Islamistischer Terror:Die Dschihadisten drohten, auch Rom zu erobern

Islamistischer Terror: SZ-Karte

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Bald wagten die Dschihadisten weitere Attacken. Im Januar griffen sie das Corinthia-Hotel in Tripolis an, wo der Premier der Gegenregierung residierte, Omar al-Hassi. Es war wohl ein Versuch, die Macht in Tripolitanien zu erobern. Ein Sprecher des Außenministeriums der Gegenregierung leugnete noch im Mai im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung IS-Aktivitäten in "Morgenröte"-Gebieten. Da hatte es schon Autobombenanschläge auf die Botschaften Irans und Algeriens gegeben. Und Bewohner von Tripolis berichteten, dass ein Brunnen mit der Bronzefigur einer nackten Frau aus der italienischen Kolonialzeit zerstört worden sei, dass Maskierte eine Sufi-Moschee verwüsteten - deutliche Hinweise auf die Bilderstürmer des IS.

Lange war unklar, wie eng die libyschen IS-Ableger mit der Zentrale des Kalifats im Irak und in Syrien in Verbindung stehen. Die grausame Antwort gaben Hinrichtungsvideos Mitte Februar und Mitte April: Im ersten wurden 21 koptischen Christen an einem Strand enthauptet, die zuvor in Sirte entführt worden waren, einer der IS-Hochburgen. Die Opfer trugen orangefarbene Overalls - exakt die gleichen Merkmale wie bei Horrorvideos aus dem Irak und Syrien. Bei der Gelegenheit drohten die Dschihadisten, auch Rom zu erobern - was in Italien durchaus als Warnung aufgefast wurde.

Im zweiten Film wurden 30 äthiopische Christen niedergemetzelt, einige durch Kopfschüsse in einer Wüste, die anderen wieder durch Enthauptungen an einem Strand. Gegengeschnitten waren die Aufnahmen in dem halbstündigen Film mit Bildern aus Raqqa, der Hauptstadt des IS in Syrien. Dort erläuterte ein Bärtiger den Umgang des IS mit Christen; christliche Bewohner der Gegend mussten erklären, dass sie unbehelligt unter dem IS leben könnten, solange sie die Kopfsteuer Dschizya zahlten.

IS will vermutlich neue Basis in Libyen aufbauen

Westliche Geheimdienste hatten in Libyen nach dem ägyptischen Sinai die größte Gefahr eines Strukturtransfers der Dschihadisten gesehen - nicht nur lose Verbindungen oder Treueschwüre, sondern enge Koordination und Übernahme von Kampftaktiken. Der Terror-Experte Guido- Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin sagt: "Bis Anfang 2013 waren Libyer stark vertreten beim IS in Syrien, dann waren sie plötzlich verschwunden." Er vermutet eine bewusste Entscheidung des IS, die Libyer nach Hause zu schicken, um dort eine neue Basis aufzubauen - entsprechend ernst müsse man die inzwischen drei Provinzen des IS dort nehmen.

Auch das Massaker von Sirte hat Vorbilder im Irak: Dort ermordete der IS Hunderte Angehörige sunnitischer Stämme, die sich nicht dem Kalifat unterwerfen wollten. Ähnlich wie in Syrien kämpft der IS in Libyen derzeit auch gezielt gegen andere Dschihadis mit Verbindungen zu al-Qaida, es zirkulieren Todeslisten im Internet.

Inzwischen sehen allerdings etliche libysche Gruppen den IS als Bedrohung: Die mächtige Misrata-Miliz rückte im März mit anderen Morgenröte-Kämpfern gegen den IS in Sirte vor. Nun wehren sich Stämme in Derna, und auch in Bengasi, seiner dritten Hochburg, wird der IS attackiert. Noch kontrolliert der IS - anders als im Irak und Syrien - in Libyen keine nennenswerten Territorien. Doch wenn sich die zerstrittenen Fraktionen nicht bald gegen die Bedrohung durch den IS verbünden, könnte sich das ändern.

© SZ vom 20.08.2015/kjan
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