Äthiopier in Israel:Nur am Rande des Gelobten Landes

Jüdische Immigranten aus Äthiopien landen am 1. Juni auf dem Ben Gurion Flughafen von Tel Aviv.

Jüdische Immigranten aus Äthiopien landen am 1. Juni auf dem Ben-Gurion-Flughafen von Tel Aviv.

(Foto: Gil Cohen-Magen/AFP)

Etwa 160 000 äthiopische Juden leben in Israel. Sie ringen seit Jahrzehnten um Integration und Gleichberechtigung. Und die Einwanderung ist deutlich schwieriger als früher.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Der 1. Juni war wieder mal ein Tag zum Feiern: Auf dem Tel Aviver Ben-Gurion-Airport landete eine Maschine aus Addis Abeba. An Bord war die israelische Ministerin für Einwanderung und Integration, Pnina Tamano-Shata, und mitgebracht hatte sie 181 neue Immigranten aus Äthiopien. Einige von ihnen hatten ihre traditionelle Festtagskleidung angelegt, noch am Flughafen gab es eine Willkommenszeremonie. Nach einem langen und beschwerlichen Weg waren die Einwanderer am Ziel, endlich. Die neue Heimat Israel verspricht ihnen ein besseres Leben. Doch Rina Ayalin-Gorelik weiß, dass auch über diesem neuen Leben noch mancher Schatten hängt.

"Das wird herausfordernd", sagt sie. "Die israelische Gesellschaft, das kann ich nicht anders sagen, ist eine rassistische Gesellschaft." Ayalin-Gorelik ist Vorsitzende der 1993 gegründeten "Vereinigung äthiopischer Juden", die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt und gegen Diskriminierung kämpft.

Ihre Klientel ist groß und wächst: Die Zahl der äthiopischen Juden liegt inzwischen bei 160 000, das sind zwei Prozent der israelischen Bevölkerung. Und der Kampf um Integration und Gleichberechtigung ist schon so alt wie die Einwanderung der afrikanischen Juden ins Gelobte Land.

1973 wurden die äthiopischen Juden als einer der zehn verlorenen Stämme Israels anerkannt

Diese Einwanderung hat in den Achtzigerjahren begonnen, als auch Ayalin-Gorelik mit ihren Eltern ins Land kam - aber eigentlich reicht die Geschichte fast 3000 Jahre zurück. Denn die äthiopischen Juden sehen sich als Abkömmlinge des biblischen Königs Salomon, der im zehnten Jahrhundert vor Christus ein Kind gezeugt haben soll mit der sagenumwobenen Königin von Saba. Nach langen Querelen wurden diese Juden, die "Beta Israel" (Haus Israel) genannt werden, schließlich vom sephardischen Oberrabbiner 1973 als einer der zehn verlorenen Stämme Israels anerkannt.

Mit dieser Anerkennung verbunden war eine Verantwortung für ihr Schicksal. Als 1984 eine große Hungersnot wütete in Äthiopien, entschloss sich Israel zu einer spektakulären Aktion: In einer Luftbrücke wurden innerhalb von sechs Wochen ungefähr 8000 äthiopische Juden nach Israel gebracht. Barfuß und mit zerlumpten Kleidern landeten sie in der neuen Heimat. Auf diese "Operation Moses" folgte 1991 die "Operation Salomon", bei der auf einem Höhepunkt des äthiopischen Bürgerkriegs binnen 24 Stunden 14 400 äthiopische Juden aus dem belagerten Addis Abeba gerettet wurden.

Nun seien alle Beta Israel aus Äthiopien heimgekehrt, hieß es danach, und noch im selben Jahr wurde die Einwanderung aus Äthiopien offiziell für beendet erklärt. Dieser vermeintliche Schlussstrich jedoch war nur der Beginn eines neuen, zähen Ringens. Denn in Äthiopien waren viele zurückgeblieben, die sich ebenfalls als Juden fühlen: Falaschmura nennt sich diese Gruppe, die im 18. und 19. Jahrhundert unter Zwang zum Christentum konvertiert war, aber viele jüdische Rituale beibehalten hatte und später zum Judentum zurückgekehrt war. Tausende von ihnen sammelten sich in Lagern in Addis Abeba und Gondar im Norden des Landes. Sie verließen ihre Dörfer - und hofften auf ein Flugzeug nach Israel.

Armut und Bürgerkrieg in Äthiopien sorgen für steten Zustrom zu den Lagern, und unter diesem Druck hat sich die israelische Regierung immer wieder zu begrenzten neuen Aktionen entschlossen. Sie haben immer noch stets klangvolle Namen - "Aktion Taubenflügel" oder "Fels Israel" -, doch die Bedingungen für die neuen Einwanderer haben sich deutlich verändert.

