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Islamisten in Deutschland:"Das ist der Schlimmste"

Abu Walaa

Abu Walaa predigt gerne per App und Internet-Video.

(Foto: oh)
  • Der Generalbundesanwalt ließ Abu Walaa und vier seiner engsten Vertrauten wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verhaften.
  • Sie sollen ein salafistisch-dschihadistisches Netzwerk betrieben haben, das Rekruten zum sogenannten Islamischen Staat vermittelte.
  • Bislang ging es in den bundesweit fast 1000 Verfahren zumeist um diejenigen, die sich radikalisierten. Nun soll es auch gegen jene gehen, die sie indoktrinieren und aufhetzen.

Von Georg Heil, Volkmar Kabisch und Georg Mascolo

Der Weg zum angeblich wahren Islam führt über den App-Store. Ein Klick reicht, um sich bei Apple oder Google die Botschaften des radikalen Predigers Abu Walaa herunterzuladen. In der Szene nennen sie den Fundamentalisten nur den "Prediger ohne Gesicht", denn der gebürtige Iraker, der seit Beginn der 2000er-Jahre in Deutschland lebt, lässt sich am liebsten nur von hinten filmen. Das wirkt geheimnisvoll und bedeutsam. Abu Walaa heißt tatsächlich Ahmad Abdelazziz A., die wenigen Fotos, die es von ihm gibt, zeigen einen stämmigen Mann mit Bart und hartem Blick.

Push-Nachrichten und News-Alerts bietet die App, bei Facebook bringt es der Prediger auf mehr als 25 000 Likes. Aber seit dem vergangenen Dienstag ist fraglich, wann die fundamentalistische Szene wieder auf Neues von ihrem Star hoffen darf. Der Generalbundesanwalt ließ ihn und vier seiner engsten Vertrauten wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verhaften.

Sie sollen, so steht es in den Haftbefehlen, ein salafistisch-dschihadistisches Netzwerk betrieben haben, das Rekruten zum sogenannten Islamischen Staat vermittelte. Abu Walaa soll der Kopf der Gruppe sein. Diese organisierte die Reisen und - wenn notwendig - finanzierte sie auch. Einer seiner früheren Schüler hat das in umfangreichen Vernehmungen zu Protokoll gegeben, er bezeichnete ihn gar als "obersten Repräsentanten des IS in Deutschland".

"Das ist der Schlimmste", sagen Staatsschützer über den Mann aus dem Irak

Die Verhaftungen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen markieren einen neuen Abschnitt in der Strafverfolgung. Bislang ging es in den bundesweit fast 1000 Verfahren zumeist um diejenigen, die sich hier radikalisierten, dann oftmals dem IS im Nahen Osten anschlossen oder von dort nach Deutschland zurückkehrten. Nun soll es auch gegen jene gehen, die sie indoktrinieren und aufhetzen, um diejenigen, die junge Menschen auf die Reise in den "heiligen Krieg" schicken. Es gehe um die "geistigen Wegbereiter", erklärte Generalbundesanwalt Peter Frank, "für uns ist es ein sehr bedeutsames Verfahren". Justizminister Heiko Maas (SPD) sekundierte: "Das ist ein wichtiger Schlag gegen die extremistische Szene in Deutschland."

Auch in anderen Ländern wird inzwischen gezielt gegen die sogenannten Hassprediger vorgegangen; erst im Juli verurteilte das Landesgericht in Graz einen Mann, der sich Ebu Tejma nannte, wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Anstiftung zum Mordversuch zu der in Österreich zulässigen Höchststrafe von 20 Jahren.

Der Staatsanwalt nannte Ebu Tejma den "Popstar unter den Dschihadisten". Auch in Großbritannien und Bosnien gab es bereits Verurteilungen. Die Behörden haben erkannt, dass es nicht reicht, den IS in Mossul und Raqqa zu besiegen. Man muss auch gegen seine Ideologie vorgehen. Der Kampf um die Köpfe ist nicht weniger wichtig als der Kampf auf dem Boden.

Abu Walaa soll eine echte Größe in der Szene sein, schon lange steht er auf der Liste der sogenannten Gefährder, ein Staatsschützer sagte einmal über ihn: "Das ist der Schlimmste."

Schwer bewaffnete Polizei rückte mit Sprengstoff-Spürhunden an

Er predigte im Ruhrgebiet und in der Moschee des deutschsprachigen Islamkreises in Hildesheim, die seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Viele Islamisten aus der ganzen Republik reisten hier in der Vergangenheit an. Wo immer Abu Walaa auftrat, beobachteten Sicherheitsbehörden, dass sich mehr Menschen zum IS aufmachten.

Hildesheim und das nahe gelegene Wolfsburg etwa gehören bundesweit zu den Hotspots - Dutzende gingen von hier aus den Weg in den Dschihad. Dennoch schien es lange so zu sein, als würde man Abu Walaa und seinen Vertrauten nichts nachweisen können. Die Ermittlungsverfahren bei der Bundesanwaltschaft laufen bereits seit Herbst vergangenen Jahres, im Juli kam es zu Durchsuchungen, auch in Hildesheim. Schwer bewaffnete Polizisten rückten mit Sprengstoff-Spürhunden an, aber sie fanden keine ausreichenden Beweise. Abu Walaa und seine Helfer blieben auf freiem Fuß.

