Süddeutsche Zeitung

Islamischer Staat:Einblicke ins Schlachthaus

  • Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) geht offenbar auch in den eigenen Reihen äußerst brutal vor. Das berichten Rückkehrer nach Deutschland, die sich dem IS angeschlossen hatten.
  • Etwa 600 Menschen sind aus Deutschland in den Dschihad gezogen. Ungefähr 200 sind inzwischen wieder zurückgekehrt.
  • Die Sicherheitsbehörden teilen die Rückkehrer in drei Kategorien ein: verroht, traumatisiert und desillusioniert. Von allen könnte eine Gefahr ausgehen. Sie werden ständig überwacht.
  • Der Verfassungsschutz in NRW hilft Rückkehrern, im Alltag wieder Fuß zu fassen.

Der Weg zum Islamischen Staat (IS) führt fast immer über die türkisch-syrische Grenze. Manchmal bei Nacht im Laufschritt über Hügel und durch aufgegebene Obstgärten. Manchmal im Auto - die Fahrt kann Tage dauern. In den Lagern werden die Brüder aus Deutschland schon erwartet. Es gibt Umarmungen und Pepsi-Cola. Am Anfang sind die vom IS meist ganz nett zu den Neuen. Das ändert sich manchmal ganz rasch. Die Bestialität der Terrormiliz macht bisweilen auch vor den eigenen Leuten nicht Halt, wie Befragungen und Vernehmungen deutscher Rückkehrer zeigen.

600 deutsche Islamisten sind nach Angaben der Behörden in den vergangenen Jahren in den Krieg gezogen, jeder sechste ist eine Frau. Etwa 200 der Syrienfahrer sollen inzwischen wieder zurückgekehrt sein. Wie gefährlich sind sie geblieben? Wie viele von ihnen sind geläutert? Niemand hat Erfahrung mit einer so großen Zahl von Islamisten, die im Krieg waren.

Etwa jeder fünfte Rückkehrer hat über seine Zeit beim IS berichtet. Mancher vielleicht aus Kalkül, mancher aber möglicherweise aus Seelennot, weil der Albtraum nicht aufgehört hat und noch immer nur der Krieg im Kopf ist. Die Protokolle, die deutschen Sicherheitsbehörden vorliegen, zeichnen jedenfalls ein anderes Bild von der Innenwelt des IS, als sie den jungen Muslimen in den Werbevideos der Terroristen wie "mujatweets" gezeigt wird. Im Internet schwärmt immerzu irgendein Kämpfer von dem angeblich wunderbaren Leben im "Kalifat", in dem Brüder aus aller Welt zusammenhalten.

Wer sich freiwillig als Selbstmordattentäter meldet, wird bevorzugt behandelt

Der Alltag scheint völlig anders zu sein. Wer nach der Ankunft in einem Ausbildungslager beispielsweise seinen Pass behalte, laufe Gefahr, "abgeschlachtet" zu werden. Das erzählte ein Rückkehrer, der seinen Pass nicht abgegeben hatte, deutschen Sicherheitsbeamten. Er sei gleich eingesperrt worden, in einem Gebäude, das er als "Schlachthaus" bezeichnete. An den Wänden und auf dem Boden sei Blut gewesen. Überall Blut.

Maskierte Dschihadisten hätten ihn verhört und ihm gesagt, dass sie täglich Spione entdeckten und diese schlachten würden. Dann hätten sie eine Leiche ohne Kopf in den Schlafraum geworfen. Tagelang habe der Menschen-Torso dort herumgelegen. Ob die Geschichte in allen Details stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Manche blutige Geschichte soll möglicherweise den Eindruck erwecken, der Erzähler sei angeblich vom IS kuriert.

Auffällig viele der Heimkehrer schildern ein Klima der Angst, des Misstrauens und der grenzenlosen Brutalität. So würden deutsche Dschihadisten schon kurz nach Ankunft von deutschen Dschihadisten verhört. Zwar gehe das Bundesamt für Verfassungsschutz, so Präsident Hans-Georg Maaßen, davon aus, dass Personen, "die geschleust werden, regelmäßig schon geprüft sind". Die vom IS wüssten, "wer da kommt". Dennoch soll die Angst vor Spionen, wie Heimkehrer berichten, allgegenwärtig sein. Deshalb soll es auch die Verhöre geben.

Es gibt Berichte, dass Deutsche an Folterungen teilgenommen haben

Als Vernehmer der deutschen Neuankömmlinge, das geht aus diversen Berichten hervor, sind zumeist ein Islamist aus Mönchengladbach und der Bonner Farid S. im Einsatz. Von S. gibt es ein Video, wie er da inmitten eines Leichenfeldes steht. Außer bei Verhören wurden etliche deutsche Islamisten offenbar zur Bewachung von Gefangenen eingeteilt. Und es gebe Berichte, sagt Maaßen, dass Deutsche "an Folterungen mitgewirkt haben".

Die Hauptfrage, die bei den Verhören den Neuen gestellt wird, lautet, ob sie Kämpfer oder Selbstmordattentäter werden wollen. Potenzielle Attentäter werden gehätschelt und gepflegt. In Ausbildungslagern erscheinen Kommandeure, um Selbstmordattentäter zu rekrutieren.

Vor allem für Anschläge in Bagdad. Wer aber irgendwie verdächtig erscheint, muss mit drakonischer Bestrafung rechnen. Eine Organisation, deren Feind die Welt ist, kennt kein Erbarmen. Anlässe für Aggression werden überall gesucht. Vermeintliche Spitzel werden gefoltert, erschossen, geköpft. Wer aber ist ein Agent der Welt da draußen?

