Islamistische Anschläge:Blutspur durch Europa

Nach dem Terrorangriff in Wien

Werden die Anschläge koordiniert? Ein Helfer bringt einen Kranz zum Tatort in der Wiener Innenstadt.

(Foto: Roland Schlager/dpa)

Gibt es eine zweite Welle islamistischer Terrorattacken? Die Antwort der Sicherheitsbehörden auf diese Frage fällt eindeutig aus - aber anders, als man es vielleicht zunächst erwartet.

Von Constanze von Bullion, Florian Flade, Oliver Das Gupta, Paul-Anton Krüger und Georg Mascolo

Zweifel konnte es bereits nach wenigen Stunden nicht mehr geben. Der Attentäter von Wien ist ein "islamistischer Terrorist", das stellt Österreichs Innenminister Karl Nehammer bereits am Dienstagmorgen unumwunden fest. Der Mann, der am Abend zuvor vier Menschen getötet hat, ehe ihn die Polizei erschoss, sei eindeutig "eine radikalisierte Person", die sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) "besonders verbunden fühlt". Das dürfte wohl sehr zurückhaltend ausgedrückt gewesen sein.

Noch am Vormittag bestätigt die Regierung in Wien, dass der 20 Jahre alte Kujtim F. einschlägig vorbestraft war wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Er hatte sich dem IS in Afghanistan und in Syrien anschließen wollen. Im April 2019 war er zu 22 Monaten Haft verurteilt worden. Laut Urteil des Wiener Landgerichts hielt sich Kujtim F. im September 2018 beim Versuch, sich nach Syrien schleusen zu lassen, mehrere Tage in einem Haus in der türkischen Grenzstadt Hatay auf - dort hatte er auch Kontakt mit zwei deutschen und einem belgischen IS-Anhänger. Kujtim F. kam im Dezember 2019 vorzeitig auf Bewährung frei.

Wie Kujtim F., der neben der österreichischen auch die nordmazedonische Staatsbürgerschaft besaß, sich radikalisiert hat, ist nicht klar. Der Anwalt, der ihn 2019 vor Gericht vertreten hatte, sagte WDR, NDR und der Süddeutschen Zeitung: "Er war ein junger Mann, der seinen Platz im Leben gesucht hat. Und der offensichtlich an die falschen Leute geraten ist." Seine Eltern seien "in keinster Weise so, sie sind bestens integriert, nicht extremistisch". Er müsse "in der Moschee oder woanders radikalisiert worden sein, denn von zu Hause kann er es nicht haben". Teil der Bewährungsauflagen sei gewesen, "eine Therapie und Deradikalisierung" zu machen.

Schüsse in Wiener Innenstadt

Atmosphäre der Angst: Schwerbewaffnete Polizisten kontrollieren in der Wiener Innenstadt eine Person nach dem Anschlag.

(Foto: Roland Schlager/dpa)

Der Anschlag in Wien fügt sich ein in eine Reihe islamistischer Attentate, die Europa seit Wochen erschüttern. Und die Frage aufwerfen: Gibt es Muster, die nahelegen, dass die Terrormiliz Islamischer Staat die Angriffe koordiniert? Gibt es nach den Attacken von 2015 eine zweite Welle des islamistischen Terrors gegen Ziele in Europa?

Die Antwort der Sicherheitsbehörden auf diese Frage fällt so einsilbig wie eindeutig aus: Der Terror war nie weg. Zwar wurde der Kontinent seit Jahren nicht mehr von schweren Anschlägen wie in Brüssel, Paris, Nizza oder Berlin erschüttert. Stattdessen aber gab es zahlreiche kleinere Anschläge.

Die Attacke in Wien aber hat eine neue Qualität: Der Täter konnte sich ein Sturmgewehr beschaffen, obwohl er als Gefährder bekannt war. Und die Indizien mehren sich, dass mehrere Personen in die Vorbereitung eingebunden gewesen sein könnten. Am Abend reklamierte der IS die Tat für sich, nannte den Attentäter Abu Dujana al-Albani, offenbar eine Anspielung auf seine Zugehörigkeit zur albanischen Bevölkerungsgruppe in Nordmazedonien. In einem Post in dem sozialen Netzwerk Instagram hatte Kujtim F. zuvor einen Treueschwur zum IS abgelegt. Der von IS gesteuerte Propagandakanal Amaq verbreitete überdies ein Video, in dem sich der Attentäter zum IS bekennt.

Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR aus Ermittlerkreisen in Österreich reiste Kujtim F. im Juli 2020 in die benachbarte Slowakei, um Munition für das Sturmgewehr AK-47 zu kaufen. Mit einer Waffe dieses Typs soll der 20-Jährige am Montagabend um sich geschossen haben. Bei seiner Fahrt soll der Attentäter von einem weiteren Mann begleitet worden sein. Offenbar wurde für die Reise ein Auto verwendet, das auf die Mutter eines weiteren, der Polizei bekannten Islamisten angemeldet ist.

In Europa waren zuletzt die wenigsten Attacken derart spektakulär wie die der vergangenen Wochen, die wenigsten machten große Schlagzeilen - in Deutschland gab es aber allein in diesem Jahr drei Anschläge: in Waldkraiburg, auf der Berliner Stadtautobahn und in Dresden. In der öffentlichen Wahrnehmung hatte die islamistische Bedrohung mit dem Untergang des IS-Kalifats ihren Höhepunkt überschritten. Das war zwar richtig, zugleich aber trügerisch.

