Süddeutsche Zeitung

Islamfeindliche Äußerungen:Ein Trump zu viel

Lesezeit: 4 min

Von Sacha Batthyany, Washington

Der vergangene Montag dürfte ein Tag nach Donald Trumps Geschmack gewesen sein. Auf sämtlichen Nachrichtenseiten im Netz stand sein Name ganz oben, die Fernsehstationen unterbrachen ihre Programme und meldeten "Breaking News", und auch auf Twitter drehte sich alles nur um ihn. So muss das aus seiner Sicht sein, so geht das in Amerika schon seit mehr als hundert Tagen.

Trump hatte am Nachmittag in einer Presseerklärung verlauten lassen, er wolle den Muslimen die Einreise in die USA verbieten, dann flog er in seinem Privatjet zu einem Wahlkampfauftritt auf der USS Yorktown, einem Flugzeugträger, der Einsätze während des Zweiten Weltkriegs im Pazifik fuhr und jetzt im Hafen von Charleston liegt.

"Ein Viertel der Muslime in Amerika befürworten Anschläge auf die USA"

"So lange wir nicht wissen, was vor sich geht, machen wir für alle Muslime die Grenzen dicht. Auch für Touristen", sagte Trump und sprach von der Gefahr, die von den Muslimen ausgehe, nicht nur von denen in Ländern wie Syrien und Irak, "sondern denen in unserem Land." Ein Viertel der Muslime in Amerika würden Anschläge auf die USA befürworten, "weil sie sich im globalen Dschihad befinden", sagte er. Die Menge tobte.

Dass diese Zahl auf eine angebliche Studie eines Mannes namens Frank Gaffney Junior zurückgeht, der als Anti-Muslim-Extremist eingestuft wird und sich gemeinsam mit anderen Rassisten und Holocaustleugnern auf der schwarzen Liste einer anerkannten Bürgerrechtsorganisation befindet, sagte Trump natürlich nicht. Doch hätte das vor diesem Publikum einen Unterschied gemacht? Wohl kaum.

Seit den Anschlägen in Paris am 13. November hetzt Donald Trump gegen Muslime und legt alle paar Tage einen neuen Holzscheit in die Glut der Islamophobie. Bisher hatte er damit Erfolg.

Erst wehrte er sich gegen die Aufnahme syrischer Flüchtlinge, weil sich darunter Terroristen befinden könnten, "von Isis gesteuerte Trojanische Pferde", wie Trump sie nannte. Dann behauptete er, "Tausende Muslime" in New Jersey gesehen zu haben, die nach den Terrorattacken auf das World Trade Center im September 2001 auf den Straßen gejubelt hätten.

Nachdem bekannt wurde, dass es sich bei dem Ehepaar in San Bernardino, das vergangene Woche 14 Menschen erschoss, um IS-Sympathisanten handelte, rief er dazu auf, Moscheen überwachen zu lassen und jeden Terroristen "in jedem verdammten Winkel der Welt", sowie auch ihre Familienangehörigen, zu vernichten.

Und nun also seine Forderung, überhaupt keine Muslime mehr ins Land reisen zu lassen. Man kann Donald Trump einen Rassisten nennen; sicher jedenfalls ist er ein Opportunist, der alles tut, was seine Umfragewerte wenige Wochen vor den Vorwahlen in Iowa verbessert.

Das wirklich Verstörende aber ist, wie weit er mit solchen Äußerungen gekommen ist. Was sagt das über dieses Land aus, dass so jemand seit mehr als hundert Tagen beinahe alle Umfragen bei den Republiker anführt?

Schon seine Kandidatur begann im gleichen Stil. Als er am 16. Juni in seinem Trump-Tower bekannt gab, ins Rennen um die Präsidentschaft einzusteigen, hetzte er zwar nicht gegen Muslime, wohl aber gegen Mexikaner. Er nannte sie "Vergewaltiger" und "Kriminelle" und sprach davon, alle aus dem Land zu werfen und eine Mauer an der Grenze hochzuziehen.

Der große Aufschrei blieb damals aus, weil man ihn nicht ernst nahm. Er sei eine Eintagsfliege, hieß es von sogenannten Experten, doch sie haben sich geirrt. Die Eintagsfliege ist eine Krake, die die politische Agenda in den USA seit dem Sommer beherrscht.

Seine Strategie ähnelt der von Teilnehmer trivialer TV-Shows wie etwa dem Dschungelcamp: Es geht darum, zu schockieren und zu provozieren, damit weckt man Aufmerksamkeit. Das hilft, die Umfragewerte in die Höhe zu treiben. Dazu reicht Trump oft ein Telefon und sein Zeigefinger. Trump hat auf Twitter mehr Anhänger als Hillary Clinton, immerhin die ehemalige Außenministerin und First Lady. Die Kurzmitteilungen passen zu ihm, auf 140 Zeichen ist Dialektik nicht zu erwarten.

In Deutschland wäre seine Hetze vielleicht strafbar

So schaffte es Trump von Beginn an, das wichtige Thema Migration zu besetzen und sich als Kandidat zu inszenieren, der in den Köpfen vieler "nicht nur redet, sondern tatsächlich etwas verändert" - so hörte man es immer wieder von seinen Anhängern. Er sei der Anti-Obama, der Mann fürs Grobe.

Vor allem aber zwingt er seine Konkurrenten immer wieder dazu, auf seine Äußerungen zu reagieren, alle sprachen über seine Mauer, mit der er Migranten aus dem Süden fernhalten will, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres.

Im Unterschied zu Deutschland, wo Trumps Äußerungen womöglich als strafbar gelten würden, weil sie öffentliche Hetze darstellen könnten, wird in den USA das Grundrecht der Rede- und Meinungsfreiheit sehr weit ausgelegt.

Man kann behaupten, die Erde sei flach, auch die Leugnung des Holocausts ist straffrei, insofern gibt es keine Instanz, die Trump stoppen oder bremsen könnte, außer der Wettbewerb um die Gunst der Wählerstimmen. Entgegen vielen Prognosen hat ihm bisher noch keine seiner Attacken geschadet.

Auch die Dauerkritik der Medien tropfte bislang an ihm ab, "als würde er eine Weste aus Kevlar tragen", sagte Tim Malloy bei der Bekanntgabe der Umfragewerte der Universität Quinnipiac vor ein paar Wochen.

Zum ersten Mal könnte Trumps Ruf ernsthaft Schaden nehmen

Es könnte jedoch sein, dass Trumps Ruf durch seine jüngste Forderung, die Grenzen für Muslime zu schließen, erstmals spürbar Schaden nimmt. Denn die Vehemenz der Kritik, die nun auf ihn einprasselt, ist neu.

Sie kommt auch aus dem eigenen Lager. Wenn selbst ein strammer Rechtsaußen-Politiker wie Newt Gingrich sagt, seine Idee sei "wahrscheinlich ein wenig zu heftig", ist das ein Zeichen dafür, dass Trump Opfer des Feuers wird, mit dem er spielt.

Sämtliche Präsidentschaftsanwärter der Republikaner nennen Trumps Forderung "antiamerikanisch" oder "unangemessen", sie würde der Terrormiliz IS nur in die Hände spielen.

Selbst Ted Cruz, Liebling der Tea-Party-Bewegung und seit Wochen mit Trump im Rennen um rechte Wähler, hat sich von ihm distanziert. Er dürfte viele seiner Stimmen erben, falls Trump fällt, denn inhaltlich stehen sie sich nahe, nur ist er der erfahrenere Politiker. Cruz ist der Trump im Schafspelz.

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SZ vom 09.12.2015
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