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Islamisten in Nigeria:Männern aus dem Norden gehörte die politische Macht

Der Kampf um Ressourcen prägte die nigerianische Politik von Beginn an: Seit dem Unabhängigkeitsjahr 1960 regierte fast pausenlos das Militär - dominiert von Nordnigerianern. Ein General nach dem anderen putschte seinen Vorgänger von der Macht und kontrollierte damit nicht nur einen Staat, sondern auch Afrikas größte Ölreserven. So etablierte sich ein ungeschriebenes Gesetz: Die Bevölkerungsgruppen im Süden profitierten vom Wirtschaftspotenzial der Ölfelder, doch Männern aus dem Norden gehörte die politische Macht - und damit der Zugriff auf die Staatskasse.

In den Neunzigern bereitete der Druck westlicher Sanktionen dem Spiel der Generäle ein Ende. 1999 ließ die Armee Wahlen abhalten und überließ die Macht dauerhaft einer zivilen Regierung. Doch Frieden brachte dieser Schritt nicht - zu gespalten war das Land, zu ungleich die Chancenverteilung, zu korrupt die Eliten, egal in welchem Landesteil.

Genau dieser Zeitpunkt, die Jahrtausendwende, ist die Geburtsstunde von Boko Haram.

Viele Menschen in Nordnigeria haben gute Gründe, ihren Staat zu hassen. Trotz des Öls und der föderalen Struktur, die den Reichtum verteilen soll, sind die Bundesstaaten im Norden bettelarm. Es gibt kaum Arbeit, die Infrastruktur ist erbärmlich. Und genau hier operieren die Boko-Haram-Milizen, wie die Karte zeigt. Jeder Punkt steht für einen Anschlag, ein Massaker, für Kämpfe zwischen Soldaten und Milizen (wenn Sie auf einen Punkt klicken, erfahren Sie, was genau passiert ist).

In den Augen der Bewohner hat das säkulare, das westliche System versagt - egal ob das Militär oder eine zivile Regierung gerade die Macht ausübt. "Den meisten Muslimen im Norden erscheint es deshalb logisch, sich der Religion zuzuwenden", schreibt der Nigeria-Experte Johannes Harnischfeger in einem aktuellen Aufsatz über die Ursprünge von Boko Haram.

"Hinter einer Fassade muslimischer Frömmigkeit"

Die Menschen, so Harnischfeger, verbänden damit die Hoffnung, dass sich die Eliten wenigstens der Autorität Gottes unterordnen würden. Ein islamisches Rechtssystem sehen viele als letztes Mittel gegen die Korruption und den moralischen Verfall der Machthaber.

Genau diese Hoffnung machten sich die nördlichen Politiker-Cliquen um die Jahrtausendwende zunutze. Bis 1999 hatten sie über das Militär Zugriff auf die Macht, nun mussten sie plötzlich die Gunst der Wähler gewinnen. Also plädierten sie für die Einführung eines strikten islamischen Rechtssystems in den nördlichen Bundesstaaten - gemäßigte Varianten gab es bereits seit der Unabhängigkeit - und hatten Erfolg. Viele der früheren Funktionäre sicherten sich neue Regierungsposten und setzten in zwölf der 36 Bundesstaaten Nigerias Formen der Scharia durch.

Doch sie taten es halbherzig. Damit riefen sie radikale Prediger auf den Plan, die nicht mehr nur gegen den Westen und die säkularen Institutionen Nigerias wetterten, sondern auch gegen die verräterischen lokalen Politiker, die weiter ihren ausschweifenden Lebensstil pflegten - "hinter einer Fassade muslimischer Frömmigkeit", wie Harnischfeger schreibt.

Einer dieser Prediger war Mohammed Yusuf, der als der Gründer von Boko Haram gilt. Um das Jahr 2005 begann Yusuf im Bundesstaat Borno für eine radikale Form des politischen Islam zu werben - allerdings weitgehend gewaltfrei, vorrangig über Predigten und Sozialarbeit in den Armenvierteln.

Boko Haram - westliche Bildung ist verboten

Seine Anhänger rekrutierte Yusuf aus den Massen an arbeits- und perspektivlosen Jugendlichen. Ihre Bewegung namens Jama'atu Ahlis Sunna Lidda'awati wal-Jihad (Vereinigung für die Verbreitung der Lehren des Propheten und des Dschihad) erhielt bald den Spitznamen Boko Haram - westliche Bildung ist verboten. Der Name verweist auf ein wichtiges Element von Yusufs Ideologie: Er kämpfte für einen islamischen Staat und lehnte jeglichen Kontakt mit westlich geprägten Institutionen ab.

Zunächst kooperierte seine Sekte mit den etablierten religiösen Instanzen und unterstützte lokale Politiker mit islamistischer Agenda. Doch 2009 kam es zum Bruch. Der Gouverneur von Borno, einer der Scharia-Befürworter, rief die staatlichen Sicherheitskräfte zu Hilfe, die mehrere Boko-Haram-Mitglieder ohne Anklage oder Gerichtsprozess töteten, darunter auch Mohammed Yusuf und andere Führungsfiguren.

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