bedeckt München 23°

Islamismus in der Pandemie:"Das Netz wurde mit neuen, gefährlichen Inhalten geflutet"

Während der Pandemie haben Salafisten viele Menschen wieder erreicht, die Hakan Çelik und seine Kollegen schon als deradikalisiert eingestuft hatten.

(Foto: Stefan Dimitrov/SZ)

Islamisten in Deutschland haben seit Beginn der Pandemie großen Zulauf. Islamwissenschaftler Hakan Çelik über das Attentat in Würzburg, Corona als Strafe Gottes - und warum Ideologien wie Lego funktionieren.

Interview von Gökalp Babayiğit und Ronen Steinke

Salafistische Gruppen wie die Terrormiliz "Islamischer Staat" oder die somalische Al-Shabaab-Miliz kommen in Deutschland auf mehr als 12 000 Anhänger und Sympathisanten, so der jüngste Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz. Nicht nur mit polizeilichen und geheimdienstlichen Mitteln versucht der Staat, etwas dagegen zu tun. Sondern auch mit Sozialarbeit, sogenannter Deradikalisierung.

Hakan Çelik, 41, arbeitet als Deradikalisierer in der islamistischen Szene im Rhein-Main-Gebiet. Der studierte Islamwissenschaftler gehört seit 2014 zum Violence Prevention Network, einer Organisation zur Extremismusprävention.

Herr Çelik, wie haben die jungen Islamisten, mit denen Sie arbeiten, auf die Messerattacke von Würzburg reagiert?

Gestern war ich in einem Park spazieren, eine Stunde lang mit einem jungen Mann Mitte zwanzig, der sich radikalisiert hat. Die typische Diskussion im Moment ist: Die Deutschen scheren uns Muslime alle über einen Kamm! Nur weil einer Allahu Akbar sagt, ist er doch noch lange kein Extremist.

Das spielt darauf an, dass der Täter, der in Würzburg drei Frauen erstochen und mehrere weitere Menschen verletzt hat, bei seiner Tat "Allahu Akbar" gerufen haben soll, "Gott ist am größten". Was haben Sie geantwortet?

Mir ist wichtig, dass die Klienten und Klientinnen lernen, dass man nicht pauschalisieren kann, wenn man selbst nicht möchte, dass andere pauschalisieren. Ich habe dann die Rede des Würzburger Oberbürgermeisters aus der Tasche geholt.

Der Oberbürgermeister sagt darin: "Die Verbrechen Einzelner sind niemals auf Bevölkerungsgruppen, Religionen, Staatsangehörigkeiten zurückzuführen."

Ja, das finde ich sehr gut auf den Punkt gebracht, und da habe ich dann zu dem jungen Mann gesagt: Schau mal her, es gibt Leute, die aus eurer Perspektive vielleicht Ungläubige sind oder islamfeindlich, aber es gibt auch Menschen, die ganz besonnen sind und fair.

Was hat Ihr Klient dann gesagt?

Der war überrascht. Ja, stimmt, hat er gesagt. Sind nicht alle so. Der ist dann ein bisschen zurückgerudert.

In Pandemie-Zeiten haben Islamisten relativ wenig auf sich aufmerksam gemacht. Hat sich die Szene beruhigt - oder ist sie im Gegenteil gefährlicher geworden?

Die meisten Menschen aus diesem Bereich haben sich brav an die Hygienebestimmungen gehalten, um nicht in Konflikte mit den Sicherheitsbehörden zu geraten. Man hat nicht mehr regelmäßig Seminare oder Workshops in Wohnungen abhalten können, sondern es hat sich alles noch stärker ins Internet verschoben. Aber ist das eine Beruhigung? Nein. Das Netz wurde mit neuen, gefährlichen Inhalten geflutet.

Zum Beispiel?

Die jüngsten islamistischen Videos greifen ganz stark Verschwörungsideologien auf, eine Mischung aus Antisemitismus und QAnon-Gedankengut. Über Corona sagen sie beispielsweise, das Virus sei eine Strafe Gottes dafür, was die ungläubigen Chinesen mit den muslimischen Uiguren gemacht haben. Da muss ich dann, wenn junge Leute in Offenbach oder Frankfurt so etwas erzählen, im Gespräch dagegenhalten. Denkt doch mal nach, Leute: Die Pandemie hat auch muslimische Länder hart getroffen.

Ist das Ihre Methode, das Gespräch?

Wenn meine Kolleginnen und Kollegen oder ich diese jungen Menschen betreuen, dann achten wir stark auf Anhaltspunkte, an denen wir erkennen: Okay, dieser junge Mann oder diese junge Frau ist nicht mehr in einer Religiosität verhaftet, sondern schon stark in eine Ideologie gerutscht. Dann schauen wir, welche Maßnahmen können wir mit dem Klienten oder der Klientin umsetzen.

Die Pandemie ist für Rechtsextreme ein großes Konjunkturprogramm. Gilt das auch für die islamistische Szene?

