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Kampf gegen die Pandemie:Israel impft im Rekordtempo

Israel juggles supplies, pace in bid for full vaccination of at-risk groups

Arbeit mit Hochdruck: Schon mehr als eine Million Israelis sind geimpft worden.

(Foto: AMMAR AWAD/REUTERS)

Bis März könnte ein Großteil der neun Millionen Bewohner des Landes immunisiert sein. Dann wird gewählt.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Israel hat bei den Impfungen gegen das Coronavirus ein einfaches Erfolgsrezept: Es hat mit hohem Tempo begonnen - und danach noch einmal kräftig zugelegt. Jeden Tag gibt es neue Rekordzahlen zu vermelden: Mehr als 150 000 Impfungen innerhalb von 24 Stunden werden inzwischen verabreicht, schon am Freitag hatten eine Million der insgesamt nur neun Millionen Israelis die erste Impfdosis erhalten. Bei dieser Schlagzahl könnte schon im März ein Großteil der Bevölkerung immunisiert sein.

Diese guten Nachrichten verdrängen im soeben begonnenen dritten Lockdown mit Leichtigkeit die ebenfalls wieder rekordverdächtig ansteigenden Ansteckungszahlen, die inzwischen bei rund 6000 pro Tag liegen. Im Wettlauf zwischen Infektion und Impfung verbreitet die Regierung pure Zuversicht. Premierminister Benjamin Netanjahu hat sein Land zum Impf-Weltmeister erklärt und jubelt: "Die ganze Welt staunt über Israel."

Tatsächlich hat Israel gute Voraussetzungen, als globaler Vorreiter aus der Pandemie zu kommen. Es könnte als Land mit kleiner Fläche und übersichtlicher Bevölkerungszahl zum Modellfall werden - und mit diesem Argument dringt die Regierung bei den Pharmafirmen auch auf möglichst frühe und umfangreiche Lieferung des Impfstoffs. Pfizer hat das Land bereits beim Start mit einer vergleichsweise hohen Anzahl an Impfdosen versorgt, bis Ende Januar sollen zumindest vier Millionen Dosen verfügbar sein. Bestellt, aber noch nicht geliefert wurden große Mengen Impfstoff auch von den Unternehmen Moderna und Astra Zeneca. Insgesamt addiert sich das auf 24 Millionen Dosen, also eine wohlige Überversorgung.

Die Bevölkerung ist Impfungen gegenüber aufgeschlossen

Vorteilhaft für Israel wirkt sich aus, dass das Land über ein gut organisiertes Gesundheitssystem mit vier staatlichen Krankenkassen verfügt, die nun gemeinsam die Impfkampagne durchführen. Zudem ist das Land gewohnt, auf allfällige Krisen kreativ und schnell zu reagieren. Die Bevölkerung ist Innovationen und auch Impfungen gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen. Und nicht zuletzt hat sich der Regierungschef persönlich mit aller Macht auf das Impfthema gestürzt. Er rühmt sich, schon "13 Mal mit dem Vorsitzenden von Pfizer und mehrere Male mit dem CEO von Moderna gesprochen" zu haben.

Auch für Netanjahu persönlich ist die Impfkampagne ein Rennen gegen die Zeit. Am 23. März steht eine vorgezogene Neuwahl an, und bis dahin sollen die Impferfolge das vorherige Chaos bei der Pandemiebekämpfung vergessen machen. Kein Wunder also, dass der Regierungschef höchstselbst dem ersten Frachtflugzeug mit Impfstoffen am Ben-Gurion-Airport einen Staatsempfang bereitete. Und natürlich war er auch der Erste im Land, der geimpft wurde, vor laufenden Kameras zur besten Sendezeit.

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Mit dem Blitzstart kommen aber auch die ersten Probleme

Das war der Startschuss am 19. Dezember. Danach wurde das medizinische Personal geimpft, und nun folgen alle, die als Risikogruppe definiert wurden. Dazu zählen neben jenen mit Vorerkrankungen alle Bürger, die 60 Jahre und älter sind. Insgesamt gehören zu dieser ersten Gruppe mehr als zwei Millionen Menschen. Im Anschluss sollen dann die Impfzentren für alle Israelis geöffnet werden.

Allerdings zeichnen sich nach dem Blitzstart nun auch die ersten Probleme ab. Das Gesundheitsministerium kündigte an, im Januar voraussichtlich eine zweiwöchige Pause für neue Impfungen einlegen zu müssen, weil die aktuellen Vorräte für jene gebraucht würden, die im Abstand von drei Wochen nach der ersten die zweite Impfung bekommen. Zudem zeichnet sich bei der arabischen Minderheit, die ein Fünftel der Bevölkerung ausmacht, ein bedrohlich geringes Interesse an den Impfungen ab.

Premier Netanjahu hat darauf sogleich reagiert. Zum ersten Mal seit vielen Monaten ist er nun in zwei arabische Städte gereist. Den Bewohnern von Tira und Umm al-Fahm brachte er eine klare Botschaft: "Die Impfung ist sicher."

© SZ/mpu
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