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Islamischer Staat im Irak:Der IS lockte europäische Mädchen als Bräute für die Kämpfer an

Wie viele der Jüngsten es im Kalifat gibt, ist nicht bekannt. Hilfsorganisationen und Behörden schätzen mehrere Dutzend, aber gesichert ist das nicht. Unstreitig ist, dass viele Kämpfer ihre Frauen und Kinder nachholten, in den ersten Jahren des Kalifats schien dies sogar ungefährlich zu sein. Später sank die Zahl. Auch Familienausreisen in den Dschihad waren in den ersten Jahren des Kalifats populär. Eine BKA-Auswertung ergab im Jahr 2016, dass von 784 Syrien-Reisenden 290 zum Zeitpunkt ihrer ersten Ausreise bereits Kinder hatten. Unter den 56 registrierten Minderjährigen, die auf die Reise gingen, waren 22 junge Mädchen.

Sogar ganze Clans siedelten nach Syrien und in den Irak über. Auch Yassin O., ein professioneller IS-Anwerber, der zeitweise in Wolfsburg lebte und es später zum Scharia-Richter beim IS gebracht haben soll, nahm mindestens zwei Kinder mit. Inzwischen sollen sie zurück sein.

Der Alltag der jungen Frauen: Putzen, Kochen, Beten, Sex

Die meisten Kinder waren zu jung um zu verstehen, was mit ihnen geschah, und zu jung, um sich zu wehren. Der Verfassungsschutz kennt keine Zahlen, gespeichert werden Personalien erst ab dem Alter von 14. Etliche Kinder wurden auch erst dort unten geboren. Der IS lockte gezielt europäische Mädchen an, sie waren begehrte Trophäen unter den IS-Kämpfern. Die Heirat mit ihnen galt als Belohnung für besondere Tapferkeit oder Grausamkeit. Die Mädchen aus Bayern, Berlin, Sachsen und Nordrhein-Westfalen führten den Kämpfern den Haushalt, fiel ihr Mann, wurden sie oft neu verheiratet. Putzen, Kochen, Beten, Sex - so hat eines der jungen Mädchen den Alltag im Kalifat einmal beschrieben.

Schwanger zu werden, und das möglichst schnell, zählte zu den Pflichten dieser Frauen. Der IS wollte Nachwuchs, die nächste Generation für das Kalifat. Und der Kindergarten des Dschihad muss sich schnell gefüllt haben. Hilfsorganisationen wissen von vielen Geburten, oft meldeten sich die jungen Frauen über Whatsapp bei ihren Familien in Deutschland und schickten stolz ein Foto vom Nachwuchs. Registriert wurden sie mit einer Geburtsurkunde des sogenannten Islamischen Staates, den kein Land der Welt anerkennt. Wenn sie es zurück nach Deutschland schaffen, wird Raqqa oder Mossul als Geburtsort in ihrem Kinderausweis stehen.

Per Whatsapp baten sie um Diagnosen für ihre kranken Kinder

Manchmal ließ sich sogar verfolgen, an welchen Krankheiten die Kleinen litten. Weil es im Kalifat an Kinderärzten mangelt, schickten die Mütter über Messenger-Dienste Schilderungen von Symptomen und Fotos der kranken Kinder an ihre Familien in Deutschland, mit der Bitte dort einen Arzt zu konsultieren und sich mit der Diagnose und Therapieanweisungen wieder zu melden. Seit der IS die Benutzung des Internets ohne ausdrückliche Genehmigung verboten hat, sind die Nachrichten spärlicher geworden.

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Die Älteren gingen zur Schule oder in das, was der IS so nannte. Den Einband der Schulbücher zierten die Bilder von Kämpfern, Ideologie und Waffentraining waren wichtiger als Mathematik oder Geografie. Wer immer als Kind im Kalifat leben musste, wird die Indoktrination ebenso wie seine Erinnerungen womöglich den Rest seines Lebens nicht oder nur schwer abschütteln können. Hilfsorganisationen vergleichen dies bereits mit dem Schicksal afrikanischer Kindersoldaten und schwer misshandelter Opfer in Kriegsgebieten. Erste Erfahrungen gibt es bereits: Psychologen berichten über das Schicksal befreiter jesidischer Mädchen, die von IS-Kämpfern als Sklavinnen gehalten wurden. Viele von ihnen sind seit der Befreiung schwer traumatisiert und suizidgefährdet.