Lamya Kaddor Für eine Religion, die keine Angst macht

Lamya Kaddor: Islamische Religionslehrerin im Kampf gegen Islamisten

(Foto: dpa)
  • Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor hat ein Buch über Jugendliche geschrieben, die in den Dschihad ziehen. Es gibt Hinweise auf die Beweggründe der jungen Männer.
  • Als islamische Religionslehrerin in Dinslaken arbeitet Kaddor dafür, dass der Islam in Deutschland ankommt - und sieht sich dabei in Gegnerschaft sowohl zu den Salafisten als auch zu den Islamgegnern.
Von Matthias Drobinski

Immer wieder muss sie erklären, was Siebtklässler nicht verstehen können. Wo sind die Männer hin, die neulich noch Jungs von nebenan waren? Nach Syrien, weil Gott das so will? Und was machen die da?

Lamya Kaddor sagt die Wahrheit, soweit Zwölfjährige das ertragen können. Die bringen Menschen um und sterben selber, erzählt sie. Dann sagt sie, dass ihre Eltern dort herkommen, wo das alles passiert. Gott will das nicht, versucht sie ihren Schülern klarzumachen. Es hilft nichts, das Thema zu verschweigen. Die Kinder aber sind verstört, hilflos, verängstigt.

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Kaddor, 36, Mutter zweier Kinder, mit Vorfahren aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet, ist islamische Religionslehrerin in Dinslaken. Sie hat an einem der ersten Schulbücher für das Fach mitgeschrieben. Sie hat den "Bund liberaler Muslime" mitgegründet, trägt kein Kopftuch und sagt ihren Schülerinnen, dass sie nicht in die Hölle kommen, wenn sie die Haare offen tragen. Mit rauchiger Stimme übertönt sie locker jeden Schülerlärm, sie sagt "wat" und "dat", wie alle hier. Ausgerechnet ihr ist das passiert.

Fünf jener Jungs, die einst an der Hauptschule in Dinslaken-Lohberg ihre Schüler waren, sind eines Tages verschwunden, Richtung Syrien, ganz normale Typen, erinnert sie sich. Vier kehrten bald desillusioniert zurück, einer kämpft dort noch. Lamya Kaddor beschäftigt das bis heute. Was macht den radikalen Islamismus für diese Jungs so attraktiv?

Sog der Szene

Sie hat nun ein Buch geschrieben über Jugendliche, die in den Dschihad ziehen. Sie kann auch darin letztlich nicht erklären, warum die Jungs aus Lohberg zu Kämpfern und Mördern wurden. Ein paar Hinweise aber gibt sie schon.

Da ist der Sog der Szene, das Machtgefühl, wenn alle Autoritäten erschrecken, die Sinn- und Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher. Und dann ist da diese Verletzung, die viele Migranten in Deutschland in sich tragen. Sie können sich anpassen, integrieren, bemühen - nie genügt es. Da braucht es manchmal nicht viel, dass aus der Verletzung Wut und Feindschaft werden.

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Der Islam muss endlich in Deutschland ankommen, dafür arbeitet Lamya Kaddor als Religionslehrerin. Die Fundamentalisten wollen, dass der Islam nirgendwo ankommt, sagt sie - so können sie über ihn herrschen.

In ihren Augen arbeiten Islamgegner und Salafisten da zusammen. Beide wollen eine Religion, die Angst macht und den Krieg heraufbeschwört. Entsprechend wird sie von beiden beschimpft. "Zieh erst mal ein Kopftuch an", pöbeln die Salafisten. "Muslimische Dreckshure - ab mit dir zur Isis", schimpfen die Islamfeinde per Mail.

Kein Grund zur Resignation, sagt Kaddor. Es gebe ja nicht nur die Fundis in den Moscheen, nicht nur die Anti-Islam-Demos. Sie ist genervt von den Pessimisten, die nun den Kampf der Kulturen heraufziehen sehen. Man kann immer etwas machen, setzt sie denen entgegen. Trotz aller Enttäuschungen.