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Islamisten versus Militär:Kulturrevolution à la Ägypten

Jubelnde Anhänger sind gut, Lehrer und Dozenten sind besser: Die Muslimbrüder werden Ägypten über Posten und Veränderungen von Lehrplänen umkrempeln - ganz legal. Müssen sie eine Konfrontation mit dem Militärrat fürchten? Weniger, als es der jüngste Streit des islamistischen Präsidenten Mursi mit den Generälen glauben lässt.

Ägyptens neuer Präsident Mohammed Mursi erinnert ein wenig an eine Mischung aus Helmut Kohl und Pu dem Bären. Der Ägypter wirkt tapsig wie das Pelztier, ist aber gerissen wie der einstige Bundeskanzler. Mit kühl kalkuliertem Risiko hat der Muslimbruder das Parlament zusammengerufen, obwohl die Verfassungsrichter es in Absprache mit den mächtigen Generälen aufgelöst hatten.

A supporter looks out the window of a vehicle with a picture of Egypt's President Mursi at Tahrir square in Cairo

Unterstützer sind wichtig, aber nicht alles: Anhänger von Präsident Mohammed Mursi blicken aus einem Wagen mit dessen Konterfei. 

(Foto: REUTERS)

Juristisch verwerflich, aber politisch raffiniert: Mursi hat sich nach außen hin gegen die Offiziere durchgesetzt, ohne dass die islamistischen Abgeordneten viel erreicht hätten - die Sitzung dauerte nur wenige Minuten. Dennoch hat der Präsident den Eindruck erweckt, unerschrocken für die Rechte des ersten frei gewählten Parlaments Ägyptens einzutreten.

Mursi handelte dabei nicht als Politikerpersönlichkeit, sondern als Vertreter einer Kaderorganisation. Die Muslimbrüder sind so etwas wie ein islamischer Jesuitenorden: hierarchisch, diszipliniert, der Sache dienend. Mursis Brüder und die mit ihnen verbündeten Salafisten haben die Parlaments- und die Präsidentschaftswahl gewonnen. Sie sind zumindest formal legitimiert, ihr Projekt umzusetzen: die politische Islamisierung eines Landes mit mehr als 80 Millionen Einwohnern.

Es geht also um mehr als die Person des Präsidenten. Die Muslimbrüder werden die Institutionen Ägyptens umzukrempeln versuchen: Schulen, Universitäten, Behörden, Teile der Wirtschaft, das Kulturleben. Der Bildungsminister wird die Lehrpläne umschreiben; die Dekane der Universitäten werden neu bestallt, Chefredakteure von Staatszeitungen und Fernsehsendern nach Linientreue benannt werden.

Muslimbrüder - geübt im langfristigen Denken

Nur dies garantiert dem Projekt des politischen Islam in Ägypten eine Zukunft. Und ein neuer Lehrplan für die Grundschüler entfaltet auf längere Sicht mindestens so viel Wirkung wie einer der von den Muslimbrüdern inzwischen auf Kommando zusammengetrommelten Massenproteste auf dem Tahrir-Platz oder ein Zusatzartikel in der neuen Verfassung. Claqueure sind gut. Aber Lehrer und Dozenten sind besser.

Dass die Brüder langfristig denken, haben sie bewiesen. Vor 84 Jahren gegründet, haben sie Ägypten trotz härtester politischer Verfolgung mit Hilfe von Sozialarbeit, Almosen und Unterricht so weit mit ihrem Gedankengut durchsetzt, dass ihr Wahlsieg bei der ersten freien Parlamentswahl nach dem Sturz des Mubarak-Regimes zwingend war. Was bisher heimlich geschah, kann nun Kraft der neuen Ämter offen vollzogen werden: die Ideologisierung der Gesellschaft.

Wie sich Muslimbrüder und Militärs arrangieren

Natürlich gibt es Hindernisse. Da ist das Militär, das den alten Herrscher Hosni Mubarak weggeputscht hat und diese Drohung auch den neuen Präsidenten spüren lässt. Aber können Ägyptens Generäle diesen Prozess aufhalten, indem sie Panzer auffahren lassen? Kaum. Die Soldaten einer Wehrpflichtigenarmee gehen schnell von der Fahne, wenn sie auf die eigenen Verwandten schießen sollen. Die Offiziere können die Islamisierung bremsen, verhindern können sie sie nicht.

Möglicherweise ist ihnen das ganz recht: dem Volk die Religion; den Muslimbrüdern die Minister- und Direktorenposten samt der damit verbundenen Vorteile fürs private Konto; und dem Militär das Versprechen, dass ihr Industrie-Imperium - die Fleischtöpfe für die Uniformträger - unberührt bleibt; dazu die Garantie, dass der Bruder Präsident den Israelis nicht den Krieg erklärt - was wollen die Offiziere mehr?

Nach dem Putsch gegen Mubarak hatte die Generalität die Parole ausgegeben: "Das Volk und die Armee sind eine Hand." Inzwischen wirkt es trotz allen Theaterdonners so, als ob die Muslimbrüder und die Armee "eine Hand" seien.

Brüder und Offiziere mögen sich nicht ausstehen können und ihre politischen Zusammenstöße zelebrieren. Aber sie können zusammenarbeiten, bis sich die Kernfrage nach dem Industriebesitz der Generäle und dem Beharren auf politischen Sonderrechten stellt. Das ist lange hin.

Schulbücher? Kein Thema fürs Weiße Haus

Und die Welt da draußen? Diejenigen Staaten, die erklären, an der Verbreitung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit interessiert zu sein, werden sich mit Kritik an den Muslimbrüdern schwertun. Frei gewählt ist frei gewählt. Und das, was künftig in den Schulbüchern ägyptischer Kinder steht, eignet sich nicht für ein Kamingespräch unter Präsidenten im Weißen Haus oder als wichtiges Thema beim Besuch eines Berliner Ministers in Kairo.

Ja, eingeschränkte demokratische Rechte können bemängelt werden. Aber wer sagt, dass die Brüder nach außen hin nicht demokratisch agieren werden? Je weiter sie ihr Projekt umsetzen können, desto weniger müssen sie Wahlen fürchten - weil die Ideologie eingesickert sein wird. Das läuft auf eine Kulturrevolution hinaus: Das Denken in den Köpfen ändern, damit die Welt sich brüderlich dreht.

© SZ vom 12.07.2012/gal
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