bedeckt München 20°

Islamischer Staat:Mindestens 20 Selbstmordattentäter aus Deutschland wurden identifiziert

Dass sich Deutsche im Namen des IS in die Luft gesprengt haben, ist in den vergangenen Monaten wiederholt bekannt geworden. Mindestens 20 solche Attentäter konnten deutsche Behörden identifizieren. Der Freiburger Yannick Nicolai P. aus dem Obdachlosenmilieu zum Beispiel, der sich binnen kürzester Zeit radikalisierte und im Mai mit einem sprengstoffbeladenen Lkw in einen irakischen Kontrollpunkt raste. Die Brüder Kevin und Mark K. aus Castrop-Rauxel. Mit deren Tod im Irak befeuerte das IS-Hochglanzmagazin Dabiq Ende März seine Propagandamaschine. Der IS feierte die Brüder - einer ist ehemaliger Bundeswehrsoldat - als Märtyrer.

Deutsche Frauen, die als Selbstmordattentäterinnen starben oder dies konkret planen, sind bisher nicht bekannt. "Wir wissen aber, dass islamistische Terrororganisationen auch Frauen für Selbstmordanschläge einsetzen, insbesondere dann, wenn sie das strategisch für notwendig halten", sagt Burkhard Freier, Chef des NRW-Verfassungsschutzes. Frauen würden weniger kontrolliert, deshalb könnten sie auch als Selbstmordattentäterinnen eingesetzt werden, gerade wenn Terrorgruppen unter Druck gerieten wie al-Qaida im Irak.

Bis Anfang 2013 sollen beide Mädchen ganz normale Teenager gewesen sein

Valentina S. und Merve D. machten sich zum ersten Mal Ende 2013 heimlich auf die Reise nach Syrien, mit der Absicht, dort einen IS-Kämpfer zu heiraten - und mit reichlich naiven Vorstellungen. Experten sprechen von Dschihad-Romantik. In der Türkei griff sie die dortige Polizei auf, die Deutsche Valentina S. schickten sie zurück - Merve D. durfte gehen, inzwischen soll sie geheiratet haben. Offenbar wird auch ihr Mann als potenzieller Attentäter gesucht. Zurück in Mönchengladbach betreuten Valentina S. zunächst deutsche Behörden. Sie wollte wieder zur Schule gehen. Doch dies scheiterte, weil sie darauf bestand, einen Gesichtsschleier zu tragen.

Im Sommer vergangenen Jahres reiste Valentina S. schließlich erneut Richtung Syrien. Nach bislang unbestätigten Hinweisen soll sie dabei nicht allein gewesen sein. In der Szene kursieren Gerüchte, sie habe geheiratet und ein Kind bekommen. Dabei waren beide Mädchen bis Anfang 2013 ganz normale Teenager, sagen Ermittler. Sie hörten Popmusik, gingen aus, kleideten sich westlich und tauschten Schminktipps. In ihrem Freundeskreis gab es Muslime und Andersgläubige. Valentina S. wuchs jedoch in schwierigen Verhältnissen auf, ihr Vater trank.

Merve D., deren Familie aus der Türkei stammt, schien gut integriert zu sein. Sie besuchte eine Hauptschule, die besondere interkulturelle Projekte anbietet. Ein Video zeigt Merve D. bei einem Auftritt ihrer afrikanischen Trommel- und Tanzgruppe. Fünf Jahre ist das her. Anfang 2013, beide Mädchen waren 17 Jahre alt, sollen sie sich plötzlich mit dem Islam beschäftigt haben, im Internet auf den Seiten salafistischer Prediger gelandet sein. Sie kritisierten plötzlich Freundinnen, weil diese sich angeblich "unmuslimisch" kleideten. Diese bemerkten die Veränderung, warnten sie, Valentina und Merve brachen den Kontakt ab. Sie fanden neue Freunde, unter anderem sollen sie immer öfter nach Köln gefahren sein, um sich dort mit Gleichgesinnten zu treffen.

110 Frauen aus Deutschland haben sich dem IS angeschlossen

Nach Recherchen von SZ, WDR und NDR steht zumindest Merve D. auch im Kontakt zu einer jungen Frau aus dem Rheinland, die selbst einen gescheiterten Ausreiseversuch hinter sich hat. Die Frau taucht aktuell in mehreren Ermittlungsverfahren auf, unter anderem gegen hochrangige deutsche Vertreter des IS. Mit einem solchen soll sie nach islamischem Recht verheiratet sein. Ermittler in mehreren Bundesländern gehen davon aus, dass sie als Rekrutiererin für die Terrormiliz arbeitet und junge Mädchen unterstützt, nach Syrien auszureisen. Sie gehört zu einem deutschlandweit tätigen Netzwerk. Einige von ihnen leben inzwischen in Syrien.

Aus Deutschland haben sich seit Beginn der Kampfhandlungen nach offiziellen Angaben mehr als 110 Frauen der Terrormiliz angeschlossen, ihr Anteil unter den Ausreisenden steigt. Insgesamt sind mindestens 730 Deutsche nach Syrien und in den Irak gereist, um sich dort dschihadistischen Kampfgruppen anzuschließen. 100 von ihnen sind nachweislich gestorben, ein Drittel soll zurückgekehrt sein, die Dunkelziffer ist hoch. Allein aus Nordrhein-Westfalen, neben dem Raum Frankfurt am Main und Berlin einer der Schwerpunkte der deutschen Salafistenszene, sind in der ersten Jahreshälfte bisher 15 Frauen ausgereist - so viele wie in den Jahren zuvor insgesamt. Dagegen ist die Reisewelle der männlichen Kämpfer aus dem Rheinland abgeebbt: Waren es 2013 noch 76, sind es in diesem Jahr bisher erst zehn.

© SZ vom 12.09.2015/cmy

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite