen abgesagt. Das Basketballteam von Maccabi Tel Aviv spielte trotz der Rückkehr aus Spanien vor elf Tagen vor Hunderten Zuschauern und setzte sich damit dem Vorwurf aus, die Regeln zu missachten. Der Gegner war der türkische Klub Anadolu Efes, der zuvor in Berlin gespielt hatte.

Veranstaltungen mit mehr als 5000 Teilnehmern sind verboten

Das israelische Militär sagte eine groß angelegte Militärübung ab, an der auch die Bundeswehr teilnehmen sollte. Auch der Europäische Mediengipfel, der mit Teilnehmern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Ende März in Tel Aviv stattfinden sollte, wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Denn Israel untersagte alle Konferenzen.

Außerdem wurden Veranstaltungen, zu denen mehr als 5000 Teilnehmer erwartet werden, verboten. Das trifft auch viele Purim-Umzüge - eine Art jüdisches Faschingsfest - in den kommenden Tagen. Ein für den 20. März in Jerusalem geplanter Marathon wurde auf Oktober verschoben. Das Gesundheitsministerium wies zudem an, dass medizinisches Personal und Beschäftigte in Häfen das Land nicht verlassen dürfen - um ihre Ansteckung zu verhindern. Personen über 60 Jahren wurde empfohlen, Kontakt mit Personen zu vermeiden, die zuletzt im Ausland waren.

Netanjahu rief die Bürger auf, auf Flugreisen und Händeschütteln zu verzichten

Das israelische Gesundheitsministerium wiederholte seine Aufforderung an alle Bürger, generell Flugreisen zu vermeiden. Netanjahu rief dazu auf, Händeschütteln zu unterlassen. Gegenwärtig gelten in Israel 15 Personen als infiziert. Für Einreisende aus Italien und mehreren asiatischen Ländern galten die strengen Beschränkungen bereits seit zwei Wochen.

Auch in den palästinensischen Gebieten wurden am Donnerstag vier Fälle gemeldet, die mit einem Hotel in Beit Jala zusammenhängen. Die Autonomiebehörde ordnete daraufhin die Schließung von Institutionen sowie aller Kirchen und Moscheen für zwei Wochen an. Betroffen ist davon auch die von Touristen gerne besuchte Geburtskirche in Bethlehem. Von Freitag an dürfen Hotels in den palästinensischen Gebieten zudem zwei Wochen lang keine ausländischen Touristen mehr aufnehmen.

Die Auswirkungen sind bereits in Israels Wirtschaft spürbar: Die israelische Fluglinie El Al kündigte aufgrund der notwendigen Flugstreichungen die Entlassung von tausend ihrer rund 6000 Mitarbeiter an. Außerdem gibt es für alle, die besser verdienen, eine Gehaltsreduktion um 20 Prozent. Der Aktienkurs ging um 30 Prozent binnen eines Monats zurück.

© SZ.de/thba/cat
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