Islam:In Köln ruft jetzt der Muezzin

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Islam: Das Minarett der Kölner Zentralmoschee ragt gen Himmel, an diesem Freitag versammelten sich darunter 3000 Gläubige zum Gebet.

Das Minarett der Kölner Zentralmoschee ragt gen Himmel, an diesem Freitag versammelten sich darunter 3000 Gläubige zum Gebet.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Nach monatelangen Debatten lädt die Zentralmoschee ihre Gläubigen über Lautsprecher zum Gebet. Manche weinen vor Glück. Andere beklagen eine Machtdemonstration des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan.

Von Jana Stegemann, Köln

Der Muezzin in Köln ruft an diesem Freitag genau zwei Minuten und 36 Sekunden. Doch vorangegangen sind seinem Gebetsruf ein Jahr Planung - und deutschlandweite Diskussionen.

Es ist 13.25 Uhr am Freitagmittag, als der Religionsvorsteher die Muslime zum höchsten gemeinschaftlichen Gebet der Woche bittet. Er steht dafür vor den imposanten Holztüren der Moschee. Der Himmel über den Minaretten ist grau, es nieselt. Zum ersten Mal schallt in Köln der Gebetsruf aus den beiden Lautsprechern nach draußen. Für die mehr als 3000 Menschen, die sich vor und an der Moschee versammelt haben, ein Novum. Schon vor dem Ruf liegen sich Muslime und Muslimas vereinzelt weinend in den Armen.

Der Muezzin darf nur in Gesprächslautstärke rufen

Bisher war der Gebetsruf in Köln nur im Inneren des Gebäudes zu hören. Doch nun startet ein auf zwei Jahre befristetes Modellprojekt in Köln, wonach der Ruf auch über Lautsprecher erlaubt ist. Außerhalb des Moscheegeländes ist er trotzdem kaum zu hören. Denn die Ditib-Zentralmoschee liegt in Köln im beliebten und teuren Szeneviertel Ehrenfeld direkt an einer fünfspurigen Straße, der Lärm der Autos und Lkw übertönt fast alles. Den Ruf des Muezzins hört auf der Straße nur, wer sich konzentriert und die Rufe der Demonstrantinnen auf der anderen Straßenseite ausblendet, die sich für Frauenrechte in Iran einsetzen. Zudem darf der Muezzin in Köln nur in Gesprächslautstärke rufen, bis zu 60 Dezibel sind erlaubt. Darauf hat sich die Moscheegemeinde mit der Stadt Köln in einem Vertrag geeinigt.

Nilgun Akkanat ist mit ihrer Familie aus der Nähe von Gummersbach gekommen. "Für mich ist das heute ein wunderschöner Tag. Ich möchte mich bei den Menschen bedanken, die das erlaubt haben. Ich weiß schon jetzt, dass ich heulen werde. Wir sind auch hier, um unseren Kindern zu zeigen, dass wir in Deutschland willkommen sind, das bedeutet der Ruf für mich", sagt die 35-jährige Türkin. Auch Mohammad Emdadul Islam strahlt, der 28-jährige Student aus Bangladesch spricht von "einem historischen Moment".

Vor einem Jahr hatte Kölns parteilose Oberbürgermeisterin Henriette Reker das Pilotprojekt überraschend angekündigt. Den Muezzin-Ruf zu erlauben, sei für sie ein Zeichen der Toleranz und der Religionsfreiheit. Entstanden war das Projekt, weil sich in der Coronazeit mehrere Moscheegemeinden bei der Stadt gemeldet und darum gebeten hatten, in dieser schwierigen Zeit über Lautsprecher rufen zu dürfen. Damals hatten in der Domstadt immer wieder die Glocken der Kirchen geläutet, als Zeichen des Trostes, als Zeichen des Miteinanders. Die Aufregung nach Rekers Ankündigung war groß. Kritiker sehen in dem Muezzin-Ruf eine "Machtdemonstration Erdoğans". 900 Moscheen in Deutschland gehören zur Ditib, einem Verband, der von der türkischen Regierung gesteuert wird, der der Religionsbehörde Diyanet untersteht. Zur Eröffnung der Ditib-Zentralmoschee in Köln vor vier Jahren war der türkische Staatspräsident persönlich angereist.

Doch nach Rekers Ankündigung hatte nur eine einzige Moscheegemeinde in Köln die erforderlichen Unterlagen für das Pilotprojekt eingereicht. Bis zur Genehmigung dauerte es mehrere Monate, dem Umweltamt der Stadt musste unter anderem ein Schallschutzgutachten vorgelegt werden.

"Nach dem Dom ist die Zentralmoschee die am stärksten frequentierte Sehenswürdigkeit in Köln"

Ohnehin gab es bereits Muezzin-Rufe in Deutschland über Lautsprecher. Seit Ende der 1990er Jahre erschallt der Gebetsruf zum Beispiel dreimal täglich im nordrhein-westfälischen Düren. Wie viele Gemeinden das praktizieren, weiß keine Behörde, es gibt keine Meldepflicht. Zekeriya Altug, ein Ditib-Vertreter, schätzt die Zahl auf 250. Altug sagte bei einer Infoveranstaltung für die Nachbarschaft am Donnerstagabend: "Nach dem Dom ist die Zentralmoschee die am stärksten frequentierte Sehenswürdigkeit in Köln." Man wolle den vielen Gläubigen in der Stadt - in Köln leben mehr als zwölf Prozent Muslime - "ein Stück mehr Beheimatung ermöglichen mit diesem Schritt".

So empfindet auch Saliha Er. Die Studentin aus Meinerzhagen im Sauerland sagt vor der Moschee: "Ich als Muslima mit Kopftuch fühle mich ziemlich ausgeschlossen aus der Gesellschaft. Deshalb finde ich es sehr schön, dass der Muezzin ruft. Ich habe dadurch das Gefühl, als Muslima gesehen und akzeptiert zu werden." Anders sieht es Ezan Nury. Der 19-jährige aus Hamburg ist praktizierender Moslem, ob der Muezzin-Ruf hier sein muss, "da bin ich mir ganz unsicher". Er habe sowieso eine App, die ihn zum Gebet rufe.

Mehrere Anwohnerinnen kritisierten am Donnerstagabend während der Infoveranstaltung Kölns Oberbürgermeisterin. Eine Frau beklagte, es sei vorab kein Dialog zwischen der Nachbarschaft, der Bevölkerung und den Gläubigen angestoßen worden. "Frau Reker" sei mit ihrem Projekt plötzlich um die Ecke gekommen, das sei der falsche Weg.

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