Den Salafisten ist es in der Pandemie gelungen, wieder Menschen zu erreichen, die wir in der Beratungsstelle Hessen eigentlich bereits als deradikalisiert eingestuft hatten. Manche von ihnen wurden in der Pandemie arbeitslos, hatten nichts zu tun und schauten sich die ganze Zeit Videos im Netz an. Da kann es dann passieren, dass man plötzlich wieder in diese Gedankenspirale des Extremismus kommt und in dieser Ideologie gefangen ist. Das hat den Beratungsbedarf enorm erhöht. Wenn man dann bei den alten Klienten oder Klientinnen nachfragt und plötzlich wieder das Gleiche hört, was man schon vor Jahren besprochen hatte und wovon sie sich schon distanziert hatten, ist das Sisyphusarbeit.

Solche Ideologien werden ja vor allem von nichtmuslimischen Hetzern wie Ken Jebsen oder Attila Hildmann verbreitet. Wie bringt man das zusammen?

Bei diesen Ideologien ist es wie bei Lego. Da hat man plötzlich junge Menschen vor sich, die daraus etwas Neues basteln. Ein Salafist will zum Beispiel einem Menschen, den er als Ungläubigen bezeichnet, nicht die Hand geben. Vom selben Ungläubigen übernimmt er aber gerne die Verschwörungsideologie. Da sehen wir, dass kein vertieftes Religionsverständnis vorhanden ist, sondern eine Ideologie vorherrscht.

Laut dem Verfassungsschutz ist der Anteil der Frauen in der Szene gestiegen.

Das kann ich aus meiner Arbeitspraxis bestätigen, wir zählen inzwischen etwa 20 Prozent. Auch da sind durch die stärkere Verlagerung ins Netz ein paar Hürden gefallen. Der Tenor ist oft: Hier in Deutschland wirst du diskriminiert. Hier in Deutschland wird dir ein schlechtes Gewissen gemacht, weil du ein Kopftuch trägst. Das wird dann als Hauptargument genutzt, um zu sagen: Ich möchte hier nicht mehr leben.

Was sagen Sie dann? Es stimmt ja: Man wird diskriminiert, wenn man ein Kopftuch trägt.

Es ist wichtig, dass man natürlich das, was gesagt wird, erst mal aktiv anhört und zweitens das, was richtig ist, auch bestätigt. Also wenn gesagt wird, da gibt's eine Diskriminierung, dann ist unsere Antwort manchmal: Ja. Die Frage ist aber dann: Wie gehen wir damit um? Gewalt ist auf gar keinen Fall ein Mittel. Unsere Aufgabe ist es, Bewältigungsstrategien anzubieten: Was bedeutet es hier in einem Rechtsstaat zu leben? Wie kann man gegen Diskriminierung angehen?

Wie groß schätzen Sie die Rolle muslimischer Gemeinden im Kampf gegen Radikalisierung ein?

Ich finde es eigentlich nicht klug, die normalen muslimischen Gemeinden hier mit Erwartungen zu überfrachten. Die sind ohnehin stark beschäftigt, in der Pandemie sind interessanterweise viele Scheidungen passiert, da gab es viel Krach in den Familien, die Imame haben sich auch damit viel auseinandergesetzt. Es gibt Gemeinden, die sich sehr bemühen. Aber es sind am Ende, anders als bei den christlichen Kirchen, stark ehrenamtliche Strukturen.

Sie meinen, für den Blick auf Radikale sei keine Zeit?

Es gibt da auch einen Generationenkonflikt. Die Älteren, die sich in den etablierten Moscheegemeinden engagieren, finden zu den jüngeren Leuten, mit denen wir es im Kontext von Radikalisierung zu tun haben und die gar nicht zu den etablierten Moscheen hingehen wollen, nicht so leicht einen Draht.

Die Gemeinden können sich ja Hilfe suchen, unter anderem von Ihnen. Tun sie das zur Genüge?

Wir bieten das an. Wir haben zum Beispiel Postkarten, da steht drauf "Mein Kind hat sich verändert", und darunter steht die Hotline-Nummer. Allerdings: Manche Gemeinden fürchten, wenn sie sich offiziell an Behörden oder Deradikalisierungsprojekte wenden, dass sie dann plötzlich als Problemgemeinde am Pranger stehen. Schaut her: Diese Gemeinde hat Radikale in ihren Reihen, und sie kommt damit nicht klar! Diese Sorge kann man nachvollziehen, es kann schnell zu Stigmatisierungen führen.

Gibt es etwas, das Sie sich von Imamen und Moscheegemeinden wünschen?

Ich finde eigentlich, die Pandemie hat in diesem Punkt eine positive Entwicklung mitgebracht. Früher waren im Internet die Radikalen total überrepräsentiert. Neuerdings gehen auch die etablierten, wenn Sie so wollen: gemäßigten, Moscheen stärker ins Netz. Sie haben angefangen, ihre Predigten aufzunehmen und in den sozialen Medien zu veröffentlichen. Das machen zwar bislang nur wenige, weil da auch diese Angst da ist, dass irgendjemand bestimmte Aussagen, die ein Imam macht, aus dem Kontext herausreißt und für Angriffe nutzt. Aber ich finde das trotzdem sehr hilfreich.

© SZ/liv
Zur SZ-Startseite
Ahmed Sherwan

SZ PlusGlaube und Religion
:Wie ein Flüchtling gegen Islamisten kämpft

Mit 14 stieg der Iraker Amed Sherwan auf ein Dach, forderte Allah heraus - und verlor seinen Glauben. Jetzt ist er in Deutschland und kämpft weiter darum, an niemanden glauben zu müssen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB