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Islamischer Staat:Angriff der Nihilisten

Kämpfer der Terrormiliz IS in Raqqa

(Foto: AP)

Vergessen wir die Debatte über die Werte des Westens und die Terroristen. Der Islamische Staat hat keine Ideologie außer der eigenen expansiven Existenz.

Europa wurde angegriffen, Europa gibt sich kämpferisch. Aber gerade in diesen aufgewühlten Tagen empfiehlt es sich, ein paar Dinge klarzustellen, damit der Kontinent aus der Defensive herausfindet, ohne dass der Sicherheits- und Militärapparat durchdreht.

Es geht bei terroristischen Anschlägen wie jenen in Paris nicht um Werte. Weder um unsere Werte noch um jene der Terroristen, es sei denn, man möchte sich moralisch mit Kriminellen auf Augenhöhe begeben. Wie Anfang des Jahres beim Anschlag auf Charlie Hebdo waren auch die Täter am Freitag wieder polizeibekannte Kriminelle, marginalisierte Gestalten, die plötzlich in einem leicht rezipierbaren, vermeintlich gottgefälligen großen Ganzen Sinn und Lebenszweck finden, das Saufen und Feiern aufgeben und sich an der Menschheit für ihre gescheiterte Existenz rächen.

Vor einigen Wochen haben die Terroristen ein russisches Flugzeug in Ägypten in die Luft gesprengt, weil Russland den sogenannten Islamischen Staat in Syrien bombardiert. Am Freitag starben Franzosen in Paris, weil Frankreich dasselbe tut. Dass ein paar Bärtige in PropagandaVideos von Paris als "Hauptstadt der Perversion" reden, ändert nichts daran: Die Anschläge folgen glasklaren militärischen Überlegungen. Der hohle Ultrapuritanismus ist reine Garnitur.

Für den Islamischen Staat bedeutet das Leben selbst eine Provokation

Und die Ziele der Terroristen? Der Konzertsaal Bataclan? Das Pariser Ausgehviertel? Die Restaurants? Sie sind reiner Zufall. Al-Qaida hatte sich auf Flugzeuge und Metro-Linien spezialisiert, andere Terroristen zielen auf Museen, Synagogen, Supermärkte, am Freitag in Paris zudem auf ein Fußballstadion. Für den ideologischen Nihilismus des Islamischen Staates bedeutet das Leben selbst eine Provokation, und zwar, dies wäre wichtig, keinesfalls nur im Westen.

Die Anschläge von Paris waren nicht die ersten und sie werden leider nicht die letzten Angriffe in Europa sein. Sie folgen einer jahrelangen Serie von Angriffen in Bagdad und Beirut, in Tunesien und Indien. Oft sterben Muslime, oft Nichteuropäer. Für diese Verbrecher sind alle Menschen mögliche Ziele, auch in den eigenen Reihen. Und so legitim, sinnvoll und zwingend es ist, die Ursachen für jeden einzelnen Anschlag zu untersuchen, herauszufinden, wo mangelnde Integration, Ausgrenzung, auch Ohnmachtsgefühle zum Motor wurden, so wenig muss man den Tätern ihre Sinnstiftungsversuche abnehmen, nur weil sie sich aus ihrer sozialen Marginalisierung in einer furchtbaren Übersprungshandlung in bedeutungsschwere Selbststilisierungen flüchten.

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Bei den Tätern aus dem Nahen Osten liegen die Motive etwas anders. Aber auch hier mündet die Kränkung der Entmachtung, wie sie die Sunniten seit dem Ende des Osmanischen Reiches, wenn nicht seit Napoleons Einmarsch in Ägypten quält, bei einer Minderheit in brutale megalomane Rückeroberungsfantasien. Das ist nicht krank, es ist aus der Sicht der historischen Verlierer nicht einmal völlig unlogisch. Aber es ist ein Verbrechen.

Terror ist nicht über uns gekommen, weil wir Christen, Atheisten oder Juden sind

Es geht ja, auch dies kann man nicht oft genug sagen, nicht um Religion, womöglich gar um den Glaubensfeldzug von "Gotteskriegern". Der Terror ist nicht über uns gekommen, weil wir spirituell nicht genug gefestigt sind, oder weil wir Christen oder Atheisten oder Juden sind. Er trifft Muslime, Hindus und Buddhisten, er trifft jeden. Selbst die üblichen Forderungen nach der dringend notwendigen Historisierung des Korans laufen da ins Leere. Der "Islamische Staat" erpresst Schutzgeld, ja, er verbietet sogar Ersatzreifen, weil sie mangelndes Gottvertrauen zeigen. An der Spitze des IS stehen die abgehalfterten säkularen Ex-Funktionäre von Saddams Baath-Partei. Wie können diese Gestalten eine Debatte über den Islam anstoßen?

Der große Historiker Hans Mommsen hat sein Lebenswerk darauf verwandt, die NS-Geschichtsschreibung von Empörungsreflexen und falschen Sinnstiftungen, von Dämonisierungen und Pathologisierungen zu befreien. So wenig militanter Islamismus und Nationalsozialismus vergleichbar sind, so sehnsüchtig hofft man auf eine Disziplin des Denkens, wie Mommsen sie bis zu seinem Tod vor wenigen Tagen praktizierte.

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Der sogenannte Islamische Staat kennt keine Ideologie außer jene der eigenen expansiven Existenz. Je mehr Menschen auf das Geschwätz vom manichäischen Ringen zwischen Gut und Böse hereinfallen, je deutlicher freie Gesellschaften Symptome von Paranoia zeigen, je mehr Staaten Armeen in den Krieg schicken und sich damit als neue Ziele empfehlen, desto erfreulicher für die Terroristen. Man muss den Terror bekämpfen als das, was er ist, und das ist schwer genug: als Jahrhundertverbrechen.