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Islam:Spiritualität per App

Saudi-Arabien lässt die Umrah, die kleine Pilgerreise nach Mekka, wieder zu - aber unter strengen Pandemie-Auflagen.

Von Dunja Ramadan

Die Frankfurter Buchmesse gilt als Mekka für Bücherwürmer. Der Baumarkt? Als Mekka für Heimwerker. Das echte Mekka, die heiligste Stätte der Muslime, steht im alltäglichen Sprachgebrauch für Tummelplatz, Hochburg, Anziehungspunkt. Für Viren wäre die Stadt im westlichen Saudi-Arabien also ein Glücksfall: Millionen Menschen aus aller Welt kommen hier zusammen, tags wie nachts, mit ihnen könnte das Virus in alle möglichen Himmelsrichtungen fliegen. Den Gefallen haben die saudischen Behörden dem Coronavirus aber bislang nicht getan. Als im Juli die große Pilgerfahrt stattfinden sollte, zu der sonst 2,5 Millionen Muslime zusammenkommen, ließ das HadschMinisterium nur 1000 Besucher zu.

Seit Oktober läuft nun die kleine Pilgerfahrt, die sogenannte Umrah, nach einer siebenmonatigen Pause schrittweise wieder an. In normalen Zeiten findet die kleine Pilgerfahrt ganzjährig statt und zieht jährlich etwa 20 Millionen Muslime an. Seit Mitte des Monats dürfen nun 15 000 Pilger täglich nach Mekka. Von 1. November an sind erstmals wieder ausländische Besucher erlaubt, dann wären es 20 000 Pilger täglich. Für einen Besuch müssen sich die Gläubigen durch eine eigens entwickelte App klicken. Ähnlich wie beim Buchen eines Restaurantbesuchs können sie freie Timeslots auswählen. Nach der Registrierung ist den Pilgern ein Aufenthalt von drei Stunden erlaubt. Sobald der QR-Code auf dem Handy erscheint, steht dem spirituellen Erleben nichts mehr im Weg.

Um mögliche Infektionsketten nachzuvollziehen, wird über die App auch die Hin- und Rückfahrt abgewickelt. So müssen sich die Pilger an verschiedenen Sammelpunkten der Stadt zusammenfinden, von dort werden sie mit Bussen zur Großen Moschee gefahren. Nur wer eine Maske trägt und sich an die Abstandsregeln hält, darf einsteigen - und wer zuvor den Ticketpreis bezahlt hat.

Denn ein reibungsloser Ablauf der Pilgerfahrten ist für das Königreich vor allem wirtschaftlich wichtig. Für Muslime ist sie eine der fünf Säulen im Islam, für Saudi-Arabien eine wichtige Säule des Staatshaushalts. So verdient das Königreich am religiösen Tourismus rund zwölf Milliarden Dollar pro Jahr. Vor allem Muslime aus dem Ausland versprechen ein lukratives Geschäft, für einen Besuch zahlen sie mehrere Tausend Euro für Flug, Unterkunft und Verpflegung.

Einnahmen, die der weltgrößte Erdöl-Exporteur gerade gut gebrauchen könnte. Bereits vor der Pandemie musste das Königshaus den global gefallenen Erdölpreis verkraften. Im Februar prophezeite der Internationale Währungsfonds, dass der Reichtum der ölreichen Golfstaaten in den kommenden 15 Jahren aufgebraucht sein könnte. Kronprinz Mohammed bin Salman setzt deshalb auf seine "Vision 2030", die neue Wirtschaftszweige erschließen soll. Doch für Investitionen fehlen derzeit Milliarden.

Die Bilder aus Mekka sind deshalb entscheidend. Zehnmal täglich desinfizieren Heerscharen von Reinigungskräften das gesamte Areal, das Wasser aus den Zamzam-Brunnen gibt es nur in abgepackten Flaschen. So soll die Stadt auf keinen Fall zum Mekka für Viren werden, hofft man in Saudi-Arabien.

© SZ vom 17.10.2020
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