Islamisten in Deutschland:60 deutsche Islamisten starben für IS

Islamist Denis Cuspert, einst als Rapper Deso Dogg bekannt, soll womöglich einen Selbstmordanschlag in der Türkei planen.

Salafisten beten 2012 in Bonn, unter ihnen der frühere Berliner Rapper Denis Cuspert.

(Foto: picture alliance / dpa)

Etwa 600 deutsche Islamisten sind in den vergangenen Jahren für den IS nach Syrien oder in den Irak in den Krieg gezogen. Mindestens 60 von ihnen starben; bis zu zehn als Selbstmordattentäter. Etwa 200 Islamisten sind zurückgekehrt, nur von einem kleinen Teil ist sicher, dass sie dort auch gekämpft haben. Die meisten der Rückkehrer, sagt der nordrhein-westfälische Verfassungsschutzchef Burkhard Freier, seien "desillusioniert oder traumatisiert". Aber etliche von ihnen seien "kampferfahren und verroht".

Diese Rückkehrer würden in der Szene als Helden gefeiert, und sie trommelten weiter für den Kampf. Von den "Verrohten" gehe natürlich die meiste Gefahr aus, aber auch die Traumatisierten, die ihre Bilder aus dem Krieg nicht loswürden, dürfe man nicht aus dem Blick verlieren.

V-Leute hören sich in der Szene nach Anschlagsplänen um

Seit Bundesinnenminister Thomas de Maizière die ersten Nachrichten über die Pariser Ereignisse erreichten, - er saß gerade mit den Spitzen der deutschen Sicherheitsbehörden zusammen, um über die Bedrohung durch Cyber-Attacken zu diskutieren - wurde die Überwachung der deutschen Islamisten-Szene noch einmal verstärkt. De Maizière setzte einen geheimen Plan aus dem Jahr 2009 in Kraft: "Sofortmaßnahmen bei terroristischen Ereignissen im Ausland."

Die Polizei prüft seither noch intensiver als zuvor den Aufenthaltsort der als sogenannte "Gefährder" eingestuften Personen - Mitte der vergangenen Woche waren das 265. Gefährder sind Leute, denen man einen Anschlag zutraut. Hinzu kommen, Stand dieser Woche, 289 "relevante Personen". Das sind Leute, die Gefährder möglicherweise unterstützen. Zu welcher der Gruppen gehört Walid D.? Auf der Polizei-Liste fand sich sein Name weder unter den Gefährdern noch unter den "relevanten Personen".

Seine Geschichte jedenfalls macht in diesen Tagen immer wieder die Runde, wenn sich Politiker, Polizisten und Verfassungsschützer mit der Bedrohungslage beschäftigen. "Das war der Donnerschlag", sagt ein Terrorspezialist. Der Verfassungsschutz geht Listen des "Islamistischen Personen-Potenzials" durch. 1040 Islamisten sind als "gewaltgeneigt" eingestuft worden. Was meint das wirklich?

V-Leute wurden angewiesen, sich in der Szene nach möglichen Anschlagsplänen in Deutschland umzuhören. Verfassungsschützer nehmen, als vermeintliche Islamisten getarnt, an Chat-Foren der Radikalen teil. Die Personenakten aller deutschen Islamisten werden nach Auffälligkeiten und Ähnlichkeiten mit den Pariser Attentätern durchsucht. Die französischen Ermittler wurden gebeten, nach Querverbindungen des Terror- Trios nach Deutschland zu schauen. Mit wem hatten sie Kontakt? Bis zum Freitag gab es keine bedeutenden Bezüge nach Deutschland.

Sechzig Ausreisen von Islamisten, die vermutlich in den Krieg ziehen wollten, wurden in den vergangenen Monaten verhindert. Auch wurde die Überwachung der deutschen Dschihadisten, die in Syrien und im Irak kämpfen, noch einmal verstärkt. Es gibt mancherorts sogar eine Art Bereitschaftsdienst für Mitglieder von G-10-Kommissionen, die Staatsschützern das Abhören erlauben müssen.

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