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Islamischer Staat im Irak:Die deutschen Kinder des Dschihad

Civilians carry their belongings as they walk between destroyed buildings by clashes in the Old City of Mosul

Dutzende minderjährige deutsche Staatsangehörige könnten noch im Kampfgebiet im Irak sein.

(Foto: REUTERS)

Die Behörden wissen nicht, wie viele deutsche Minderjährige noch in der irakischen Stadt Mossul sind, von ihren Eltern verschleppt oder dort geboren - und auch nicht, wie sie ihnen helfen sollen.

Seit der sogenannte Islamische Staat Stück für Stück zerfällt, herrscht bei den deutschen Sicherheitsbehörden eine sonderbare Atmosphäre: große Erleichterung und große Anspannung zugleich. So genau wie möglich soll registriert werden, wer von den deutschen Dschihadisten im sogenannten Endkampf um das Kalifat tot zurückbleibt, wer als vermisst gilt oder versucht, sich im letzten Moment abzusetzen. Rückkehrer, die es aus dem Kampfgebiet zurück nach Deutschland schaffen, gelten als besondere Gefahr für die innere Sicherheit. Es ist eine Statistik des Krieges, für die viel Mühe aufgewendet wird. Eine eigene Arbeitsgruppe namens "Reise" wacht über die Zählung.

Kinder wie Saifullah oder Saifudin kommen darin nicht vor. Die beiden Jungen mit deutscher Staatsangehörigkeit sind sechs und zehn Jahre alt. Ihr Schicksal ist nur bekannt, weil ihre Mutter Fatima M. zu der Gruppe deutscher Frauen gehört, die diesen Monat von irakischen Spezialeinheiten in Mossul festgenommen wurden. Angeblich sollen sie zeitweise für die gefürchtete Sittenpolizei des Islamischen Staats gearbeitet haben.

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Fatima M. hatte ihre Söhne aus Deutschland mit in den Irak genommen, auch bei der Schlacht um Mossul waren sie nach ihren Angaben bei ihr. Zuletzt will sie die Jungen im Keller eines Hauses nahe dem Tigris gesehen haben, der durch die Stadt fließt. Die Kellerdecke sei nach dem Treffer einer Artillerie-Granate oder einer Bombe eingestürzt, eines der Kinder habe gerufen: "Mama, hilf mir." Dann sei es still geworden. Seither, so hat Fatima M. einem Reporter von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR geschildert und inzwischen offenbar auch Beamten der deutschen Botschaft in Bagdad, habe sie die Kinder nicht mehr gesehen. Geblieben sind nur Fotos. Fatima M. betrachtet sie weinend auf dem Handy-Display des Reporters, umklammert das Gerät und küsst das Display.

Der deutsche Staat trägt Verantwortung für die deutschen Kinder im Kriegsgebiet

In Berlin fragt man sich nun, ob die Jungen tot sind, unschuldige Opfer eines mörderischen Kampfes, der noch Monate andauern könnte. Man fragt sich auch, wie viele deutsche Kinder, oft erst im Vorschulalter, dort unten noch in Lebensgefahr ausharren. Oder Teenager wie die 16-jährige Linda W. - die Bilder des Mädchens aus Sachsen mit Trümmerstaub im Haar im Kreis triumphierender irakischer Soldaten gingen um die Welt. Unter den in einem Komplex der irakischen Armee festgehaltenen deutschen Frauen sind auch die gebürtige Marokkanerin Lamia K. und ihre Tochter Nadja. Drei Jahre lang lebte Nadja beim IS, jetzt ist sie 21 Jahre alt.

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Die Geschichte von Saifullah und Saifudin hat das Auswärtige Amt und die Sicherheitsbehörden aufgeschreckt. Sie erinnert daran, dass im schrumpfenden Kalifat nicht nur Menschen ausharren, die sich selbst in Lebensgefahr begeben haben. Sondern auch Jugendliche, manche von ihnen verführt, und hilflose Kinder. Es sind Deutsche, für die der deutsche Staat Verantwortung trägt, ohne zu wissen, wie er ihnen helfen kann. Einen Anspruch auf konsularische Betreuung haben sie, aber wie soll das gehen in diesem Kriegsgebiet? Die vermuteten Zahlen sind hoch: Zwei Drittel der 940 aus Deutschland zum IS ausgereisten Personen haben die deutsche Staatsangehörigkeit - und ihre Kinder ebenfalls.

Der IS lockte europäische Mädchen als Bräute für die Kämpfer an

Wie viele der Jüngsten es im Kalifat gibt, ist nicht bekannt. Hilfsorganisationen und Behörden schätzen mehrere Dutzend, aber gesichert ist das nicht. Unstreitig ist, dass viele Kämpfer ihre Frauen und Kinder nachholten, in den ersten Jahren des Kalifats schien dies sogar ungefährlich zu sein. Später sank die Zahl. Auch Familienausreisen in den Dschihad waren in den ersten Jahren des Kalifats populär. Eine BKA-Auswertung ergab im Jahr 2016, dass von 784 Syrien-Reisenden 290 zum Zeitpunkt ihrer ersten Ausreise bereits Kinder hatten. Unter den 56 registrierten Minderjährigen, die auf die Reise gingen, waren 22 junge Mädchen.

Sogar ganze Clans siedelten nach Syrien und in den Irak über. Auch Yassin O., ein professioneller IS-Anwerber, der zeitweise in Wolfsburg lebte und es später zum Scharia-Richter beim IS gebracht haben soll, nahm mindestens zwei Kinder mit. Inzwischen sollen sie zurück sein.