Die Beta Israel waren nach dem israelischen Recht auf Rückkehr aufgenommen worden, das jedem Einwanderer einen israelischen Pass garantiert, wenn er auf ein jüdisches Großelternteil verweisen kann. Für die Falaschmura gilt das nicht. Sie dürfen nur im Zuge von Familienzusammenführung einreisen und müssen danach einen vereinfachten, aber dennoch monatelangen Prozess der Konversion zum Judentum durchlaufen.

Wer heute noch aus Äthiopien nach Israel einwandert, landet nach der feierlichen Begrüßung am Flughafen deshalb erst einmal in einem der zwölf übers Land verteilten Aufnahmelager. Rina Ayalin-Gorelik hält das für eine erste gezielte Diskriminierung. "So werden äthiopische Einwanderer sofort separiert und kontrolliert", sagt sie.

Vor allem viele Rechte in Israel sind dafür, die Einwanderung aus Äthiopien komplett zu stoppen. Sie klagen, bisweilen sogar vor dem Obersten Gerichtshof, dass durch sie der jüdische Charakter des Staats in Gefahr gerate. Bevor im Juni die Gruppe der 181 Einwanderer in Tel Aviv gelandet war, hatte es auch innerhalb der israelischen Regierung heftigen Streit gegeben. Innenministerin Ajelet Schaked von der rechten Jamina-Partei war strikt gegen eine Aufnahme. Einwanderungsministerin Tamano-Shata war dafür und konnte sich erst durchsetzen, als sie mit ihrem Rücktritt und damit einem möglichen Sturz der Regierung drohte.

"Gott hat mich auf diesen Platz gestellt"

Beschlossen wurde schließlich ein neues Aufnahmeprogramm für 3000 Falaschmura, die bis November ins Land geholt werden sollen. Dies bedeutet jedoch, dass rund 7000 andere zurückgelassen werden, die laut der für Einwanderung zuständigen Jewish Agency ebenfalls derzeit in den Lagern in Addis Abeba und Gondar auf eine Ausreise warten.

Der vehemente Einsatz der Ministerin Tamano-Shata für eine neue Einwanderungswelle liegt gewiss auch daran, dass sie selbst einst als Kind aus Äthiopien nach Israel eingewandert war. Sie ist die erste israelische Ministerin mit äthiopischen Wurzeln, und als sie neulich die äthiopischen Juden in ihren Lagern besuchte, sagte sie: "Gott hat mich auf diesen Platz gestellt." Die Ministerin also hat eine Mission, und für Rina Ayalin-Gorelik ist das ein Zeichen der Hoffnung. "Sie tut viel für unsere Gemeinschaft", sagt sie, "und am Ende ist das gut für die gesamte israelische Gesellschaft."

In dieser Gesellschaft lebt ein Großteil der äthiopischen Israelis am unteren Rand. Als Beispiel für "systematische Diskriminierung" führt die Vereinigung der äthiopischen Juden separate Kindergärten auf, ein koscheres Weingut, das keine äthiopischen Juden beschäftigt, oder einen Armeeoffizier, der einen Soldaten als "stinkenden Äthiopier" beschimpft. Fragt man Rina Ayalin-Gorelik nach den größten Problemen der äthiopischen Juden in Israel, dann nennt sie drei Bereiche: Bildung, Beschäftigung und Polizeigewalt.

Rina Ayalin-Gorelik, Vorsitzende der "Vereinigung äthiopischer Juden", warnt vor Rassismus in Israel.

Rina Ayalin-Gorelik, Vorsitzende der "Vereinigung äthiopischer Juden", warnt vor Rassismus in Israel.

(Foto: privat)

Im Vergleich würden es viel weniger äthiopische Juden an die Universitäten schaffen. Die Arbeitslosigkeit sei deutlich höher und der Verdienst deutlich niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt. Einer Studie von 2020 zufolge leben 33,7 Prozent der äthiopisch-israelischen Haushalte unterhalb der Armutsgrenze. Immerhin ist das eine Verbesserung gegenüber einer Vorgängerstudie von 2005: Da waren es noch 59 Prozent.

Für Proteste auf den Straßen sorgt zudem immer wieder brutales Vorgehen von Polizisten gegen äthiopische Juden. Ayalin-Gorelik verweist auf zwei Fälle aus dem Jahr 2019, bei denen äthiopischstämmige Jugendliche von der Polizei erschossen wurden. "Da geht es um die Hautfarbe", sagt sie, "das ist wie in Amerika."

Rina Ayalin-Gorelik hofft dennoch, dass die im Juni gelandeten Neuankömmlinge eine bessere Zukunft in Israel erwarten können. "Inzwischen wird über den Rassismus wenigstens offen gesprochen", sagt sie, "das ist schon eine Verbesserung, ein erster Schritt." Ein paar "gläserne Decken" seien auch schon durchbrochen worden und einzelne äthiopische Juden in Führungspositionen aufgestiegen. "Ich bin eine stolze äthiopische Israelin", sagt sie, "und ich glaube daran, dass wir hier in Israel eine gerechte Gesellschaft aufbauen können." Aber, das fügt sie an, es gehe alles doch "sehr langsam".

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