Wer sein Handy nicht rausgibt und es versteckt, der gilt als verdächtig. Offenbar haben die IS-Leute Angst, die Handys könnten von amerikanischen Drohnen geortet werden. Ein Rückkehrer erzählte, wie ein Neuankömmling auf dem zentralen Platz des Lagers hingerichtet worden sei, weil er ein Handy hatte. Es gibt auch Berichte, dass Dschihadisten, die ohne schriftlichen Passierschein eines Emir versucht hätten, heimzukehren, erschossen worden seien. Früher seien die Köpfe ermordeter Dschihadisten zur Abschreckung aufgespießt worden, heute würden die Leichen meist weggeworfen.

Brutale Mutprobe: einen Menschen ermorden

Zumindest einige der Neuen müssten, so berichteten Rückkehrer, eine brutale Mutprobe leisten. Dazu könne auch die Ermordung eines Menschen gehören. Meist sind die Opfer Muslime. Alle gelten als ungläubig, die nicht an das glauben, woran die Führer des IS glauben.

Die Anführer des IS übertreiben ihre Grausamkeiten bewusst, um Gegner einzuschüchtern. Das ist bekannt. Neu ist, dass auch die eigenen Leute permanent eingeschüchtert werden. So haben es Rückkehrer berichtet.

Kein Experte und niemand in den Sicherheitsbehörden hat ein genaues Gesamtbild der Lage in den Lagern des Islamischen Staats und an der Front. Nach übereinstimmenden Schilderungen aber beginnt die religiöse Schulung sofort, wenn Pässe und Handys eingesammelt sind. Koran-Suren würden gepaukt, aber nur solche, mit denen sich vermeintlich jede Form von Barbarei rechtfertigen lasse.

Jeder lokale Kommandeur pflegt sein eigenes Unterdrückungssystem. Und das gilt auch für die Frauen. Schätzungsweise hundert deutsche Frauen wurden in Moscheen, daheim, auf "Schwesternseminaren" oder bei "Cake days" für den IS geworben. Sie zogen mit ihren Männern in den Krieg oder glaubten, "Löwen" zu heiraten und wurden dann Zweit-oder Drittfrau eines Kriegers, den sie vorher nicht kannten. Die jüngsten von ihnen waren erst 16 Jahre alt, als sie nach Syrien reisten.

"Junge Mädchen", sagt Maaßen, seien in "romantischer Verblendung" eine Dschihad-Ehe eingegangen, und dann sei ihnen "aufgefallen, das ist doch ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben". Andererseits sei es "schon fast komisch", dass ein Mädchen darüber geklagt habe, morgens keine Nutella bekommen zu haben.

Die Sicherheitsbehörden haben die Rückkehrer in drei Kategorien eingeteilt

Die Sicherheitsbehörden haben, um das alles irgendwie in den Griff zu bekommen, die Heimkehrer in drei Kategorien eingeteilt: Erstens: Verrohte, kampferprobte Dschihadisten, die durch ihre Erfahrungen in Syrien nicht gebrochen sind und von denen daher aktuell die größte Gefahr ausgeht. Zweitens: Durch den Krieg traumatisierte Rückkehrer, die schwer einzuschätzen sind und sich in Deutschland erst mal wieder finden müssen. Drittens: Desillusionierte, die sich angeblich angewidert vom IS abgewendet haben. Maaßen schildert den Fall eines jungen Deutschen, der nach Syrien ausgereist sei "und den schon nach den ersten Tagen die Schreie der Folteropfer so beschäftigt hatten, dass er unbedingt weg wollte".

Aber auch bei traumatisierten und desillusionierten Rückkehrern "rechnen wir damit, dass einige immer noch eine Gefahr darstellen", sagt Burkhard Freier, Verfassungsschutz-Chef in NRW. Von den inzwischen fast fünfzig Rückkehrern in sein Bundesland gehören mindestens zehn zur ersten Kategorie. Der Großteil, knapp vierzig Dschihadisten, wird zu den beiden anderen Kategorien gezählt.

Der Verfassungsschutz in NRW hilft Rückkehrern, im Alltag Fuß zu fassen

Dennoch glaubt Maaßen, dass nur ein Bruchteil der Rückkehrer wirklich desillusioniert ist. Und was macht man mit all den IS-Leuten, die heimgekommen sind? Freier sagt: "In enger Abstimmung mit Polizeibehörden ermitteln wir täglich das Gefährdungspotenzial. Dazu prüfen wir auch Möglichkeiten der De-Radikalisierung und des Ausstiegswillens bei den Rückkehrern".

Seit Oktober betreut der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen Rückkehrer auf eine spezielle Weise: Nachrichtendienstler und Heimkehrer machen gemeinsame Behördengänge, der Verfassungsschutz kümmert sich um Arbeit, Wohnung und um die Familie des Heimkehrers.

Dass ein Nachrichtendienst sowohl für Informationsbeschaffung und Überwachung zuständig ist, sich aber auch um De-Radikalisierung bemüht, als wäre er so etwas wie eine Sozialbehörde oder die Bundeszentrale für Politische Bildung, ist ungewöhnlich. Aber wer das obszöne Phänomen IS bekämpfen will, das - in Umrissen - in den Berichten der Rückkehrer sichtbar wird, braucht auch neue Ideen.

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SZ vom 07.02.2015
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