Der Alltag der jungen Frauen: Putzen, Kochen, Beten, Sex

Die meisten Kinder waren zu jung um zu verstehen, was mit ihnen geschah, und zu jung, um sich zu wehren. Der Verfassungsschutz kennt keine Zahlen, gespeichert werden Personalien erst ab dem Alter von 14. Etliche Kinder wurden auch erst dort unten geboren. Der IS lockte gezielt europäische Mädchen an, sie waren begehrte Trophäen unter den IS-Kämpfern. Die Heirat mit ihnen galt als Belohnung für besondere Tapferkeit oder Grausamkeit. Die Mädchen aus Bayern, Berlin, Sachsen und Nordrhein-Westfalen führten den Kämpfern den Haushalt, fiel ihr Mann, wurden sie oft neu verheiratet. Putzen, Kochen, Beten, Sex - so hat eines der jungen Mädchen den Alltag im Kalifat einmal beschrieben.

Schwanger zu werden, und das möglichst schnell, zählte zu den Pflichten dieser Frauen. Der IS wollte Nachwuchs, die nächste Generation für das Kalifat. Und der Kindergarten des Dschihad muss sich schnell gefüllt haben. Hilfsorganisationen wissen von vielen Geburten, oft meldeten sich die jungen Frauen über Whatsapp bei ihren Familien in Deutschland und schickten stolz ein Foto vom Nachwuchs. Registriert wurden sie mit einer Geburtsurkunde des sogenannten Islamischen Staates, den kein Land der Welt anerkennt. Wenn sie es zurück nach Deutschland schaffen, wird Raqqa oder Mossul als Geburtsort in ihrem Kinderausweis stehen.

Per Whatsapp baten sie um Diagnosen für ihre kranken Kinder

Manchmal ließ sich sogar verfolgen, an welchen Krankheiten die Kleinen litten. Weil es im Kalifat an Kinderärzten mangelt, schickten die Mütter über Messenger-Dienste Schilderungen von Symptomen und Fotos der kranken Kinder an ihre Familien in Deutschland, mit der Bitte dort einen Arzt zu konsultieren und sich mit der Diagnose und Therapieanweisungen wieder zu melden. Seit der IS die Benutzung des Internets ohne ausdrückliche Genehmigung verboten hat, sind die Nachrichten spärlicher geworden.

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Die Älteren gingen zur Schule oder in das, was der IS so nannte. Den Einband der Schulbücher zierten die Bilder von Kämpfern, Ideologie und Waffentraining waren wichtiger als Mathematik oder Geografie. Wer immer als Kind im Kalifat leben musste, wird die Indoktrination ebenso wie seine Erinnerungen womöglich den Rest seines Lebens nicht oder nur schwer abschütteln können. Hilfsorganisationen vergleichen dies bereits mit dem Schicksal afrikanischer Kindersoldaten und schwer misshandelter Opfer in Kriegsgebieten. Erste Erfahrungen gibt es bereits: Psychologen berichten über das Schicksal befreiter jesidischer Mädchen, die von IS-Kämpfern als Sklavinnen gehalten wurden. Viele von ihnen sind seit der Befreiung schwer traumatisiert und suizidgefährdet.

Der deutsche Staat wirkt ratlos, wie er den Kindern helfen soll

Was genau im zerfallenden Kalifat geschieht, wissen die deutschen Sicherheitsbehörden nicht, die Informationen sind lückenhaft, eine Einschätzung der Lage ist schwierig. Eigentlich wurde bereits mit Beginn der Offensive gegen das Kalifat mit einer großen Rückreisewelle gerechnet, türkische Behörden und die Bundespolizei kontrollierten mit großem Aufwand, um deutsche Heimkehrer zu entdecken. Aber kaum jemand kam. Seither gilt als wahrscheinlich, dass die meisten Deutschen und ihre Kinder in der Region geblieben sind. In Mossul sind nach bisherigen Erkenntnissen außer den vier Frauen keine weiteren Deutschen festgenommen worden. Auch Tote wurden bisher nicht entdeckt.

Allerdings sind die deutschen Sicherheitsbehörden auch nur selten vor Ort. Anders als die Franzosen, die eigene Teams entsandt haben, die von toten Kämpfern sogar DNA-Proben nehmen. Man will sicher sein, wen man von der Fahndungsliste streichen kann. Ein Teil der IS-Kämpfer soll sich ins syrische Euphrat-Tal abgesetzt haben. Das Gros wird im umkämpften Raqqa vermutet. Also auch die Deutschen.

Man habe es hier mit einem besonderen Problem zu tun, heißt es in Regierungskreisen und in den Sicherheitsbehörden. Man wolle helfen, aber man wisse nicht wie. Rettungsaktionen in Syrien seien viel zu gefährlich. Und wo solle man suchen? Die Kinder seien "Opfer ihrer Eltern". Der deutsche Staat, der in den vergangenen Jahrzehnten oftmals mit enormem Aufwand die Freiheit für seine durch Terroristen oder Kriminelle entführten Staatsbürger verhandelte, wirkt ratlos.

Mit den irakischen Behörden immerhin gibt es eine enge Zusammenarbeit. Berlin hat Bagdad ersucht, sofort unterrichtet zu werden, wenn Informationen über deutsche Staatsangehörige vorliegen. In Syrien gibt es nur einen Paria-Staat, keine verlässlichen Partner. Es wird womöglich noch schwieriger werden, den deutschen Kindern zu helfen.

Das ungewisse Schicksal von Saifullah und Saifudin könnte nur der Anfang sein.

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