Islamischer Staat:Brutalstes Buhlen um Aufmerksamkeit

Lesezeit: 4 min

Islamischer Staat: Ein Konvoi mit IS-Kämpfern auf einem Archivbild

Ein Konvoi mit IS-Kämpfern auf einem Archivbild

(Foto: AP)

Das Video, das die Ermordung des US-Fotografen James Foley zeigt, schockiert die Welt. Die Dschihadisten-Miliz fordert so nicht nur Amerika und dessen Präsidenten Obama heraus - IS wirbt durch die brutale Inszenierung auch um neue Anhänger.

Von Martin Anetzberger und Antonie Rietzschel

Sie sprechen zynisch von einer "Botschaft an Amerika" - ein Video zeigt die Hinrichtung des US-Journalisten James Foley. Der 2012 entführte Fotograf Foley trägt einen orangefarbenen Overall, der an die Guantanamo-Insassen erinnert. Als Motiv nennen die Kämpfer der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS, früher auch Isis): die von Präsident Obama angeordneten Luftangriffe auf IS-Stellungen im Nordirak. Sollten diese nicht eingestellt werden, so drohen die Dschihadisten damit, einen zweiten amerikanischen Reporter zu töten.

Bisher hatte sich die sunnitische Miliz vor allem auf die Eroberung von Gebieten im Irak und in Syrien konzentriert, um dort ihr Ende Juni ausgerufenes Kalifat zu vergrößern. Zeigt die brutale und öffentlichkeitswirksame Ermordung Foleys nun, dass der Westen in den Fokus der sunnitischen Miliz rückt?

An Drohungen, die der Islamische Staat äußerst professionell verbreitet, mangelt es nicht: Im Interview mit dem Magazin Vice fordert Abu Mosa, ein Sprecher des IS, die USA dazu auf, amerikanische Soldaten in den Irak zu schicken. "Wir werden sie überall erniedrigen. Und so Gott will, werden wir die Flagge von Allah im Weißen Haus hissen." ​In einem weiteren Vice-Video ist ein angeblich aus Belgien stammender Dschihadist zu sehen, der mit seinem kleinen Sohn darüber spricht, wie sie "Ungläubige" in Europa töten wollen.

Mitte August erschien auf Twitter ein Foto, dessen Authentizität bisher unklar ist. Auf dem Bild ist das Weiße Haus bei Nacht zu sehen. Aus dem Dunkeln taucht die schwarze Flagge der Dschihadistengruppe Islamischer Staat auf. Versehen ist der Tweet mit dem Hashtag #AmessagefromISIStoUS ("Eine Botschaft vom IS an die USA"). Dem Secret Service ist das Bild bekannt. Man werde sich darum kümmern, heißt es dort.

Kaum hatte Obama Mitte August amerikanische Luftschläge gegen IS-Stellungen im Nordirak angeordnet, war in Washington über das damit verbundene Risiko debattiert worden. Das US-Engagement könnte die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der IS "gegen das Heimatland losschlage", sagt Seth Jones von der Denkfabrik Rand Corporation. Je mehr die USA die irakische Regierung im Kampf gegen IS unterstützten, "desto eher werden wir zum Ziel", sagte Michael Morell, der ehemalige Vizechef der CIA, dem Time Magazine.

Kampf gegen den Westen gehört zur Ideologie von IS

Andere waren zurückhaltender. "Wir dürfen unsere Politik von dieser Sorge nicht in Geiselhaft nehmen lassen", sagt etwa Daniel Benjamin, ein ehemaliger leitender Beamter im US-Außenministerium. Aaron Zelin vom Washingtoner Institut für Nahostpolitik meint sogar, die Luftschläge änderten nichts an der Terrorgefahr, die vom IS ausgehe. "Meiner Meinung nach sollten wir sie so schnell wie möglich zerstören." Peter Bergen und David Sterman argumentierten in einem Gastbeitrag für CNN, dass der IS trotz seiner Macht im Irak und seiner "abscheulichen" Gewalt keine "ernsthafte Gefahr" für amerikanisches Territorium darstelle.

Peter Neumann, Terrorforscher am Londoner King's College, glaubt, dass die US-Luftangriffe eine Konfrontation mit dem Islamischen Staat lediglich beschleunigt haben. Eines Tages wäre IS so groß und mächtig geworden, dass die Amerikaner ohnehin hätten eingreifen müssen, sagt er im Gespräch mit Süddeutsche.de. "Es war immer eine Illusion zu glauben, dass sich die USA wegducken können", wenn im Herzen des Nahen Ostens ein Kalifat errichtet werde.

