Sogenannter Islamischer Staat:Comeback im Stammgebiet

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Sogenannter Islamischer Staat: Irakische Soldaten tragen Särge von IS-Opfern zu Grabe.

Irakische Soldaten tragen Särge von IS-Opfern zu Grabe.

(Foto: Zaid Al-Obeidi/AFP)

Zellen der Terrorgruppe Islamischer Staat verüben wieder mehr Anschläge in Syrien und im Irak. Auch andernorts steigt die Gefahr durch die fundamentalen Islamisten.

Von Thore Schröder, Beirut

Die Terrorbewegung Islamischer Staat (IS) hatte in den vergangenen Monaten vor allem in Afghanistan Aufsehen erregt. Dort firmiert sie unter dem Namen Isis-K - das K steht für Khorasan, eine Region, die im Mittelalter weite Teile Zentralasiens umfasste. Am Hindukusch verübte Isis-K zuletzt immer wieder verheerende Anschläge gegen die schiitische Minderheit der Hazara, lieferte sich Gefechte mit den Taliban und bereitete Ende August mit ihrer Attacke auf Flüchtlinge und US-Soldaten am Kabuler Flughafen der internationalen Luftbrücke ein jähes Ende.

Dabei ist aus dem Blick geraten, dass die Dschihadisten längst auch wieder auf ihrem angestammten Territorium in Syrien und im Irak zu einer besorgniserregenden Gefahr angewachsen sind. Laut UN gibt es dort noch rund 10 000 aktive IS-Kämpfer, obwohl die letzte Bastion des selbsterklärten Kalifats bereits im März 2019 gefallen war. Ein Bericht des US-Verteidigungsministeriums konstatierte Anfang November "eine nächste Phase ihres Aufstands".

Gewarnt wurde insbesondere vor dem, was in dem Vertriebenen-Camp al-Hol vor sich geht. Ende November waren dort bereits 79 Morde seit Anfang des Jahres verzeichnet worden - vermutlich Bestrafungen von Abtrünnigen durch die IS-Religionspolizei. Die Insassen des Lagers kommen aus Syrien, dem Irak und 57 anderen Ländern. Gina Vale vom Londoner King's College berichtet, dass es in al-Hol provisorische Scharia-Gerichte gibt und Abtrünnige regelmäßig auch durch das Niederbrennen von Zelten sanktioniert werden.

Im Camp sind bereits kleine Kinder mit selbstgemachten IS-Bannern und Spielzeuggewehren unterwegs. "Die Frauen des Islamischen Staats stellen eine generationsübergreifende Gefahr dar, weil sie ihre Ideologie weitergeben", warnt Vale. Die Programme der Lokalverwaltung, die Kinder aus diesen Strukturen herauszulösen, seien genauso ungenügend wie die Bemühungen anderer Staaten, die Familien in ihre Herkunftsländer zurückzuholen und dort zu deradikalisieren oder vor Gericht zu bringen.

Gefängnisinsassen kaufen sich frei

Bereits im Sommer berichtete der Guardian, wie sich IS-Frauen aus al-Hol in die von Islamisten beherrschte Provinz Idlib "herausheiraten". Die Zeitung veröffentlichte auch, wie sich IS-Gefängnisinsassen aus SDF-Gefängnissen freikaufen. Vermehrt greifen Dschihadisten in Syrien Sicherheitskräfte und sogenannte weiche Ziele an, töteten zuletzt am 3. Dezember in der Provinz Deir ez-Zor zehn Ölarbeiter.

Ähnlich besorgniserregend ist die Situation jenseits der Grenze. Diese Woche sah sich der irakische Premier Mustafa al-Kadhimi genötigt, die Autonome Region Kurdistan zu besuchen, um mit Peschmerga-Kämpfern, Dorfbewohnern und kurdischen Politikern über gestiegene IS-Attacken zu beraten. Bei einem Angriff mit Granatwerfern vergangene Woche wurden acht Peschmerga und drei Zivilisten getötet. Im Irak nutzen die Fanatiker Freiräume aus, die sich ihnen zwischen den Linien kurdischer Kräfte sowie denen schiitischer Milizen und der Nationalarmee bieten.

"Die Peschmerga sind nicht ausreichend ausgerüstet für die Kontrolle des Gebiets", sagt Dlawer Ala'Aldeen vom Middle East Research Institute (MERI) in Erbil, einem Partner der Konrad-Adenauer-Stiftung. Es fehlt ihnen etwa an Nachtsichtgeräten, aber auch an der richtigen Ausbildung. "Der IS hat auf Partisanenkampf umgestellt", so Ala'Aldeen, "die Anzahl ihrer Attacken und der Schaden, den sie anrichten, deutet darauf hin, dass sie nicht nur besser organisiert, sondern auch zahlreicher geworden sind."

Auch in anderen Ländern der Region wächst die Angst vor den Fanatikern. Am Donnerstag wurden Dutzende mutmaßliche Angehörige der Terrorgruppe in Istanbul und Ankara festgenommen. Die türkischen Behörden beschuldigen sie, Anschläge vor Ort geplant zu haben. In Libanon sollen sich laut Berichten aus Sicherheitskreisen dieses Jahr 35 bis 40 junge Männer aufgemacht haben, um sich dem IS in Syrien und im Irak anzuschließen.

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