Ein Medizinstudent, ein ehemaliger 1,0-Abiturient, hat über die Szene ausgepackt

Schon damals aber zeichnete sich eine Wende ab. Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR hatten einen Tipp bekommen, ein Informant im türkisch-syrischen Grenzgebiet berichtete von einem "deutschen Doktor", der kurz zuvor vom IS in die Türkei geflohen und womöglich bereit sei, nun über die deutsche Islamisten-Szene auszupacken. Der Mann wisse viel. Es handelte sich um Anil O. - ein ehemaliger Medizinstudent im zweiten Semester aus Aachen, ein glänzender Schüler mit 1,0-Abitur. Der Deutsch-Türke hatte sich in die islamistische Szene verstrickt, radikalisiert, galt als "Gefährder" und war schließlich im August 2015 zum IS ausgereist.

Sein Vater drohte dem Sohn mit Selbstmord, wenn er nicht wieder nach Deutschland käme. Anil O. sagt, diese Drohung habe er nicht ernst genommen. Er sei vielmehr vom IS geflohen, weil ihn die Grausamkeiten abgestoßen hätten und er ohnehin habe zurückkehren wollen. Die türkischen Behörden setzten ihn fest, aber nach einer kurzen Gerichtsverhandlung in Gaziantep kam er frei. Nach langem Zögern willigte Anil O. ein, über seine Erfahrungen zu sprechen. Das Treffen fand im Juli in einem Hotelzimmer in Istanbul statt, der Putschversuch in der Türkei war gerade gescheitert. Bei zugezogenen Vorhängen - auf einem nahe gelegenen Platz versammelten sich Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdoğan - kam es zum Gespräch.

Abu Walaa persönlich soll laut Haftbefehl die Ausreisen zum IS gebilligt haben

Anil O., 22 Jahre alt und seit mindestens fünf Jahren tief in der deutschen Islamisten-Szene, kam schnell auf Abu Walaa zu sprechen. Er habe ihn in Hildesheim kennengelernt. Er sei die entscheidende Autorität für junge Islamisten, weil der Iraker sich offen zum IS bekenne. Im Gebetshaus in Niedersachsen würden junge Muslime aufgehetzt und zur Reise ins Kalifat gedrängt. Alles, so sagt es Anil O., laufe hoch konspirativ ab.

Die Gespräche über die Reise zum IS fänden stets in einem Hinterzimmer statt, kein elektronisches Gerät dürfe mit hinein, aus Angst vor Abhörmaßnahmen von Polizei oder Verfassungsschutz. "Dort wird man dann direkt angeleitet, wie die Reiseroute ist." Wer kein Geld habe, bekomme es von Abu Walaas Helfern, die Gemeinde des Predigers sammele dafür. Schließlich gelte es als besondere Ehre unter Radikalen, einem Glaubensbruder eine Reise in den Dschihad zu finanzieren. Für alle, die zum IS wollten, sei "Hildesheim der Platz Nummer 1", behauptet Anil O.

Zu seinen Motiven sagte Anil O., er habe mit der Szene gebrochen. Nun wolle er andere vor dem Fehler bewahren, sich dem IS anzuschließen. Er selbst wolle sein Medizinstudium beenden, aber als Vorbestrafter würde er nicht zum Staatsexamen zugelassen. Ende September kehrte Anil O. nach Deutschland zurück, am Flughafen in Düsseldorf wartete schon die Polizei. Die Bundesanwaltschaft ließ ihn wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verhaften. In einer Haftanstalt in Nordrhein-Westfalen begannen kurz darauf Vernehmungen. Anil O. hatte sich entschieden, auch bei den Behörden auszupacken. Er hofft auf Strafmilderung.

In der Bundesanwaltschaft galten die Ermittlungen schnell als eine der wichtigsten gegen Islamisten in Deutschland. Generalbundesanwalt Frank sagt, mehr als 900 Personen seien bereits nach Syrien und in den Irak gereist, die fünf Festgenommenen seien mitverantwortlich dafür, dass sich in Deutschland überhaupt erst eine solche "Radikalisierungsszene" gebildet habe.

Abu Walaa persönlich soll laut Haftbefehl die Ausreisen zum IS gebilligt haben. Das Verfahren hängt an der Glaubwürdigkeit von Anil O. und seinen Aussagen. Allerdings erhoffen sich die Ermittler weiteres Beweismaterial aus den beschlagnahmten Handys und Computern. Manches spricht dafür, dass die Verhaftungen zum richtigen Zeitpunkt kamen: Abu Walaa, der so lange unbehelligt blieb, hat nach Erkenntnissen von Staatsschützern längst eine neue Gruppe in den Blick genommen: die Flüchtlinge, die sich ohne Halt und Orientierung als anfällig für radikale Ideologien erweisen könnten.

© SZ vom 09.11.2016/dit
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