Die Dschihadisten formierten sich nach ihrer militärischen Niederlage neu im Untergrund in Syrien und im Irak. Sie versuchen, neue Filialen in der Sahelzone in Afrika aufzubauen. IS-Anhänger verübten in letzter Zeit Anschläge auch in Mosambik, Tansania oder Kenia. In Afghanistan versuchen IS-Anhänger, den Friedensprozess mit den Taliban zu unterminieren. Zudem gibt es weiter starke IS-Zellen in Libyen oder im ägyptischen Nordsinai.

Einer zentralen Kommandostruktur folgen viele der Angriffe auch in Europa, nach allem was bekannt ist, aber nicht - das müssen sie auch nicht, um den Zielen des IS zu dienen. Früher standen viele Täter mit Instrukteuren des IS direkt in Verbindung. Oft führte abgefangene Kommunikation zu ihrer Enttarnung. Dies ist inzwischen seltener geworden, viele der Täter handeln ohne jede Bindung und Einbindung, nutzen für ihre Tat einfachste Mittel - ein Auto oder ein Messer.

Beispiel Paris: Am 25. September verletzte ein aus Pakistan stammender Mann zwei Menschen mit einem Fleischerbeil in unmittelbarer Nähe der früheren Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo schwer. Er verwies auf die umstrittenen Mohammed-Karikaturen, die in der Zeitschrift Anfang September veröffentlicht worden waren. Über Verbindungen zum IS ist nichts bekannt - sehr wohl aber, dass al-Qaida und auch IS-nahe Kanäle im Internet zu Attacken aufgerufen haben.

Tatort Dresden: Am 4. Oktober stach der Syrer Abdullah al-H. ein schwules Paar nieder; einer der Männer starb. Der 20-jährige Attentäter war den Sicherheitsbehörden als Gefährder der obersten Kategorie bekannt - eine Parallele zu Wien. Es gab immerhin die Warnung eines ausländischen Geheimdienstes, dass der Mann einen Anschlag planen könnte. Anders als der Wiener Attentäter aber war er nicht in Europa aufgewachsen und hatte sich womöglich schon vor seiner Flucht nach Deutschland im Jahr 2015 radikalisiert.

Conflans-Sainte-Honorine: Am 16. Oktober enthauptete der aus Tschetschenien stammende Abdullakh A. in dem Pariser Vorort den Lehrer Samuel Paty; er hatte im Unterricht zum Thema Meinungsfreiheit die Mohammed-Karikaturen aus Charlie Hebdo gezeigt. Der 18-jährige Täter stand laut den französischen Geheimdiensten mit Dschihadisten in Syrien in Kontakt.

Angriff in Nizza: Am vergangenen Donnerstag attackierte der 21-jährige Tunesier Brahim A. in der Basilika Notre-Dame Gläubige mit einem Messer. Einer Frau und dem Mesner schnitt er die Kehlen durch, eine weitere Frau starb wenig später in einem Café. Der junge Mann war erst wenige Wochen zuvor nach Italien gekommen und nur zehn Tage vor der Attacke nach Frankreich gereist.

Beim deutschen Bundesamt für Verfassungsschutz heißt es, in der deutschsprachigen dschihadistischen Online-Szene führten islamkritische Ereignisse, zumal wenn sie mit der Person des Propheten Mohammed verbunden seien, zu hoch emotionalen Reaktionen. Diese reichten von allgemeinen Drohungen bis hin zu Gewaltaufrufen. Der Mord an dem französischen Lehrer sei glorifiziert worden. Dass in Deutschland ebenfalls ein Anschlag drohen könnte, gilt seit Langem als möglich. Allerdings hatten die Deutschen nach den Anschlägen in Frankreich die Sicherheitsmaßnahmen zunächst nicht verstärkt.

- Wien 02.11.2020 - Heute abend gab es in der Wiener Innenstadt einen Terroranschlag bei dem an mehreren Tatorten zwei

Nächtlicher Ausnahmezustand: Polizisten durchkämmen nach dem Anschlag die abgeriegelte Wiener Innenstadt.

(Foto: Georges Schneider/imago images)

In Deutschland ist die Zahl islamistischer Gefährder zwar gesunken, aber die Behörden trauen weiterhin 620 Menschen einen schweren Anschlag zu. Etwa 350 von ihnen leben in Deutschland, die übrigen sind ausgereist. Die Hiergebliebenen lückenlos zu überwachen scheitert schon an fehlendem Personal.

Hinzu kommt, dass die Zahl der rechtsextremistischen Gefährder kontinuierlich steigt. Die größte Gefahr, so erklärte Innenminister Horst Seehofer, gehe von Rechtsterroristen aus - einer von den Behörden jahrelang sträflich unterschätzten Bedrohung. Islamistischer Terror aber bleibe in Europa eine mindestens ebenso große Herausforderung. Daher gilt es, die Ressourcen möglichst geschickt und klug aufzuteilen. In den Behörden gibt es für die Knappheit ein Wort: "Zu viel Brot, zu wenig Butter."

© SZ
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