Israel:Mit der Pistole zum Gebet

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Kurse für den Umgang mit Schusswaffen gibt es schon. Hier feuert ein Mann in der Siedlung Katzrin auf den annektierten Golanhöhen eine Pistole auf einem Indoor-Schießstand ab. (Foto: JALAA MAREY/AFP)

Nach einer Serie von Terrorattacken soll die Bevölkerung Israels leichter an Waffen kommen können und sie stets bei sich tragen. Auch in der Synagoge.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Die aufrüttelnde Botschaft zum Schabbat kam an diesem Wochenende vom israelischen Polizeirabbiner. Alle Gläubigen sollten ihre Waffen auch am jüdischen Tag der Ruhe tragen, forderte Rabbi Rami Brachyahu in einem offenen Brief - und "ganz besonders", so fügte er hinzu, "auch während der Gebetszeiten in der Synagoge".

Israel ist in Alarmbereitschaft wegen einer nicht abreißenden Serie von Terrorattacken. Besonders aufgewühlt hat das Land der Anschlag vor einer Synagoge in der Ostjerusalemer Siedlung Neve Yaakov Ende Januar. Sieben Menschen waren dabei erschossen worden. Sie waren wehrlos, bis die Polizei eintraf und den palästinensischen Attentäter tötete. Die Bewaffnung zum Gebet soll künftig eine schnellere Gefahrenabwehr ermöglichen, und der Polizeirabbiner greift mit seinem Aufruf in eine Diskussion ein, die in Israel gerade mächtig Fahrt aufnimmt.

Verantwortlich dafür ist vor allem Itamar Ben-Gvir, der rechtsextreme Minister für Nationale Sicherheit. Als Vorbild für verantwortungsvollen Umgang mit Schusswaffen kann er kaum gelten. Er ist mehrfach damit aufgefallen, dass er in der Öffentlichkeit seine Pistole zückte, weil er sich von palästinensischen Demonstranten oder auch nur von einem Parkwächter bedroht gefühlt hatte. Nun nimmt er die Anschläge zum Anlass, die Bewaffnung weiterer Teile der Bevölkerung voranzutreiben. "Ich will mehr Waffen auf den Straßen, damit sich Israels Bürger selbst verteidigen können", erklärte er.

In manchen Siedlungen im Westjordanland tragen rund ein Drittel der Bewohner Waffen

Auch wenn Israel-Besucher wegen der vielen sichtbaren Sicherheitskräfte schnell den Eindruck bekommen können, dass das Land ohnehin schon vor Waffen strotzt, gelten für Zivilisten bislang recht strenge gesetzliche Vorgaben. Wer eine Lizenz erwerben will, muss seine Eignung durch ein ärztliches Attest, ein persönliches Interview sowie ein Waffentraining belegen und zudem nachweisen, dass er den Schutz wegen seiner Arbeit oder des Wohnorts benötigt.

Letzteres führt dazu, dass in manchen Siedlungen im Westjordanland rund ein Drittel der Bewohner Waffen tragen. In Tel Aviv oder Jerusalem sind es nur 1,5 Prozent. Ganz unten in der Statistik rangieren die Wohnorte der ultraorthodoxen Juden und der arabischen Israelis, wobei im arabischen Sektor seit Langem über eine Flut an illegalen Waffen geklagt wird.

Über einen Waffenschein, der alle drei Jahre erneuert werden muss, verfügen derzeit knapp 150 000 Israelis. Ben-Gvir hat nun angekündigt, die Zahl der Genehmigungen von derzeit 2000 pro Monat auf 10 000 zu erhöhen. Dazu sollen die gesetzlichen Vorgaben gelockert und das Personal in den Zulassungsstellen deutlich aufgestockt werden.

Kritiker befürchten allerdings, dass dies am Ende zu amerikanischen Verhältnissen führen könnte - also nicht zu mehr Schutz, sondern im Gegenteil zu noch mehr Gewalt. Die Gefahren werden dabei nicht nur im Terrorismus gesehen, sondern auch innerhalb der israelischen Gesellschaft. Hier haben sich die Spannungen seit dem Amtsantritt der rechts-religiösen Regierung so verstärkt, dass der frühere Verteidigungsminister Benny Gantz und andere gerade vor einem heraufziehenden Bürgerkrieg warnen.

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