Islamkonferenz in Berlin "Der Islam muss eine Symbiose mit Deutschland eingehen"

Muslime sollten ihre Religion in Deutschland wie alle anderen auch frei ausleben können, aber akzeptieren, dass der säkulare Staat noch wichtiger ist, findet Lale Akgün. (Symbolbild)

(Foto: REUTERS)

Die SPD-Politikerin und Buchautorin Lale Akgün fordert einen "deutschen Islam". Dazu gehört für sie auch, dass Moscheen hierzulande nicht wie die in der Türkei aussehen sollten.

Interview von Clara Lipkowski

Lale Akgün bezeichnet sich selbst als aufgeklärte Muslimin und plädiert dafür, den Koran modern zu interpretieren. Sie wird als Vertreterin der in der vergangenen Woche unter anderem von Cem Özdemir gegründeten "Initiative säkularer Islam" an der Deutschen Islamkonferenz teilnehmen. Diese findet an diesem Mittwoch auf Einladung des Bundesinnenministeriums in Berlin statt. Im Gespräch mit der SZ erklärt die Kölner Psychotherapeutin, SPD-Politikerin und Dozentin an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, wie sie sich einen reformierten Islam vorstellt.

SZ: Ausgerechnet Horst Seehofer, der als Innenminister sagte: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland", eröffnet die Islamkonferenz. Ist da ein Dialog auf Augenhöhe möglich?

Lale Akgün: Rückenwind bedeutet das nicht gerade für die Konferenz. Aber ich denke, die Tage des Herrn Innenminister sind gezählt, daher sollten wir den Dialog nicht von ihm als Person abhängig machen. Würde Herr Seehofer jetzt in seiner Ansprache versuchen, diesen Satz zu rechtfertigen, würde das mehr kaputt als heil machen. Deswegen erwarte ich eher eine allgemeine Rede.

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Die Islamkonferenz ist dafür kritisiert worden, dass zuletzt nur konservative Verbände wie Ditib und der Zentralrat der Muslime vertreten waren, liberale Muslime und Einzelpersonen aber nicht. Nun wurde das Konzept erneuert, liberale Vertreter sind wieder eingeladen. Kann so ein Neustart gelingen?

Ja, mit dieser Konferenz sollte eine Plattform geschaffen werden, bei der orthodoxe und säkulare Muslime mit dem Staat und auch miteinander diskutieren können. Das ist es auch, was der Staat leisten kann: diese Voraussetzungen schaffen.

Was verstehen Sie unter "säkularem Islam"?

Unsere Initiative setzt sich aus unterschiedlichen Positionen zusammen. Wir singen keinesfalls im Chor. Aber wir haben ein gemeinsames Ziel. Säkularer Islam heißt: Die Muslime und ihre Institutionen sind gleichrangig mit anderen Religionen und akzeptieren und respektieren den Rechtsstaat, die Gewaltenteilung und die Menschenrechte. Wir möchten einen Islam, der Glauben und Politik strikt voneinander trennt. Er soll eine private Religion sein, die aber natürlich organisiert und in der Öffentlichkeit sichtbar sein darf.

Wollen Sie eine Art Ersatzverband für liberale Muslime werden?

Nein. Es geht um eine politische Haltung. Ich wünsche mir, dass sich möglichst viele Muslime aus den verschiedenen religiösen Richtungen - seien es Sunniten oder Schiiten, Konservative, Liberale - dass sie sich alle trotz ihrer Unterschiede zum säkularen Staat bekennen! Aber mir ist natürlich klar, dass vor allem liberale Muslime so denken.

Lale Akgün hat Anfang November das Buch: "Platz da! Hier kommen die aufgeklärten Muslime" veröffentlicht.

(Foto: vvg-koeln)

Bei der Konferenz in Berlin soll ein "deutscher Islam" diskutiert werden. Was genau soll das sein?

