bedeckt München 28°

Israel:Bröckelndes Geheimnis

1537 Mängel: Die stellten Experten fest in der Hülle des Reaktors Dimona im Negev. Israel äußert sich nicht, ob es mit Material von dort Atombomben baute.

(Foto: Jack Guez/AFP)

Der Atomreaktor Dimona in der Negev-Wüste, der angeblich auch waffenfähiges Plutonium erzeugt, kommt in die Jahre. Das könnte das Land in ein Dilemma bringen.

Tief in der israelischen Negev-Wüste liegt der gerüchteumwobene Atomreaktor von Dimona. Streng geschützt ist diese Anlage mit Zäunen und Wachtürmen und Soldaten an den Pforten. Gehütet wird hier seit Jahrzehnten das Geheimnis der israelischen Atombombe. Doch nun sorgt eine Nachricht aus dem Hochsicherheitstrakt für Aufregung: 1537 Mängel am Gehäuse des Reaktors haben Wissenschaftler entdeckt. Nichts Großes, bloß keine Panik, eine unmittelbare Gefahr bestehe nicht, beruhigen die beteiligten Experten. Aber dramatisch ist diese Meldung dennoch, denn sie könnte Israel sehr bald schon vor ein Dilemma stellen.

Entdeckt wurden die Schäden an dem von einem Betonmantel umgebenen Aluminiumkern der Anlage durch eine neuartige Ultraschalluntersuchung, und bekannt gemacht wurden sie nach einer Expertenkonferenz in Tel Aviv von der Tageszeitung Haaretz. Verwunderlich ist die Mängelliste eher nicht, schließlich hat der 26-Megawatt-Reaktor seine übliche Laufzeit von 40 Jahren längst überschritten. In den Fünfzigerjahren, noch in der Aufbauphase des jüdischen Staats also, war er in aller Heimlichkeit aus Frankreich geliefert worden, 1963 nahm er seinen Betrieb auf. Doch was hier betrieben und produziert wurde, sollte eigentlich keiner wissen.

Offiziell war die Anlage, in der rund 2700 Menschen arbeiten sollen, zunächst als Textilfabrik getarnt worden. In Wirklichkeit arbeiteten hier unter der Leitung des späteren Präsidenten und Friedensfreundes Schimon Peres die Wissenschaftler an Israels viel zitierter "nuklearen Option". Ausländische Experten gehen inzwischen davon aus, dass Israel dank Dimona die sechstgrößte Atommacht auf Erden ist: mit 100 bis 300 hier produzierten nuklearen Sprengköpfen, die auf Boden-Boden-Raketen und Cruise Missiles verteilt und auch auf den von Deutschland gelieferten U-Booten eingesetzt werden können.

Bekannt und berüchtigt wurde Dimona spätestens 1986, als der israelische Atomspion Mordechai Vanunu über die britische Sunday Times wissen ließ, dass dort jedes Jahr 40 Kilogramm Plutonium produziert werden. Seither redet die ganze Welt darüber - nur Israel schweigt. Die Bombe ist das große Tabu. Eingebürgert hat sich für diese Haltung der Begriff der nuklearen Ambiguität - und die Zweideutigkeit verfolgt einen eindeutigen strategischen Zweck.

Denn wenn jeder um die Bombe weiß, erfüllt sie die Aufgabe der Abschreckung. Aber wenn Israel nichts sagt, muss es sich auch keiner Kritik stellen und keiner Kontrolle unterwerfen. Das Alter des Reaktors und die nun entdeckten Schäden aber könnten alsbald der gezielten Geheimniskrämerei ein Ende bereiten.

Denn eigentlich bräuchte Israel in naher Zukunft einen Ersatz für den altersschwachen Reaktor. Allein aber kann das Land den Bau kaum stemmen, und internationale Hilfe ist zumindest auf dem offiziellen Weg nicht zu erwarten. Sie ist sogar verboten, weil Israel den Atomwaffen-Sperrvertrag nicht unterzeichnet. Ein Beitritt würde die Türen zu nuklearer Kooperation öffnen. Aber die würde sich lediglich auf die friedliche Nutzung der Atomenergie beschränken.

Wie man sich diesem Dilemma stellen soll, wird nun nach Bekanntwerden der Mängel am Reaktor mit neuen Schwung diskutiert. Der 75 Jahre alte Chemie-Professor Uzi Even, der einst zum Aufbauteam in Dimona gehört hatte, plädierte im israelischen Rundfunk für eine Stilllegung aus Sicherheitsgründen. Die Knesset-Abgeordnete Michal Rozin von der linken Meretz-Partei fordert in einem Brief an Parlamentskollegen einen Politikwechsel und argumentiert, "wir müssen mit dem Wandel nicht bis zu einer Katastrophe warten". Bis auf Weiteres aber läuft die Anlage in Dimona weiter, laut Haaretz aber im eingeschränkten Betrieb und mit zusätzlichen Sicherheitsprüfungen.

  • Themen in diesem Artikel: