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Israel:Der "Corona-Zar" bekommt eine undankbare Aufgabe

A protective face mask is seen as curbs to fight the spread of coronavirus disease (COVID-19) have been reimposed after a rise in new cases, at Zikim beach in southern Israel

Symbolbild: Ein Nasen-Mund-Schutz am Zikim Beach in Südisrael.

(Foto: Amir Cohen/REUTERS)

Ronni Gamzu soll das Chaos an Maßnahmen und zersplitterten Zuständigkeiten im Kampf Israels gegen das Coronavirus beseitigen. Doch den neuen Posten übernimmt er unter denkbar schlechten Rahmenbedingungen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die Zeiten sind finster, die Zahlen bedrohlich, und in dieser Lage richten sich die Hoffnungen in Israel nun auf einen Mann, der von der Regierung den wohl schwierigsten Job bekommen hat, der derzeit im Land zu vergeben ist: Ronni Gamzu, 54 Jahre alt und Chef des Tel Aviver Ichilov-Krankenhauses, soll künftig alle Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung koordinieren.

Als "Corona-Zar" firmiert er bereits in den Medien, doch Glanz und Glorie sind mit dieser Aufgabe gewiss nicht verbunden. Es ist Kärrnerarbeit, noch dazu in einem politischen Minenfeld. Doch wie wichtig eine ordnende Hand sein könnte, zeigen die aktuellen Zahlen zu seinem Amtsantritt: Sie steigen scheinbar unaufhaltsam, erstmals wurde Mitte dieser Woche die Grenze von 2000 Neuinfektionen am Tag überschritten.

Gamzu soll als "Nationaler Coronavirus-Koordinator" das Chaos an Maßnahmen und zersplitterten Zuständigkeiten beseitigen, das in den vergangenen Wochen die zweite Viruswelle begleitet und verstärkt hat.

Allerdings haben die Umstände seiner Ernennung dem Chaos noch einmal die Krone aufgesetzt: Schon Anfang Juni hatte Gesundheitsminister Juli Edelstein die Berufung eines Koordinators angekündigt. Wochenlang wurden dann verschiedene Kandidaten gehandelt. Vor allem Armee-Größen waren darunter, auch der aktuelle Mossad-Chef Jossi Cohen wurde genannt. Zur Gefahrenabwehr vertraut man in Israel immer noch am ehesten dem Militär und den Geheimdiensten. Minister Edelstein scherzte schon, die Öffentlichkeit warte offenbar "auf einen Messias und nicht auf einen Projektmanager".

Schließlich kristallisierte sich doch ein Kandidat aus dem Medizinsektor heraus, dessen offizielle Ernennung erst für Dienstag-, dann für Mittwochabend angekündigt wurde. Doch Professor Gabi Barbasch, der sich in der Pandemie als TV-Experte hervorgetan hatte, warf im letzten Moment hin nach einem Streit über seine Kompetenzen.

Damit hatte niemand gerechnet, schon gar nicht der eilends als Nachfolger präsentierte Ronni Gamzu. Er hatte kurz zuvor auf Facebook die Wahl von Barbasch noch als "beste Entscheidung der Regierung seit Beginn der Krise" bezeichnet. Seine eigene Ernennung war dann vielleicht die zweitbeste, jedenfalls sagte er sofort zu. "Das ist eine medizinische, wirtschaftliche und soziale Krise", erklärte er. In einer solchen Lage stelle ich keine Fragen, sondern helfe meinem Land und dem Gesundheitssystem, die Krise zu bewältigen."

Erfahrung im Medizinmanagement bringt er mit, von 2010 bis 2015 hat er zudem als Generaldirektor im Gesundheitsministerium gewirkt. Doch die neue Aufgabe übernimmt er unter denkbar schlechten Rahmenbedingungen. Regierungschef Benjamin Netanjahu wird kein Interesse daran haben, dass der neue Corona-Koordinator im Erfolgsfall allzu populär wird. Ihm dürfte es eher darum gehen, ihn bei Bedarf zum Sündenbock zu machen.

Zudem hat die Öffentlichkeit inzwischen weitgehend das Vertrauen in die Regierungsmaßnahmen zur Pandemiebekämpfung verloren. Überdies liefern sich die beiden großen Koalitionsparteien, Netanjuhus Likud und das Bündnis Blau-Weiß von Verteidigungsminister Benny Gantz, auch hier zähe Grabenkämpfe.

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So verfahren erscheint die Lage, dass nun schon der Verdacht geäußert wird, das Chaos sei gewollt - oder werde zumindest genutzt von Netanjahu um zu demonstrieren, dass die erst im Mai gebildete Notstandsregierung nicht funktioniere. Die Folge daraus, so spekulieren israelische Medien, könnten eine Neuwahl im November sein. Es wäre die vierte Parlamentswahl in nur anderthalb Jahren.

Aufgeschreckt davon hat Präsident Reuven Rivlin am Donnerstag die Parteien mit einigem Furor zur Ordnung gerufen: "Reißt euch zusammen, hört auf, über Neuwahlen zu reden", schimpfte er. "Der Staat Israel ist keine Stoffpuppe, die ihr herumzerrt, während ihr zankt. Für das Volk müsst ihr konzentriert sein und Lösungen zu dieser Krise finden." Die streitenden Parteien haben diese Lösungssuche nun erst einmal an Ronni Gamzu delegiert.

© SZ vom 24.07.2020/saul

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