Das ist jetzt natürlich verkürzt, viele denken da vielleicht an einen Islam in Lederhosen. Die wichtigsten Kriterien wären für mich die Anerkennung des säkularen Islam und eine finanzielle Unabhängigkeit vom Ausland. Hier könnte man sich vom Islamgesetz in Österreich von 2015 Anregung holen. Es verbietet eine Auslandsfinanzierung von Glaubensgemeinschaften. Ein deutscher Islam bedeutet aber auch ein Ja zu den unterschiedlichen Islaminterpretationen und auch zu Atheisten. Er wäre keine exotische ausländische, sondern eine inländische Religion. Dazu gehört auch, dass wir hier Moscheen bauen, die nicht aussehen wie die in Saudi-Arabien oder in der Türkei, sondern wie deutsche Architektur. Letztlich muss der Islam eine Symbiose mit Deutschland und der deutschen Kultur eingehen. Sonst müssen sich die Menschen immer entscheiden: Lebe ich als Muslim oder Deutscher? Ich habe die Vision, dass sie als muslimische Deutsche leben.

Konservative Verbände wie Ditib kritisieren wiederum, dass Staatssekretär Markus Kerber sich in religiöse Fragen einmische, wenn er einen "deutschen Islam" fordert.

Die konservativen Verbände sind dabei, wenn es Projektgelder gibt und sie im Namen des Staates öffentlich auftreten können. Aber nicht, wenn es darum geht, sich den Fragen der Zeit zu stellen.

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Und sich diesen Fragen zu stellen, bedeutet für Sie, den Islam zu reformieren?

Ja. Es müssen theologische Grundlagen erneuert werden. Das bedeutet, den Koran nicht wortwörtlich, als Gottes Wort, zu verstehen. Es ist falsch zu sagen, keine Sure darf umgedeutet werden. Denn dann verstehen Sie auch die frauenfeindlichen Suren wortwörtlich und die feindlichen Suren gegenüber Juden oder Christen. Wird der Koran wörtlich genommen, wird er politisch und damit gefährlich. Das sieht man daran, dass sich Terroristen auf ihn berufen und ihn damit missbrauchen. Deswegen soll man, muss man den Koran hermeneutisch auslegen. Das heißt, die Suren werden ausgehend von ihrem historischen Anlass festgelegt als solche, die zeitlich begrenzt sind und heute eigentlich keine Geltung mehr haben (dürfen) oder als solche, die ewige Wahrheiten sind. Und genau das müssen theologische Autoritäten in der islamischen Welt machen. Sie müssen das aussprechen. Das wäre eine Reform des Korans.

Wie wollen Sie da mit den konservativen Vertretern auf der Konferenz auf einen Nenner kommen?

Ob wir auf einen Nenner kommen, weiß ich nicht. Aber man muss den Dialog beginnen. Ich wäre bereit - als ersten Schritt - zu sagen: Ihr habt diese Auslegung, wir haben unsere. Wir müssen es schaffen, dass wir koexistieren können. Das würde aber bedeuten, dass die Konservativen anerkennen, dass andere Menschen den Koran hermeneutisch auslegen. Das sehe ich noch nicht. Noch heißt es bei den Konservativen: Wer das so sieht, ist vom Glauben abgefallen. Das geht nicht. Auch darüber müssen wir diskutieren.

Die Islamkonferenz hat auch die Imamausbildung in Deutschland gefördert. Es ist aber immer noch üblich, dass Imame aus der Türkei entsandt und die Texte für Predigten vorgegeben werden. Ist die Politik da zu passiv?

Der Rechtstaat kann und soll nicht in Religionsfragen eingreifen. Wenn die katholische Kirche Priester aus Polen nach Deutschland holt, mischt sich der Staat auch nicht ein. Andersrum sollen die Verbände genauso respektvoll mit dem Staat umgehen. Man kann sich nicht auf den Rechtsstaat berufen, wenn es einem in den Kram passt und sich dagegenstellen, wenn es einem nicht passt.

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