Islamistenszene:Die Gassen von Barcelona, Rückzugsort für Islamisten

Islamistenszene: Die Flaniermeile Las Ramblas nach dem Terroranschlag am Donnerstagabend.

Die Flaniermeile Las Ramblas nach dem Terroranschlag am Donnerstagabend.

(Foto: AFP)
  • Barcelona ist Durchgangsstation für viele perspektivlose Nordafrikaner, die ihr Glück in Europa suchen und nur ein prekäres Leben finden.
  • Desillusionierte Migranten sind eine ideale Zielgruppe für die Werber der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).
  • Der IS, der in Syrien und dem Irak große Teile seines Gebiets verloren hat, sind von Einzeltätern begangene Akte günstig. Sie brauchen wenig Planung, sind kaum zu verhindern und bringen viel Aufmerksamkeit.

Von Moritz Baumstieger und Sebastian Schoepp

Alcanar ist eigentlich nicht der Ort, an dem man eine Terrorzelle vermutet. Die Gemeinde mit nicht mal 10 000 Einwohnern liegt in der Provinz Tarragona, ihr Strand zieht Touristen ebenso an wie Spanier mit Zweitwohnsitz. Und doch nahm an diesem unscheinbaren Ort die terroristische Verschwörung vom Donnerstag ihren Ausgang. Bei einer Explosion in einem Haus starb am Mittwoch ein Mann, sieben wurden verletzt. Manche vermuteten zunächst einen Unfall in einer Drogenküche, mittlerweile aber weiß die Polizei, wozu die vielen Gaskanister dienen sollten, die sie vorfand: Offenbar hatten hier die Täter von Barcelona und Cambrils - wenig erfolgreich - das Bombenbauen geübt.

Als Hotspots der Islamistenszene galten bisher eher die Einwandererviertel von Madrid oder Barcelona. Besonders die teils vernachlässigte Altstadt der katalanischen Metropole ist seit Jahren als "zentraler Schauplatz der Dschihadisten-Szene in Spanien" bekannt, wie der Politikprofessor Fernando Reinares von der Juan-Carlos-Universität in Madrid schreibt. Das Gassengewirr, leer stehenden Textilfabriken und fensterlose Quartiere, in denen Großfamilien hausen, sind ideale Verstecke. Und durch seine geografische Lage ist Barcelona Durchgangsstation für die vielen perspektivlosen Nordafrikaner, die ihr Glück in Europa suchen und nur ein prekäres Leben finden. Als Hilfsarbeiter am Bau oder auf Plantagen, ohne jede Chance, je als Asylbewerber anerkannt zu werden.

Die größte Gruppe der festgenommenen Islamisten sind marokkanische Staatsbürger

Vor sechs Wochen hat der Politikprofessor Reinares eine Studie veröffentlicht, in der er die Hintergründe aller 178 terrorverdächtigen Islamisten untersuchte, die zwischen 2013 und 2016 in Spanien festgenommen wurden. Fasst man seine Ergebnisse zusammen, zeigt sich, dass die Terrorgefahr in Spanien vor allem von jenen enttäuschten Migranten ausgeht, die in ihren Heimatländern "Harraga" genannt werden - "die Verbrannten", weil sie ihre marokkanischen, tunesischen und algerischen Pässe vernichten, um Abschiebungen zu erschweren: Die größte Gruppe der Festgenommenen sind marokkanische Staatsbürger (43 Prozent), gut die Hälfte ohne Arbeit, ein Viertel wohnte zuletzt in der Großregion Barcelona. Und die meisten kamen nicht mit dem Vorsatz zu töten nach Europa: Neun von zehn radikalisierten sich erst in Spanien, vor allem nach Beginn des Bürgerkrieges in Syrien 2011.

Das Milieu entwurzelter und teils kleinkrimineller junger Männer ist mit dem vergleichbar, dem auch Anis Amri entstammte, der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz. Es bildete sich in Spanien nicht erst nach dem Ausbruch der Flüchtlingskrise 2015, seit Jahren kommen junge Männer aus dem Maghreb über das Mittelmeer. Erst diese Woche stellte die Küstenwache einen Schmugglerring, der seine Kunden mit Jetski über die 18 Kilometer breite Meerenge von Gibraltar brachte. Wichtige Orte der illegalen Einreise wie auch der Radikalisierung sind die Exklaven Mellila und Ceuta, die Spanien immer noch in Nordafrika besitzt. Von hier stammte nicht nur einer der mutmaßlichen Täter vom Donnerstag, sondern laut der Studie von Terrorforscher Reinares ein weiteres Drittel der Terrorverdächtigen, die seit 2013 in Spanien festgenommen wurden.

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