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Prozess in München:IS-Anhängerin Jennifer W. bricht ihr Schweigen

Prozess wegen Mitgliedschaft im IS

Jennifer W. ist wegen Mordes und Sklavenhaltung angeklagt.

(Foto: dpa)

Nach eineinhalb Jahren meldet sich die wegen Mordes durch Unterlassen Angeklagte zu Wort - und lässt von ihrer Anwältin erzählen, wie sie wurde, was sie ist.

Von Annette Ramelsberger

Sie hat geschwiegen, als die Bundesanwaltschaft ihr vorwarf, sie habe nichts dagegen getan, dass ihr Mann ein kleines Mädchen verdursten ließ. Sie hat geschwiegen, als die Mutter dieses Mädchens vor Gericht erschien und ihr vorwarf, sie habe ihren Mann gegen das Kind aufgehetzt. Sie hat auch geschwiegen, als ihr Mann dann als Zeuge in den Gerichtssaal kam und sie keines Blickes würdigte. Seit eineinhalb Jahren schweigt Jennifer W., die sich vor dem Oberlandesgericht München verantworten muss wegen Mordes durch Unterlassen, wegen Sklavenhaltung und Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Nun aber soll sie sprechen.

Der Prozess ist weit fortgeschritten und es steht nicht gut für sie. Es ist das erste Verfahren weltweit, in dem die Verbrechen der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gegen die Jesiden aufgeklärt werden sollen - am Beispiel von Jennifer W., 29, die überzeugt vom Kampf des IS aus Niedersachsen mitten hinein in den syrischen Bürgerkrieg fuhr und dort einen Kämpfer des IS heiratete.

Im Haushalt der beiden lebten auch eine jesidische Frau und ihre kleine Tochter, die beiden waren Sklavinnen, Kriegsbeute. Das Kind störte das junge Paar. An einem heißen Tag im Sommer 2015 kettete der Mann es in der Sonne im Hof fest. Das Mädchen, davon geht die Bundesanwaltschaft aus, starb. Dennoch war Jennifer W. auch danach noch so überzeugt vom IS, dass sie dorthin zurückwollte, nachdem sie selbst ein Kind geboren hatte und dafür nach Deutschland zurückgekommen war.

"Meine Klassenlehrerin sagte mir, dass sie froh ist, dass ich gehe", lässt Jennifer W. vortragen

Seit eineinhalb Jahren sitzt diese Angeklagte bleich und regungslos im Gerichtssaal, auch an diesem Donnerstag. Doch nun erzählt Jennifer W. zum ersten Mal, wie sie wurde, was sie ist. Oder besser, sie lässt erzählen. Ihre Anwältin Seda Başay-Yıldız trägt vor. Es ist die Geschichte eines Kindes, das ohne Vater aufwuchs, dem die Mutter keine Grenzen setzte und dem der alkoholkranke Stiefvater sagte, aus ihr könne nichts werden. "Er sagte zu mir immer, dass ich dumm sei", zitiert die Verteidigerin ihre Mandantin. Mutter und Tochter flohen vor dem Stiefvater zu den Großeltern. Von da an sei sie in der Schule immer schlechter geworden, erklärt Jennifer W. Nach der 9. Klasse verließ sie dann die Schule. "Meine Klassenlehrerin sagte mir, dass sie froh ist, dass ich gehe." Denn sie sei rebellisch gewesen und habe sich lieber unterhalten als aufzupassen.

Danach tat Jennifer W. - nichts. Sie bemühte sich weder um einen Ausbildungsplatz noch um Arbeit. "Meine Mutter ließ mir alle Freiheiten, sie akzeptierte meine Entscheidungen, weder arbeiten noch weiter Schule machen zu wollen." Sie hatte keine Zukunftspläne, vage planten Mutter und Tochter auszuwandern. Vage war auch ihr Interesse für Kurdistan, es erschöpfte sich offenbar darin, dass Jennifer W. in ihrem Zimmer eine Kurdistan-Flagge aufhängte, sich dunkelbraune Kontaktlinsen in die Augen setzte und darüber nachdachte, als Kämpferin für die Freiheit Kurdistans in den Nahen Osten zu gehen. Auch mit Jesiden habe sie Kontakt gehabt und sich sogar überlegt zu konvertieren.

Zwischendurch wandte sie sich dem Okkultismus zu, zog sich schwarz an und fühlte sich als Satanistin. Und dann fand sie über Freunde zum Islam. Sie hörte auf, Schweinefleisch zu essen. "Mit 17 habe ich mich dafür entschieden, Muslimin sein zu wollen", lässt sie vortragen.

Wie aus der Schwärmerin für Kurdistan, Gothic und Islam eine fanatische IS-Anhängerin wurde, die nur noch verschleiert herumlief, das wollen ihre Anwälte demnächst erklären. Zumindest wollen sie es versuchen.

© SZ vom 09.10.2020
Die Angeklagte Jennifer W. und ihr Anwalt Ali Aydin.

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