Amerika sei als Feindbild auch vor dem Hinrichtungsvideo stets präsent gewesen, erläutert Neumann: "Schließlich ist der Kampf gegen den Westen Teil der Ideologie der Gruppe." Solch brutale Aktionen wie die Ermordung Foleys dienten auch dazu, um weltweit für Aufmerksamkeit zu sorgen, sagt Neumann. So bizarr es klingt: Die Pflege der eigenen Marke ist auch unter Islamisten wichtig.

"Wer das Schlachten gesehen hat, vergisst es nicht"

Dabei hat der Islamische Staat strategische Vorteile gegenüber dem dominierenden Terrornetzwerk al-Qaida, das sich von IS wegen dessen Brutalität distanzierte. Für den IS ziehen mittlerweile auch viele Ausländer in den Heiligen Krieg. So waren unter anderem bei den Kämpfen um Ölfelder in Syrien auch deutsche Dschihadisten vertreten.

Im aktuellen Video, das die Enthauptung von James Foley im Irak zeigt, ist wahrscheinlich ein Kämpfer aus Großbritannien zu sehen. "Auf den ersten Blick scheint es eine britische Person zu sein. Wir werden noch weiter untersuchen müssen, um ganz sicher zu gehen, dass das der Fall ist", sagte der britische Außenminister Philip Hammond der BBC.

Die Gefahr von Selbstmordattentätern

Shiraz Maher, der ebenfalls am Londoner King's College forscht, ist überzeugt, dass der im Video zu hörende Kämpfer aus Großbritannien stammt. Er warnt im Gespräch mit Süddeutsche.de: "Die Gefahr, dass ausländische Dschihadisten Terroranschläge in ihrer Heimat begehen, ist da. Das Video von der Hinrichtung von James Foley zeigt, dass auch sie zu grausamen Taten bereit sind."

Dass Ausländer an dem Schlachten im Irak und Syrien beteiligt sind, stellt eine eindeutige Bedrohung für die westlichen Länder dar. "Wer das Schlachten gesehen hat, vergisst es nicht", urteilt der SZ-Nahostkorrespondent Tomas Avenarius. Einige Kämpfer würden sich dem Terror in Europa widmen, so seine Bilanz.

Wie viele westliche Geiseln sich in den Händen von IS befinden, ist unklar. Einige Beobachter schätzen ihre Zahl auf 30 bis 40 Amerikaner und Europäer. Im Juni kidnappten die Dschihadisten 49 Türken, als sie das türkische Konsulat in Mossul überfielen. Erst im Juli hatte die New York Times in einem aufwändig recherchierten Text beschrieben, wie wichtig Geiseln und das damit verbundene Lösegeld für Terrorgruppen wie al-Qaida und IS sind: Seit 2008 nahmen sie so mindestens 125 Millionen US-Dollar ein. Demnach weigern sich jedoch die Regierungen in London und Washington, Lösegeld zu zahlen (Details hier).

Terrorismus-Experte Peter Neumann geht nicht davon aus, dass IS stark genug ist, um auf westlichem Boden einen größeren Anschlag zu verüben. "Das Risiko schätze ich kurzfristig als gering ein", sagt Neumann. Einzelne Sympathisanten im Westen, sogenannte "einsame Wölfe", könnten sich aber durch das brutale Video darin bestärkt fühlen, auf eigene Faust aktiv zu werden. So hatte der Franzose, der in Brüssel das Jüdische Museum attackierte und drei Menschen tötete, eine IS-Flagge im Gepäck. Kritischer sieht Neumann die Situation in den Ländern Irak, Syrien und Libanon. "Ich bin fest davon überzeugt, dass sie versuchen werden, westliche Institutionen anzugreifen." Auch westliche Staatsbürger seien gefährdet.

Der letzte schwere Terroranschlag im Westen geschah am 7. Juli 2005 in London - verübt von al-Qaida. Damals kamen bei mehreren Explosionen im Nahverkehr 56 Menschen ums Leben, unter ihnen die vier Attentäter. Drei von ihnen waren Briten pakistanischer Abstammung.

Linktipps:

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema