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Islamisten-Vormarsch im Irak:Gotteskrieger außer Kontrolle

Terror

Isis-Kämpfer hissen ihre schwarze Flagge in der irakischen Provinz Salaheddin.

(Foto: Salahuddin/AFP)

Sie sind Dschihadisten, reich, unabhängig und nicht mehr zu steuern: Die Isis gilt als gefährlichste Terrorgruppe der Welt. Jetzt müssen sich selbst die Saudis fürchten, die sie einst mit Geld unterstützt haben.

Es ist der Albtraum der irakischen Regierung und der Verantwortlichen in allen Nachbarstaaten: Die schwarze Dschihadisten-Flagge von Isis über Bagdad. Nach den unerwarteten Erfolgen der radikal-islamischen Sunniten-Miliz "Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien" im Nordirak in den vergangenen Tagen wurden die ersten Militanten inzwischen keine 100 Kilometer von der Hauptstadt entfernt gesehen. Seit Beginn der Woche besetzen die al-Qaida-nahen Kämpfer im Norden des Landes mehrere Städte, darunter die Metropole Mossul. Sie halten die wichtige Raffinerie von Baidschi unter Kontrolle, bedrohen die Ölfelder im nahen Kirkuk.

Auch wenn ein Vorstoß der bisher nur einige wenige Tausend Mann starken Miliz auf die Hauptstadt schwer vorstellbar ist, erscheint ihr Erfolg beispiellos: Isis hat sich als stärkste Kraft unter den Rebellen im syrischen Bürgerkrieg herausgestellt. Die Terrorgruppe kontrolliert dort die Stadt Raqqa und mehrere Ölfelder, betreibt eine Mafia-ähnliche Kriegswirtschaft. Jetzt verknüpfen die Islamisten ihren syrischen Herrschaftsbezirk mit einem viel größeren Gebiet im Irak. Es ist ein grenzübergreifendes Territorium.

Der Siegeszug der Vermummten könnte die Nachbarstaaten zum militärischen Eingreifen zwingen. Die Iraner als Bundesgenossen der Regierung von Iraks Premierminister Nuri al-Maliki können nicht zulassen, dass die Sunniten im Irak wieder die Macht übernehmen. Erst der Sturz des sunnitischen Saddam-Regimes 2003 und die Machtübernahme durch die irakischen Schiiten haben es Teheran erlaubt, zur Regionalmacht am Persischen Golf aufzusteigen. Früher stand den iranischen Ambitionen ein feindliches Regime in Bagdad entgegen. Teheran muss Maliki und seine Schiiten an der Macht halten, um jeden Preis.

Der Erfolg von Isis wäre ohne Unterstützung nicht möglich gewesen

Auch die mehrheitlich sunnitische Türkei, vom Flüchtlingsstrom aus dem syrischen Bürgerkrieg ohnehin in Mitleidenschaft gezogen, kann einen Dschihadisten-Staat an ihrer Grenze nicht gebrauchen. Die Geiselnahme im türkischen Konsulat in Mossul zeigt, dass die Militanten keine Regeln einhalten - immerhin steht Ankara auf Seiten der syrischen Rebellen. Ähnliches gilt für das sunnitische Jordanien oder für Saudi-Arabien. Beide Staaten unterstützen die gemäßigten Rebellen, müssen deshalb die radikalen Gotteskrieger fürchten.

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Dennoch könnte ausgerechnet Saudi-Arabien am Aufbau und Erfolg der Terrorgruppe Isis beteiligt gewesen sein, die im Irak schon lange existiert und während der US-Besatzung gegen die Amerikaner gekämpft hat. Die Saudis sehen im schiitischen Irak und in Premier Maliki ebenso Vasallen der Islamischen Republik Iran wie im syrischen Staatschef Assad, der ebenfalls einer schiitischen Sekte angehört.

