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Islamische Extremisten:Deutscher Terror für die Welt

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Deutscher Dschihad

Wer ist wer in der deutschen Islamisten-Szene

Die einen gelten als Anstifter, die anderen - wie der Ex-Rapper "Deso Dogg" - ziehen selbst in den bewaffneten Kampf. Deutsche Islamisten sind an Terroranschlägen im Ausland beteiligt. Ausländische Islamisten bekämpfen Ungläubige in Deutschland.. Ein Überblick über die Szene.

Für Islamisten, gerade aus dem Ausland, war Deutschland lange ein Rückzugsort. Das änderte sich nach 9/11. Internationale Dschihadisten machten die Bundesrepublik zum Ziel ihres Terrors - und auch zu ihrem Stützpunkt. Ein Überblick.

Am 11. September 2001 steuerte Mohammed Atta eine Boeing 767 der American Airlines in den Nordturm des World Trade Centers in New York. So begann der größte Terroranschlag in der Geschichte. Seinen Anfang hatte er unter anderem in Deutschland genommen: Atta und mindestens drei weitere Männer hatten ihre Tat in Hamburg geplant.

Seither steht eine Szene im Fokus der Sicherheitsbehörden, die damals noch weitgehend unbekannt war: Deutsche Dschihadisten, ihre Sympathisanten und Unterstützer.

Rückzugsort Deutschland

Vor 2001 war Deutschland der Rückzugsort vieler dschihadistischer Gruppen aus dem Ausland. So hielt sich etwa Mamdouh Mahmud Salim, der Finanzchef von al-Qaida, 1998 für einige Tage in der Bundesrepublik auf. Er besuchte Moscheen und traf Unterstützer. In Deutschland wurden Pläne geschmiedet und Gelder für Anschläge gesammelt - ausgeführt wurden sie dann woanders. Deutschland selbst stand damals noch nicht im Fokus der Dschihadisten. Im Gegenteil, viele Islamisten genossen die Ruhe im Land. Bis zum 11. September 2001.

200 Tote und ein Deutscher unter Verdacht

Die Anschläge in den USA änderten alles. Die Nato rief den Bündnisfall aus, Deutschland sicherte Amerika "uneingeschränkte Solidarität" zu - und entsandte später Soldaten nach Afghanistan. Die deutschen Sicherheitsbehörden eröffneten den Kampf gegen die Islamisten hierzulande. Es gab erste Festnahmen, die Extremisten wurden vorsichtiger.

Einer von ihnen, der deutsche Staatsbürger Reda Seyam, steht im Verdacht, die Bombenanschläge auf Bali im Jahr 2002 finanziert zu haben. Dabei kamen mehr als 200 Menschen ums Leben. Nachgewiesen wurde Seyam die Beteiligung bis heute nicht. Bereits Mitte der neunziger Jahre, während des Bosnienkriegs, produzierte Seyam islamistische Propagandavideos. Eines zeigte, wie Extremisten mit den Schädeln geköpfter Serben Fußball spielen.

Es waren solche Videos, durch die von 2001 an vermehrt Rekruten aus Deutschland für den militanten Kampf angeworben wurden. Erstmals reisten Männer aus Deutschland in den Irak und in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet: nach Waziristan, in die Heimat von Taliban und al-Qaida.

Die Beinahe-Katastrophe von Köln

2006 erreichte der Terror schließlich Deutschland. Am 31. Juli stellten zwei Männer im Kölner Hauptbahnhof Kofferbomben in zwei Regionalzüge. Wegen eines Konstruktionsfehlers zündeten sie nicht. Andernfalls hätte die Wucht der Explosion vermutlich beide Züge zum Entgleisen gebracht.

Beide mutmaßlichen Bahn-Bombenleger gefasst

Kofferbomber von Köln: Jihad Hamad (links) und Youssef Mohamad

(Foto: dpa)

Erstmals hatten Islamisten damit versucht, einen Anschlag in der Bundesrepublik durchzuführen. Die dschihadistische Szene jubelte. Ein Anschlag auf Deutschland schien möglich. Die Sicherheitsbehörden mussten sich unangenehmen Fragen stellen. Warum habt ihr nichts von den Planungen mitbekommen? Warum habt ihr die Attentäter nicht gestoppt?

Eine halbe Tonne Sprengstoff und ein gefährlicher Plan

Ein Jahr später stürmte ein GSG9-Kommando ein Ferienhaus im Hochsauerland, drei Männer wurden festgenommen. Die sogenannte "Sauerland-Gruppe" hatte nach Überzeugung der Ermittler einen "deutschen 11. September" geplant. Dafür hatte sie eine große Menge Wasserstoffperoxid gehortet, mit der Sprengkraft von 550 Kilogramm Dynamit. Die Terroristen wollten mit Autobomben amerikanische Militäreinrichtungen, Diskotheken und Bahnhöfe angreifen.

Erstmals waren auch Konvertiten an der Anschlagsplanung beteiligt, einer von ihnen entriss einem Polizisten bei seiner Festnahme eine Pistole. Islam-Konvertiten, in diesem Fall Deutsche, die zum Islam übergetreten sind, sollten bald häufiger auffällig werden. Konvertiten gelten als besonders radikal und unbelehrbar.

Der Selbstmordbomber aus Bayern

Nach dem Schlag gegen die Sauerlandgruppe setzte sich ein Mann aus Bayern nach Afghanistan ab. Es war eine Flucht - und zugleich eine Reise in den Tod: Cüney Ciftci sprengte sich am 3. März 2008 mit einem Lastwagen, der 4,5 Tonnen Sprengstoff geladen hatte, vor einem US-Militärstützpunkt in Ostafghanistan in die Luft. Er war der erste deutsche Selbstmordattentäter im Afghanistan-Krieg.

Die Extremistengruppe "Islamische Dschihad-Union" veröffentlichte sein Märtyrervideo - zunächst auf Türkisch mit gesungenen Koransuren: "Wie glücklich du bist, dass dir der Tod den Sonnenaufgang bringt, dass du an die Front gehst, dass du brennst im Namen des Islam."

Die ersten Dschihad-Videos in deutscher Sprache folgten. In einem heißt es etwa: "Wenn ihr Gott und seinen Gesandten liebt, dann kommt zum Dschihad, denn das ist der Weg zum Paradies." Die Clips dienten zur Rekrutierung und zur Anwerbung finanzieller Unterstützer. Auch die Beteiligung der Bundeswehr am Krieg in Afghanistan wurde immer häufiger zum Gegenstand dschihadistischer Propaganda. Deutschland sollte für den Einsatz seiner Soldaten büßen. Einst beliebter Rückzugsort, rückte die Bundesrepublik nun ins Visier der Dschihadisten.

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