Der Erfolg von Isis in Syrien und jetzt im Irak wäre ohne anfängliche Unterstützung von außen nicht denkbar gewesen, sagt Walter Posch von der "Stiftung Wissenschaft und Politik" in Berlin. Er vermutet die Geldgeber am Golf. Schließlich hätten Saudi-Arabien und Katar die Rebellen im Kampf gegen das Assad-Regime von Anfang an unterstützt, sei es durch die Regierungen oder durch Zahlungen reicher Geschäftsleute.

Unsteuerbare "Neo-Taliban"

Offenbar brauche Isis inzwischen aber keine Hilfe mehr. Die Miliz sei "längst ein eigener Akteur", so Posch. "Die Gruppe ist außer Kontrolle. Sie verfügt durch Eroberungen und durch kriminelle Geschäfte im syrischen Bürgerkrieg über so viel Geld, dass sie unabhängig agiert." Posch sieht Gruppen wie Isis als unsteuerbare "Neo-Taliban", die auf der Basis einer primitiven radikal-islamischen Ideologie handelten und kein genuin politisches Anliegen hätten: Der Kampf erschöpft sich in dem Ziel, einen islamischen Staat zu errichten.

Der Aufstieg der irakisch-syrischen Sunniten-Miliz ähnelt damit dem der Taliban in Afghanistan. Die waren 1994 in einem vom Krieg und Bürgerkrieg zerrütteten Land auf-getaucht, wo sie die das Volk unterjochen-den Warlords vertrieben. Die Taliban übernahmen die Herrschaft, um einen selbst für diese Region primitiven Gottesstaat zu errichten. Erst 2011 verloren sie die Macht, als sie als Gastgeber von Osama bin Laden und seiner al-Qaida in den Terrorstrudel um die Ereignisse am 11. September 2001 hineingezogen wurden. Die Folgen sind bekannt. Heute kämpfen die Taliban in Afghanistan um ein Comeback und halten das Land mit Terroranschlägen in Atem.

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Wie damals die Taliban, so stellen sich auch heute die Isis-Kämpfer als gottesfürchtige Krieger dar, die den Koran durchsetzen wollen. Dabei darf man nicht vergessen, dass die afghanischen Taliban immer auch ein Instrument des Nachbarstaats Pakistan waren. Der suchte in Afghanistan Einfluss, wollte eine Vasallenregierung installieren. Das pakistanische Geheimprojekt gelang nur in Teilen: Kaum an der Macht, betrieben die Taliban ihre eigene, die Welt in Entsetzen versetzende "islamische" Politik und destabilisierten Pakistan. Heute stellen die pakistanischen Taliban mit ihren Terror-Bataillonen als Ableger ihrer afghanischen Kampfgenossen eine existenzielle Gefahr für den pakistanischen Staat dar.

Kriegszug gegen Saudi-Arabien?

Ähnliches könnte den arabischen Hintermännern von Isis geschehen. Die Militanten könnten im grenzüberschreitenden Heiligen Krieg nach dem Kampf im Irak und in Syrien auch rasch in Richtung Saudi-Arabien ziehen. Das Land ist das Traumziel aller Gotteskrieger: Dort liegen die Heiligen Stätten Mekka und Medina. Das saudische Königshaus gilt allen Dschihadisten als Inbegriff der Verworfenheit: Schon Al-Qaida-Chef Osama bin Laden, selbst ein Saudi, hatte dem König den Krieg erklärt.

Von der Zusammenarbeit mit radikal- islamischen Anti-Assad-Milizen wie Isis hat Saudi-Arabien als Koordinator der syrischen Rebellen deshalb inzwischen Abstand genommen. Das Königshaus fürchtet, dass sich die Militanten gegen seine eigene Herrschaft stellen könnten. Deshalb unterstützen die Saudis heute nur noch moderatere Gruppen wie die "Islamische Front", wie es in westlichen Geheimdienstkreisen heißt. Angesichts des derzeitigen Siegeszugs von Isis stellt sich die Frage, ob diese Einsicht nicht zu spät gekommen ist.